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Der Pfarrer gründete einen Fernsehsender

In Laubusch wurde bei einem Erinnerungsabend die Zeit vor 30 Jahrzehnten wieder lebendig.

Gerd Simmank (li.) und Manuel Wenzko waren zwei der „Heimatkanal“-Macher.
Gerd Simmank (li.) und Manuel Wenzko waren zwei der „Heimatkanal“-Macher. © Foto: Mirko Kolodziej

Laubusch. Für einen politischen Amtsträger sei es notwendig, zu wissen, aus welchen Umständen die Menschen in seinem Verantwortungsbereich historisch gesehen kommen, sagt Lautas Bürgermeister Frank Lehmann (parteilos). Er war gerade zwölf und Schüler der Lautaer POS (Polytechnische Oberschule) „Karl Liebknecht“, als die Deutsche Demokratische Republik mit Datum vom 3. Oktober 1990 dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik beitrat; sich auch für die Menschen in Lauta, Laubusch und Leippe-Torno fast alle politischen, gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Bedingungen veränderten.

20 Jahre lang auf Sendung

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„Es war sehr bereichernd“, ist also das Fazit des Bürgermeisters nach einer Veranstaltung anlässlich des Nationalfeiertages im Laubuscher Kulturhaus. Überschrieben war sie mit „Lokale Zeitzeugen erzählen – ein Abend für Erinnerungen in Wort und Bild“. Einige der Bilder, die da zu sehen waren, sind Pfarrer Gerd Simmank zu verdanken. Im April 1992 wurde der Theologe zum Vater und Frontmann des per Kabel verbreiteten Laubuscher Lokalfernsehens. Er hob den „Heimatkanal“ aus der Taufe. Gemeinsam mit anderen begleitete er danach 20 Jahre lang ehrenamtlich mit der Kamera und dem Mikrofon das Leben im Ort. „Ich wollte durch das Kabel eine Verbindung zwischen den Menschen herstellen“, erklärte er jetzt im Kulturhaus.

Die inzwischen historische Panasonic-Kamera samt dem zugehörigen Mikro gibt es noch. Die Technik war bei der Veranstaltung zwecks Anschauung am Bühnenrand aufgestellt. Denn für die Filmberichte des „Heimatkanals“, die auf Videokassetten ins Archiv wanderten, interessieren sich inzwischen Dr. Judith Kretzschmar sowie Professor Dr. Rüdiger Steinmetz vom Leipziger Institut für Heimat- und Transformationsforschung. Sie werten in einem Forschungsprojekt zwischen 1990 und 1995 entstandene Filmbeiträge von zwölf sächsischen Lokalfernsehsendern aus und reisen durchs Land, um jeweils vor Ort mit Lokal-Reportern sowie Zuschauern von einst ins Gespräch zu kommen. Im Juli waren sie schon in Hoyerswerda, um auf die Anfänge des Hoyerswerdaer TV-Anzeigers zurückzublicken, aus dem mittlerweile Lausitzwelle-TV geworden ist. Beim Erinnerungsabend in Laubusch zeigten die beiden Wissenschaftler historische Aufnahmen unter anderem aus Leipzig, Freiberg, dem erzgebirgischen Niederlauterstein – und aus Laubusch. So eröffneten den Abend im Kulturhaus denkwürdige Bilder, die 1993 in der örtlichen Brikettfabrik entstanden sind; kurz vor deren Stilllegung im Dezember desselben Jahres. Es lag eine dicke Schneedecke und durchs Bild fuhr der lokale Kohlehändler mit seinem Pferdewagen. Gerd Simmank sprach damals auch mit Arbeitern. Einer, der 32 Jahre im Werk hinter sich hatte, fasste die Stimmung in einem Satz zusammen: „Es sieht nicht gut aus für uns.“ Zu einem weiteren „Heimatkanal“-Thema, dem Bau des Laubuscher Lidl-Marktes, merkte der langjährige (1990 bis 2001) Bürgermeister Otto Görke an, man sei damals ganz schön blauäugig gewesen. Nicht nur habe der Investor, anders als wie selbstverständlich vermutet, den Markt nicht selbst betrieben. Als beim Bau Asche im Boden auftauchte, verklagte der Mann die Gemeinde auch noch – auf eine Summe, die den Kaufpreis um ein vielfaches überstieg. In der zweiten Instanz verlor er schließlich.

Fünf Monate lang „Piratensender“

Görke war einer jener Zeitzeugen, die im Anschluss an die filmische Rückschau vom Lautaer Lokaljournalisten Sascha Klein befragt wurden. Sowohl Görke wie auch Katharina Michelfeit, damals frisch gebackene Leiterin der POS „Karl Marx“ in Lauta-Nord, riefen jeweils auf ihre damaligen Verantwortungsbereiche blickend, auch die Freiräume jener Zeit ins Gedächtnis, in der die alten Regeln nicht mehr und die neuen Regeln noch nicht in jedem Bereich galten. So konnte man in der Schule recht eigenverantwortlich experimentieren; bis das erste Schulgesetz des Freistaates Sachsen beschlossen wurde. Und Gerd Simmank startete seinen „Heimatkanal“ im Grunde genommen als Piratensender. Die offizielle Lizenz gab es tatsächlich erst fünf Monate nach dem Sendestart.

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