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Viele haben Erfahrungen mit Görlitzer Arzt

Der Kreis strebt jetzt ein Bußgeldverfahren gegen Ralph Tinzmann an. Die Reaktionen auf seinen Fall sind heftig.

Das Verhalten von Ralph Tinzmann in der Corona-Krise schlägt Wellen.
Das Verhalten von Ralph Tinzmann in der Corona-Krise schlägt Wellen. © SZ

Mit dem Görlitzer Allgemeinmediziner Ralph Tinzmann haben viele Görlitzer Erfahrungen gesammelt. Entsprechend voll sind die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken unter einem SZ-Beitrag über dessen Rolle in der Corona-Pandemie. Es geht um einen Vorfall in einem Pflegeheim, in das Ralph Tinzmann gerufen wurde, nachdem ein 64-jähriger Bewohner verstorben war. Sein Auftreten dort hat zu einer Kontroverse geführt. Das Landratsamt Görlitz leitete ein Bußgeldverfahren wegen Verstoßes gegen die Corona-Schutzverordnung gegen Ralph Tinzmann ein, bestätigt Sprecherin Julia Bjar.

Tinzmann hat Kritiker - aber auch Unterstützer

Auf der Facebook-Seite der SZ finden sich unter den Kommentaren drei Gruppen. Die eine verteidigt ihn ohne Abstriche, dann gibt es unversöhnliche Kritiker. Und schließlich eine dritte Gruppe, die ihn fachlich schätzt, für sein Auftreten gegenüber Patienten aber kritische Worte findet.

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„Schon vor Corona der Arzt des Misstrauens“, heißt es etwa. Mehrere Facebook-Nutzer schildern ihre Erinnerungen an konkrete Situationen als Patienten, bei denen Tinzmann sich unfreundlich, arrogant verhalten habe. Bis hin zu: „Mittlerweile frage ich die Leitstelle, ob Dr. Tinzmann Bereitschaft hat und wenn ja, dann verlange ich sofort die Rettung. Ich kann das meinen Patienten einfach nicht antun“, schreibt ein Nutzer, der vermutlich selbst im medizinischen Bereich arbeitet.

Es gibt auch andere Stimmen, die das menschliche Verhalten Tinzmanns infrage stellen, aber weniger das fachliche. Zum Beispiel: „Ich arbeite im medizinischen Bereich und habe oft über ihn gehört, dass er unfreundlich ist - aber noch nie, dass er ungründlich sei oder fehldiagnostiziert.“ Oder: „Auch mir hat er quasi das Leben gerettet, aber was er jetzt so äußert ...“

Arzt war Gesicht der Anti-Corona-Proteste

Im Frühjahr war Tinzmann in Görlitz das Gesicht der Proteste gegen die Corona-Auflagen. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin hatte er Demos gegen die Corona-Maßnahmen, die er, so sagte er damals, für überflüssig halte, organisiert. Wie die Landesärztekammer mehrfach betont hatte, halten sich die allermeisten Ärzte an die Corona-Schutzmaßnahmen. Aber die wenigen, die es nicht tun, bereiten der Kammer Sorge. In 20 Fällen hat die Kammer bislang berufsrechtliche Prüfungen eingeleitet.

Es gibt auch die Stimmen, die für Tinzmann in die Bresche springen und etwa darauf verweisen, dass er häufig Notarztdienste, die generell schwer zu besetzen sind, übernimmt: „Wenn kein Notarzt verfügbar war, sprang er oft auch in seiner Freizeit ein.“ Eine andere Nutzerin schreibt: „Er ist einer der wenigen Ärzte, der vor Ort ordentlich diagnostiziert, Medikamentenpläne auseinander strukturiert und den Patienten, die unzufrieden sind mit ihrem Hausarzt, eine Alternative bietet.“

Und dann gibt es auch diejenigen, die die Corona-Regeln selbst für „unsäglich“ halten und vermuten, die Diskussionen um Tinzmann würden allein in seinen Ansichten zum Coronavirus gründen. Sie habe das Gefühl, es gehe um etwas ganz anderes, schreibt etwa Andrea Binder, Schatzmeisterin im Görlitzer AfD-Kreisvorstand. „Wahrscheinlich ab und zu mal“ sei Tinzmann „sehr direkt, möglicherweise erscheint er teilweise arrogant – vielleicht hat er dem einen oder anderen Mitarbeiter im Gesundheitswesen auch schon mal die Meinung gesagt. Und genau diejenigen bekommen jetzt Oberwasser, glauben, aufbauend auf den unsäglichen Corona-Regeln, sie hätten nun die Macht und wittern Morgenluft!“

Verteidigung vom Staatsanwalt

Einen Anfangsverdacht, um strafrechtlich gegen Tinzmann vorzugehen – etwa weil er eine meldepflichtige Erkrankung auf dem Totenschein unterlassen haben könnte – sieht der Görlitzer Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu mit dem jetzigen Kenntnisstand nicht.

Rein fachlich gehöre Tinzmann nicht zu den Ärzten, „die eine erste Leichenschau oberflächlich oder willkürlich machen würden“, so Matthieu nach seinen Erfahrungen aus der Bearbeitung von Todesermittlungsverfahren: „Mit großer Verwunderung nehme ich daher zur Kenntnis, dass dem Arzt unterstellt wird, er kreuze beliebig zum Beispiel ‚ungeklärt‘ an, um so für Ärger und Aufruhr in Altenheimen zu sorgen.“ Tinzmann hatte auf dem Totenschein bei dem Fall in dem Pflegeheim bei der Todesart „ungeklärt“ angegeben.

Besonders, wenn nicht gerade der Hausarzt mit großem Wissen zu medizinischen Hintergründen des Patienten die Leichenschau vornimmt, komme es häufig vor, dass als Todesart „ungeklärt“ oder „nicht natürlich“ angegeben wird. „Denn um die dritte Kategorie, ‚natürlich‘ anzugeben, gibt es sehr hohe Plausibiliätsanforderungen“, erklärt Matthieu, die ein außenstehender Arzt häufig nicht sicherstellen könne.

Wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, ist die Todesart des 64-Jährigen nach der Obduktion noch nicht geklärt, "was die Richtigkeit beim Ausstellen der Todesbescheinigung durch Dr. Tinzmann geradezu untersetzt", so Matthieu. Um die Todesursache genau festzustellen, stehen noch rechtsmedizinische Untersuchungen aus.

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Andere Juristen, die schwerpunktmäßig solche unklaren Todesfälle bearbeiten, sehen dagegen eine Pflichtverletzung Tinzmanns dahingehend, dass der Arzt nach Kenntnisnahme der Krankenakten und des positiven Corona-Tests zumindest den Verdacht auf eine Infektion auf die Todesbescheinigung hätte schreiben müssen – um Menschen, die noch einmal mit der Leiche zu tun haben könnten, keinem Infektionsrisiko auszusetzen. Diese Angabe wegzulassen, könne demnach strafrechtlich relevant sein. Gerade dann, wenn ein Arzt bei unklaren Todesfällen die Polizei hinzuziehe, müsse er das in seinen Möglichkeiten stehende tun, um zur Aufklärung beizutragen. (mit SZ/two)

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