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Schlammschlacht bei Gelb-Weiß Görlitz beendet!?

Der einst größte und wichtigste Görlitzer Fußballverein hat einen neuen Vorstand gewählt – und rechnet ab. Der abgewählte Vorsitzende gibt aber nicht auf.

Das waren noch Zeiten: Am 18. August 2009 war Bayern München zu Gast beim NFV Gelb-Weiß Görlitz. Münchens Miroslav Klose und der Görlitzer Kapitän Tino Pietsch führen die Mannschaften aufs Feld.
Das waren noch Zeiten: Am 18. August 2009 war Bayern München zu Gast beim NFV Gelb-Weiß Görlitz. Münchens Miroslav Klose und der Görlitzer Kapitän Tino Pietsch führen die Mannschaften aufs Feld. © Robert Michael

Jens Eichberg heißt der neue Vorstandsvorsitzende des NFV Gelb-Weiß Görlitz. Er wurde auf einer denkwürdigen außerordentlichen Mitgliederversammlung am Freitagabend in einem eigens aufgestellten Pavillon (um die Corona-Bedingungen zu erfüllen) gewählt, währenddessen der stürmische Wind die Planen des Öfteren knallen ließ. Der 48-Jährige löst damit Harald Twupack ab, mit dem sich das Präsidium um den Präsidenten Carsten Liebig eine erbitterte Schlammschlacht um die Macht im einst größten Görlitzer Fußballverein geliefert hatte, die auch die hiesigen Gerichte beschäftigte und womöglich weiter beschäftigen wird.

Twupack, der bei dieser Mitgliederversammlung selbst nicht anwesend war, hält diese für nicht rechtens (den neuen Vorstand also auch nicht), während sich der neugewählte, siebenköpfige Vorstand sicher ist, auch auf der juristisch richtigen Seite zu sein. In der Mitgliederversammlung wurde den anwesenden knapp 30 Mitgliedern (von insgesamt 86 über 18-jährigen Vereinsmitgliedern) erklärt, was zum Bruch mit Harald Twupack geführt hatte.

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Schwere Vorwürfe gegen Twupack

Und da kam einiges zusammen. Präsident Carsten Liebig erinnerte zunächst daran, dass von den im November 2016 gewählten acht Vorstandsmitgliedern zuletzt nur noch vier dagewesen seien. Insgesamt gab es laut Liebig in dieser Zeit 15 Vorstandsmitglieder, von denen einige nach nur einem halben Jahr wieder ausschieden. „Allein angesichts dieser Fluktuation kann von einer kontinuierlichen Vorstandsarbeit keine Rede sein“, sagte Liebig. In den viereinhalb Jahren habe es nur 15 Vorstandssitzungen gegeben, der Maximalabstand betrug elfeinhalb (!) Monate. Von den letzten sechs Vorstandssitzungen von Juni 2018 bis Dezember 2020 fehlten bis heute die Protokolle, nachdem Twupack selbst die Protokollführung übernommen habe. Liebig erklärte weiter, dass es zu einer „Verselbstständigung der Arbeit des Vorstandsvorsitzenden“ gekommen sei, Twupack Vorstandsmitglieder durch Nichteinbeziehung vergrault und den Vorstand gespalten habe, bis es am Ende eine „Ein-Mann-Show“ gewesen sei. Das Fass zum Überlaufen brachte dann eine Vorstandssitzung im Oktober 2020, als festgestellt wurde, dass das Geld auf dem Vereinskonto nicht reicht, um eine notwendige Dachreparatur an der Vereinsbaude vorzunehmen. Der Vorstand beschloss laut dem damaligen Vorstandsmitglied Jens Eichberg, diese Reparatur nach hinten zu verschieben. Twupack aber habe eigenmächtig doch einen, wenn auch etwas günstigeren Auftrag ausgelöst. „Wir haben dann gesagt: Jetzt reicht es“, erklärt Eichberg. Eine detaillierte Kassenprüfung von 2017 bis Oktober 2020 wurde durchgeführt und brachte laut Liebig und anderen Vorständen eine ganze Reihe Ungereimtheiten ans Licht.

Da geht es um Reisekostenabrechnungen von Harald Twupack, auf deren Quittungen nur ein Betrag steht, aber kein Reisegrund. Da geht es um eigentlich unübliche Entschädigungen von Twupack als Mannschaftsleiter, die er sich als Vorsitzender selbst bestätigt und als Finanzer (auch diesen Posten hatte er übernommen) auch selbst ausgezahlt haben soll. Da geht es um Arbeiten als IT-Dienstleister, die bislang immer ehrenamtlich erledigt worden seien, die er jetzt in Rechnung gestellt, sich bestätigt und auch ausgezahlt haben soll. Und es geht um die Einnahmen aus der Vereinsklause, die Harald Twupack mit seiner Frau betrieben hat und für die für die letzten vier Jahre weder Abrechnungen vorliegen, erst recht nicht Einnahmen verbucht worden sein sollen. Das erzählen Carsten Liebig, Jens Eichberg und Benjamin Bley, der unter Twupack ebenfalls im Vorstand war. Dazu sollen scheinbar fingierte Rechnungen und spätere (bis zu acht Monate) Rückzahlungen kommen, die den Verdacht aufkommen lassen, Twupack habe das Vereinskonto auch als private Finanzreserve genutzt. Carsten Liebig sagt: "Wir haben ihn im Dezember 2020 mit diesen Dingen konfrontiert und bis heute keine Antwort. Deshalb haben wir auch Strafanzeige gestellt.“ Alle Gütetermine, alle gesetzten Termine habe der alte Vorstandsvorsitzende verstreichen lassen. Mit der Neuwahl des Vorstandes will der NFV dieses Kapitel nun hinter sich lassen.

Twupack sieht sich weiter im Recht

Alle Wahlen, die des neuen Vorstandsvorsitzenden Jens Eichberg, der Vorstandsmitglieder und der Kassenprüfer erfolgten einstimmig. Aus dem „Twupack-Lager“ war zur Abstimmung niemand anwesend. Einzig René Leszczynski, der sich unter Twupack stark engagiert hatte, war da, weil er laut ursprünglicher Tagesordnung aus dem Verein ausgeschlossen werden sollte. Dieser Punkt wurde aber abgesetzt. Leszczynski nutzte die Gelegenheit, um seine Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieser Mitgliederversammlung zu äußern, was auch ins Protokoll aufgenommen wurde. Daraufhin verließ Leszczynski die Versammlung.

Wer glaubt, dass die Schlammschlacht beim NFV damit zu Ende sei, könnte sich täuschen. Noch am Freitag, fast parallel zur Mitgliederversammlung, verschickte Harald Twupack eine E-Mail auch an die Sächsische Zeitung. In ihr erhärtete er seinen Standpunkt noch einmal. Außerdem weist er nach wie vor alle Vorwürfe von sich, glaubt, alles erklären zu können und sagt, dies auf einer Sitzung mit 19 Spielern der Männermannschaft und A-Jugend am Donnerstag getan zu haben. Die außerordentliche Mitgliederversammlung des Präsidiums bezeichnet Twupack als satzungswidrig, was er mit zahlreichen Verstößen gegen die Vereinssatzung begründet. Der vielleicht interessanteste „Schachzug“: Gegen die Carsten Liebig und sechs weitere Vorstandsmitglieder ließ er am 27. April durch einen Gerichtsvollzieher (!) die Einleitung eines Ausschlussverfahrens wegen vereinsschädigenden Verhaltens und anderer Gründe zustellen. Damit sollen laut Satzung alle Funktionen und Rechte als Mitglied, Vorstand und Präsidium ruhen. Die betreffenden Mitglieder hätten aus Sicht von Twupack somit keine Mitgliederversammlung einberufen dürfen. Der Beschluss zur Einberufung einer Mitgliederversammlung und die Mitgliederversammlung selbst seien damit rechtswidrig.

Die andere Seite fragt natürlich, wer diesen Beschluss überhaupt gefasst haben soll, wenn er gegen alle Vorstandsmitglieder geht. Das Gleiche gilt für jene Vorstandssitzung am 1. Mai, auf der Twupack eine Mitgliederversammlung für den 4. Juni organisiert haben will, an der er auch nach dem vergangenen Freitag festhält.

Fakt ist andererseits auch, dass es Widersprüche von 21 Vereinsmitgliedern gegen die Mitgliederversammlung am Freitagabend gab, die Präsident Carsten Liebig aber als nicht satzungskonform vom Tisch wischte. Es dürfte noch eine Weile spannend bleiben, weil Harald Twupack wohl nicht klein beigeben wird, auch wenn laut Carsten Liebig der neue Vorstand am Dienstag notariell bestätigt werden und beim Amtsgericht zur Eintragung ins Vereinsregister eingereicht werden soll.

Neuer Vorstand zeigt sich hochmotiviert

Wem es aber um den Fußball und die Anknüpfung an die beachtliche Fußballtradition des Vereins geht, der kann gut mit dem neuen Vorstand leben. Auch das wurde deutlich. Die Motivation ist groß, den Verein aus dem tiefen Tal zu führen und an allen Fronten – von Nachwuchsgewinnung und -förderung bis zur Sponsorenakquise – wieder besser zu werden, einschließlich der Kooperation mit anderen Vereinen. Denn Nachwuchsleistungszentrum ist der Verein immer noch, spielt von der D- bis zur A-Jugend auf Landesebene und hat in den vergangenen fünf Jahren immerhin 20 Talente an die Sportschulen delegiert. Und auch die Männermannschaft soll wieder bessere Zeiten erleben – mit Spielern aus der eigenen Nachwuchsschule.

Der neue Vorstand des NFV Gelb-Weiß Görlitz:

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