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Wolf schlägt in der Oberlausitz zweimal zu

In Niederreichenbach werden erst Ziegen, am Tag darauf Schafe angegriffen. Die Menschen im Ort sind wütend und verunsichert.

Landwirt André Bürger ist sauer: Bereits zum zweiten Mal schlug der Wolf zu.
Landwirt André Bürger ist sauer: Bereits zum zweiten Mal schlug der Wolf zu. © Constanze Junghanß

Keinen Ton hörten André Bürger und seine Frau Doreen in der Nacht vom Montag zum Dienstag. Weder bellten die Hunde, noch wieherten die Pferde. Stand der Wind so günstig, dass die Tiere den Wolf nicht bemerkten? Der hatte es auf die Ziegen abgesehen. Die drei Tiere standen in Reichenbach auf der kleinen Koppel. Eingezäunt mit Strom, vielleicht 50 Meter vom Haus entfernt. „Unser Schlafzimmer geht Richtung Koppel raus“, zeigt Doreen Bürger aufs Gehöft. Von dem grauen Räuber haben sie nichts gemerkt. Auf der Ziegenweide blieb es still. Als die Landwirte am frühen Morgen aus dem Fenster blickten, kreisten Greifvögel über ein und demselben Punkt. Da wussten sie: Es ist etwas passiert.

Das Zicklein versteckt sich hinter seiner Mutter. Als die kurz aufsteht, wird klar, woher die wie ein Gurgeln klingenden Geräusche kommen. Isegrim hat das Junge an der Kehle zu packen bekommen. Es lebt. Noch. Kann aber nicht trinken. Das Euter der schwarz-weißen Pfauenziege ist prall gefüllt. Verletzungen am Hals der kleinen Ziege sind sichtbar. Doreen Bürger wird vielleicht notschlachten müssen, wenn sich das Kleine nicht erholt.

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Fliegen schwirren um die tote Geiß

Wenige Meter weiter liegt eine tote Geiß mit aufgerissenem Hinterleib auf der Wiese. Angefressen. Innereien quellen heraus. Fliegen schwirren um den Kadaver. Der Abdruck eines großen Raubtiergebisses an der Kehle der getöteten Ziege ist nicht zu übersehen. Den Rissbegutachter hat André Bürger bereits informiert. Er kommt noch am selben Tag.

Der Landwirt ist sauer, wie er sagt. Nicht zum ersten Mal bekamen die Niederreichenbacher Besuch von Isegrim. Im November vergangenen Jahres schlug vermutlich ein Rudel zu und fraß ein Schaf komplett auf. Nur die Knochen blieben übrig.

Die Rissbegutachtung der Fachstelle Wolf Sachsen kam zu dem Ergebnis, dass Lupus als Schadensverursacher „hinreichend sicher“ gilt.

Züchterin ist verunsichert

Ob Doreen Bürger ihre kleine Hobby-Ziegenzucht nun aufbaut, ist eher unwahrscheinlich. Eigentlich hatte das die Reichenbacherin vor. Doch da der Wolf nun bereits zum zweiten Mal zuschlug, hat sie Zweifel, ihr Projekt zu starten. „Zu unsicher, denke ich.“ Die Schafe stellten Bürgers nach dem ersten Angriff bereits um. Eine winzige Herde. 15 Tiere, biologische Rasenmäher. „Der Bock wohnt nun bei der Großmutter im Garten nebenan“, sagt die Züchterin. Hätte ein höherer Elektrozaun geholfen? Die Frage stellt sich Doreen Bürger.

Erst im Vorjahr hatte sie die Fördermittel dafür beantragt, um die Tiere zu schützen. Ihr Mann schüttelt nachdenklich den Kopf. „Die Wildschweinzäune sind kontraproduktiv“, findet er. Dadurch lerne der Wolf, solche Hindernisse zu überspringen. Egal, wie hoch die Zäune seien. Schließlich sei der Wolf ein schlaues Tier. Seine große Sorge: Käme Isgerim wieder, brächen vielleicht auch die Rinder und Pferde in Panik irgendwann aus den Koppeln aus. Die Tiere stehen draußen und nicht im Stall. „Artgerecht“, so der Landwirt.

Die Ziege in Niederreichbach wurde vom Wolf getötet. Das bestätigt das Rissgutachten.
Die Ziege in Niederreichbach wurde vom Wolf getötet. Das bestätigt das Rissgutachten. © Constanze Junghanß

Der Wolf ist erneut nach Reichenbach gekommen. Einen Tag später. Karin Bernhardt, Pressesprecherin des Landesumweltamtes (LfULG), bestätigt das. Mittwochmorgen wurde die Fachstelle Wolf über drei tote, ein verletztes und ein vermisstes Schaf in der unmittelbaren Nachbarschaft von Bürgers informiert. Das Ergebnis der Rissbegutachtung liegt aktuell noch nicht vor. Bei den Ziegen steht der Wolf als Verursacher fest. Die Koppel in Reichenbach in Ortsrandlage ist umgeben von Feldern und Wiesen, sodass eine Annäherung mit Deckung möglich gewesen sei, heißt es vonseiten der Fachstelle.

Ist das Raubtier menschenscheu?

Nähert sich der Wolf den Menschen? Schließlich reiht sich in Niederreichenbach Gehöft an Gehöft. „In einem Wolfsterritorium mit einer durchschnittlichen Größe von etwa 200 Quadratkilometern liegen oft mehrere Siedlungen und Gemeinden“, so die Pressesprecherin. Daher kommen die Raubtiere auf ihren Streifzügen durch ihr Territorium auch immer wieder an Siedlungsbereichen vorbei. „Für Menschen geht vom Wolf dabei keine Gefahr aus, er scheut ihre Nähe“, schätzt Karin Bernhardt ein. Da sich die Zahl der Wölfe in den letzten 20 Jahren erhöhte, seien auch mehr Wölfe in der Fläche unterwegs. Herdenschutzmaßnahmen mit Elektrozäunen seien deshalb wichtig. „Diese Maßnahmen können Übergriffe nicht in jedem Fall verhindern“, räumt die Sprecherin ein. Sie würden jedoch dazu beitragen, dass Risiko, Opfer eines Übergriffs zu werden, zu minimieren. In Sachsen wurde in diesem Jahr 32 Mal der Wolf als Schadensverursacher festgestellt. 97 Nutztiere wurde geschädigt oder getötet.

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