merken
PLUS Görlitz

Wie die Schweinepest unser aller Leben verändert

Errichtete Zäune haben die Ausbreitung der Tierseuche in Sachsen nicht verhindert. Jetzt droht der Kreis Görlitz nördlich der A 4 Seuchengebiet zu werden.

Diese Zäune sollen gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest helfen. Doch die Zweifel, ob das reicht, werden immer größer.
Diese Zäune sollen gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest helfen. Doch die Zweifel, ob das reicht, werden immer größer. © THW/Susan Schmidt

Blaubeeren und Pilze sammeln - das gehört für viele zu einem Waldspaziergang im Sommer oder Herbst dazu. Möglicherweise aber könnte das Vergnügen in diesem Jahr ausfallen oder doch stark eingeschränkt werden. Daran schuld ist die Afrikanische Schweinepest, die sich im Norden des Landkreises weiter ausbreitet. Der Kreis stelle sich auf größere Sperrzonen, verschärfte Auflagen für Landwirtschaft, Tierhaltung, Waldnutzung ein und eben auch auf Verbote bestimmte Wälder zu betreten.

Denn erstmals ist ein Wildschweinkadaver positiv auf die Afrikanische Schweinepest getestet worden, der westlich der Bundesstraße B 115 und damit außerhalb der von Zäunen umgebenen Sperrzone gefunden wurde. Das Tier lag beim Truppenübungsplatz Oberlausitz im Norden des Landkreises. Das bestätigte Dr. Udo Mann, stellvertretender Amtsleiter im Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt des Kreises Görlitz, am Freitag vor Journalisten in Görlitz.

PPS Medical Fitness GmbH
Physiotherapie bei PPS Medical Fitness
Physiotherapie bei PPS Medical Fitness

Krankengymnastik, Bewegungsbad, physikalische Therapie, Lymphdrainage, Massagen, Outdoor-Training - PPS Medical Fitness ist für Ihre Unterstützung rundum aufgestellt.

Damit scheinen alle Bemühungen vergeblich gewesen zu sein, mittels Barrieren wie Zäunen die Verbreitung der Schweinepest zu verhindern. Nun droht die Ausweitung der gefährdeten Zone wie auch der Pufferzone rund um die Fundstellen. Im Gespräch ist der gesamte Landkreis nördlich der Autobahn A 4, sogar Teile des Landkreises Bautzen sind gefährdet. Festlegen werden die neuen Zonen die zuständigen Behörden des Freistaates in der kommenden Woche, kündigte das Görlitzer Landratsamt an.

Das Virus kann auf vielen Wegen verbreitet werden

Für Udo Mann ist damit klar: Ein Zaun allein wird die Ausbreitung der Tierseuche, die für Hausschweine tödlich, für den Menschen aber ungefährlich ist, nicht aufhalten. So könnten auch Seeadler, die Wildschwein-Kadaver fressen, die Seuche verbreiten, oder Wölfe, die durchaus in der Lage sind, über einen ein Meter hohen Zaun zu springen.

Aus Manns Sicht hilft nur die weitere Reduzierung des Wildschweinbestandes. Er führte Ungarn als Beispiel an, das den Bestand auf 0,5 Tiere pro Quadratkilometer anstrebt. Im Landkreis Görlitz liegt der Bestand noch schätzungsweise bei 3 bis 4 Tieren pro Quadratkilometer. Deswegen erwartet Landrat Bernd Lange auch klare Festlegungen seitens des Freistaates, wo gejagt und Schwarzwild abgeschossen werden kann und wie die Jäger finanziell beispielsweise für die nächtliche Jagd unterstützt werden.

Sowohl die geschossenen Wildschweine als auch die aufgefundenen Kadaver werden zu so genannten Kadaver-Sammelpunkten von Mitarbeitern der Bergeteams gebracht. Das sind ausschließlich Mitarbeiter des Landratsamtes. Zehn solcher Sammelstellen hat der Landkreis im gesamten Kreisnorden bereits eingerichtet, zum Beispiel in Weißwasser, Niesky oder Krauschwitz. Meist nutzt er dabei kommunale Strukturen wie Bauhöfe, so auch in Krauschwitz. In den Sammelstellen werden die Kadaver beprobt und anschließend die Überreste von der Tierkörperbeseitigungsanlage in Lenz abgeholt.

Polen fährt andere Strategie als Deutschland

Der Kreis sieht aber nicht nur in einer verstärkten Reduzierung des Wildschweinbestandes eine Möglichkeit, die Schweinepest zurückzudrängen. Vor allem müsse das Vorgehen mit Polen abgestimmt werden. Denn die Tierseuche wird über Oder und Neiße nach Deutschland hineingetragen. Deshalb bemüht sich der Landkreis seit Wochen, den Bund und die EU für ein verstärktes Engagement zu gewinnen - vor allem finanzieller Art. Doch bislang liegen keine Zusagen vor.

Dass der Schlüssel für das Eindämmen der Seuche in Polen liegt, davon sind die Görlitzer Behörden überzeugt. Zumal die Quelle der Schweinepest dort geortet wurde. Erstmals gab es am 22. Februar einen direkten Kontakt zwischen dem Görlitzer Landratsamt und den polnischen Behörden. Dabei informierte man sich gegenseitig über die ergriffenen Maßnahmen und Strategien.

Und die unterscheiden sich erheblich. Während in Deutschland die Fundorte der Kadaver mit dem Schweinepest-Virus umzäunt wurden, sicherte Polen die Fundorte zwar mit Zäunen in Richtung Norden, Süden und Osten - aber nicht entlang der Flüsse Neiße und Oder. So ist es den Tieren nach wie vor möglich, die Grenzflüsse zu durchwaten und nach Deutschland zu kommen.

Landrat Bernd Lange ist deswegen überzeugt davon, dass es nichts nützt halb Sachsen zu umzäunen, wenn nicht mit den Polen eine gemeinsame Strategie verabredet wird. Zwar kündigte er weitere grenzüberschreitende Konsultationen an, sieht aber eher den Bund am Zuge, das Nachbarland zu weiteren Maßnahmen zu drängen. Bundesumweltministerin Julia Klöckner hat jetzt Beratungen mit Polen für den März angekündigt.

Wer zahlt für die Einbußen der Wirtschaft?

Dass Eile mit Polen angesagt ist, illustrierte Lange auch mit anderen Beispielen. So könnten die Schweinepest-Viren auch durch Holztransporte aus Polen zu den holzverarbeitenden Unternehmen im Landkreis verbreitet werden. Und selbst die polnischen Händler, die Blaubeeren oder Pilze beispielsweise auf dem Görlitzer Wochenmarkt anbieten, sind nicht davor gefeit, das Virus zu verbreiten.

Ähnliche Probleme könnten sich ergeben, wenn die Borkenkäfer wieder über die Fichtenbestände im Norden des Kreises herfallen und die Waldbesitzer bei der Bergung der gefällten Bäume aus dem Forst zusätzliche Vorkehrungen wegen der Schweinepest treffen müssen, was weitere Kosten nach sich zieht.

Udo Mann sieht damit auf Bund und Land enorme finanzielle Belastungen zukommen. Denn alle Einschränkungen von Landwirtschaft, Forst oder Tierhaltung, die jetzt und in Zukunft für den Landkreis erwartet werden, würde zu Entschädigungsforderungen führen. Wie auch Landrat Bernd Lange ist er davon überzeugt, dass diese Tierseuche nicht nur die Halter von Hausschweinen betreffen wird. Auch Waldbesitzer, Landwirte, Betreiber von Biomasse-Heizkraftwerken, sogar die Kunden auf Wochenmärkten werden die Folgen spüren. Bis hin zum Spaziergänger, der bei der Gelegenheit Blaubeeren oder Pilze sammelt.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz