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Venezuelas Bierkönig brachte Landskron voran

Edgar B. Scheller übernahm 1991 die Görlitzer Brauerei wieder in Familienbesitz. Jetzt ist er gestorben. Ein Nachruf.

Edgar B. Scheller ist gestorben.
Edgar B. Scheller ist gestorben. © Sammlung Ralph Schermann

Er schüttelte im November 1989 in Caracas mehrmals den Kopf und konnte es kaum glauben: Die Mauer zwischen DDR und BRD war offen. Der Mann, damals 62 und bereits mit grauem Haar, hieß Edgar B. Scheller und galt als Bier-König von Venezuela. Doch die Meldung im Fernsehen von Caracas ließ ihn nur noch an eines denken: „Ich kann, nein ich muss zurück in die Heimat!“

Er und auch seine Frau Isolde stammten aus der Oberlausitz. Die Scheller-Familie steht für die Gründung 1869 und den Ausbau der Landskron Brauerei Görlitz. Theodor und Walter Scheller hießen die Chefs bis 1946. Die Enteignung in der DDR, erst halbstaatlich und 1972 schließlich komplett, erlebte der 1927 geborene Edgar jedoch nicht direkt, er musste 1943 in den Krieg und hatte Görlitz danach nie wiedergesehen. In München studierte er die Braukunst und nahm 1952 eine Offerte aus Venezuela an. 8.000 Kilometer von seiner Heimat entfernt arbeitete er sich empor bis zum General Manager der dortigen größten Brauerei der Welt.

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Dachwohnung auf dem Brauereigelände ausgebaut

Der Mauerfall elektrisierte ihn. In einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, fing er noch einmal von vorn an. Die Scheller-Brüder stellten den Antrag auf Rückübertragung, und Edgar B. wurde Ende 1991 Landskron-Eigentümer. Dienstlich residierte er hinter dem schweren Schreibtisch, an dem schon sein Vater saß, privat baute er sich auf dem Brauereigelände eine Dachwohnung aus. Er war ob seines Leitungsstils sicher nicht rundum beliebt, schon weil er viel Personal abbaute, doch schließlich galt es vor allem, eine Durststrecke duchzustehen.

© Sammlung Ralph Schermann

Von zuletzt in der DDR weit über 500.000 Hektolitern Bier pro Jahr war damals nämlich nur knapp die Hälfte noch absetzbar. Zu groß war das Angebot von Bieren aus aller Herren Bundesländern nach der politischen Wende auch in Görlitz geworden. Edgar B. Scheller setzte vor allem auf Qualität, räumte Preise über Preise ab, fand innovative neue Nischenbiere neben dem Normalangebot. So blieb die Brauerei als Marke in aller Munde.

„Ein Glas am Tag zum Lebensstil“

Seinen Ruhestand verschob er bis 2003. Da war er 76 und verkaufte Landskron an die Holsten-Gruppe, die wenig später von Carlsberg übernommen wurde. Dieses Unternehmen aber hatte kein Interesse an Görlitz, und so war es dann der Familienstiftung von Heidrun und Rolf Lohbeck zu danken, dass Landskron Görlitz erhalten blieb. Heute verlassen hier jährlich immerhin noch 162.000 Liter Bier die historisch legendäre Braustätte.

Auch Edgar B. Scheller hat das noch ab und an probiert, immerhin gehörte für ihn „ein Glas am Tag zum Lebensstil“, wie er sagte. Allerdings nur noch „auf Besuch“, denn seit dem Brauereiverkauf wohnte er mit seiner Familie in München. Dort starb er jetzt im 93. Lebensjahr, wenig später folgte ihm seine Frau. Vorigen Montag wurde der letzte Wille des Paares erfüllt: Ihre Ruhe fanden sie in der Heimat – mit einer Doppel-Erdbestattung auf dem Alten Friedhof von Görlitz.

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