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„Aufgeben ist keine Option“

Sein Studio Pain’ter möchte Heiko Weber in Bernsdorf auch nach der Krise weiterführen. Einfach wird es aber nicht.

Hier behandelt Heiko Weber in seinem Tattoo-Studio Pain’ter sonst Kunden, gerade erinnern nur die Zeichnungen an die Tätigkeit. Er hofft, bald wieder tätowieren zu können. Sonst muss vielleicht ein Nebenjob her.
Hier behandelt Heiko Weber in seinem Tattoo-Studio Pain’ter sonst Kunden, gerade erinnern nur die Zeichnungen an die Tätigkeit. Er hofft, bald wieder tätowieren zu können. Sonst muss vielleicht ein Nebenjob her. © Foto: Gernot Menzel

Bernsdorf. Mit Verständnis und Sorge sieht Heiko Weber die aktuellen Entwicklungen in der Pandemiebekämpfung. Erste Öffnungsschritte lassen ihn hoffen, weitere Anforderungen vermutet er. Sein Tattoo-Studio Pain’ter in Bernsdorf ist seit Wochen geschlossen. Doch er weiß, dass das private Geschäft boomt. Davon könnte er langfristig profitieren, wenn Tattoos aufgrund der Motive oder schlechter Qualität dann in seinem Studio ausgebessert, gecovert werden. Aber das ist im Moment keine Hilfe.

Überhaupt fühlt er sich ziemlich alleingelassen. Die November- und Dezemberhilfen der Bundesregierung hat er in Anspruch genommen. Schon die Beantragung über den Steuerberater kostet ihn um die hundert Euro. Nicht viel, aber „jede Mark zählt“. Ausgezahlt wurde im Februar, aber die Gelder decken die Kosten nicht. „Ich bin froh, dass es Hilfen gibt.“ Dennoch hat das zur Folge, dass er an Ersparnisse ranmusste. Das Polster ist weg, im privaten Bereich geht das so mit Einsparungen einher. Nun guckt er im Supermarkt genau auf die Preise, vergleicht und sieht einen Verlust seiner Lebensqualität, es müssen Abstriche gemacht werden. Von Familienmitgliedern erfährt er finanzielle Unterstützung.

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Mit Blick auf das Geschäft in der Ernst-Thälmann-Straße, das er dort seit 3 Jahren betreibt, vermutet er Rückzahlungen bei den Nebenkosten, aber das passiert später und hilft ihm im Augenblick nur wenig. Die Miete für die Geschäftsräume zahlt er weiter, denn der private Vermieter soll nicht unter seiner Situation leiden müssen. Heiko Weber zeigt sich kompromissbereit. Für die ersten Öffnungen hat er Verständnis. „Ich gönne das den Friseuren.“ Im ersten Lockdown wurden auch Tattoostudios dem Friseurhandwerk untergeordnet, später kam die Differenzierung mit den sogenannten körpernahen Dienstleistungen. Der Tätowierer fragt sich, wieso andere Maßstäbe angesetzt werden.

Wieder bei Null anfangen

Seine Branche ist von jeher hohe hygienische Standards gewohnt. Desinfektionsmittel, Handschuhe, Masken gehören sowieso zur Grundausstattung. Mittlerweile musste er allerhand Einweg-Materialien und Farben vernichten, die über den langen Zeitraum abgelaufen sind. Sollte er wieder Kunden empfangen dürfen, dann muss er sich vorher eine neue Grundausstattung zulegen. Das kostet wieder viel Geld. Für diesen Fall würde sich der gebürtige Dresdener eine Starthilfe wünschen. Er rechnet mit etwa zwei Wochen Vorlauf, um sich auszustatten und Termine zu organisieren. Dann wäre er bereit. Es fühlt sich wie zu Beginn seiner selbstständigen Tätigkeit im Jahr 2014 an: Der Tätowierer muss sich langsam etwas aufbauen. „Ich fange dann wieder bei Null an – aufgrund der langen Schließzeit.“

Wenn er die Arbeit wieder aufnimmt, dann haben Stammkunden Vorrang. Schon letztes Jahr hat er ab Mai meist nur einen Kunden pro Tag behandelt. Laufkundschaft und spontane Wünsche sind damit völlig weggefallen. Alles Einbußen. „Ich habe schon weniger gearbeitet und mich eingeschränkt.“ Er empfindet die Restriktionen teilweise als willkürlich. In seinem Laden gäbe es weitaus weniger Kontakte, als es zum Beispiel im Lebensmittelgeschäft der Fall ist, argumentiert Heiko Weber. Sollte eine Testpflicht kommen, dann zeigt er sich bereit, das zu gewährleisten. Dennoch wird die Angst einer erneuten Schließung immer mitschwingen, befürchtet er.

Anfangs hat er noch Termine verschoben, aber dann hat die Perspektive gefehlt, um verbindliche Absprachen zu treffen. So wie die Sitzungen abgesagt wurden, möchte er sie wieder aufnehmen. Dabei hofft Heiko Weber, der in Bernsdorf wohnt, dass so wenig wie möglich Kunden abspringen. Auch große Projekte möchte er vornehmlich weiter bearbeiten und fertigstellen. Regelmäßig ist auch ein freier Mitarbeiter vor Ort. So können die beiden ein breiteres Spektrum anbieten, stimmen sich ab und beraten Kunden entsprechend ihrer jeweiligen Fähigkeiten. „Wir sprechen uns ab, wer bei manchen Wünschen geeigneter ist.“ Von diesem Tätowierer weiß Heiko Weber, dass er zur Zeit in seinem alten Beruf tätig ist, um Einnahmen zu generieren.

Der Selbstständige wäre bereit, einen ähnlichen Kompromiss einzugehen. Vormittags zum Beispiel Hausmeistertätigkeiten und am Nachmittag im Pain’ter tätowieren. Denn unbeschadet geht er aus dieser herausfordernden Zeit nicht heraus. Rücklagen sind weg und Rückzahlungen kommen irgendwann auf ihn zu. Dass sich das Studio halten wird, daran glaubt der 44-Jährige. „Aufgeben ist keine Option.“

Die Branche ist insgesamt klein und betrifft in diesem Sinne nicht jeden Bürger. „Zum Friseur muss jeder, aber wir sind Luxus und nicht lebenswichtig“, fasst Heiko Weber zusammen. Dennoch haben die Tattoo- und Piercingstudios ihre Berechtigung – sind Teil einer vielfältigen Gesellschaft. Aus der Sicht von Heiko Weber trägt er zum Wohlbefinden bei. Tattoos können ein Ausdruck der Persönlichkeit sein, Dinge werden bewahrt oder verarbeitet. Es geht darum, etwas Besonderes zu sein, das Abheben von anderen.

Die eigenen Fähigkeiten kennen

Seine Beratung bezieht sich auch darauf, junge Menschen vor Modeerscheinungen zu bewahren. Besonders gerne mag er die Oldschool-Richtung, dicke Außenlinien, knallig farbige Motive. Er mag Totenköpfe, ist in einer Heavy-Metal-Band aktiv. Zur Zeit sieht er einen Trend im Bereich feiner und filigraner Bilder. Von Schriftzügen und Sternen ist er etwas gelangweilt. Rechten oder irgendwie fragwürdigen Motiven verwehrt sich Heiko Weber. Abstand nimmt er ebenso von Porträts, also realistischen Darstellungen. Überzeichnete Gesichter sind dennoch an seiner Wand zu sehen, die zeigt, was er zuletzt bearbeitet hat. Zum Nachstechen sei es hilfreich, die Zeichnung schnell zur Hand zu haben. Die Zeit, die sich ihm gerade bietet, nutzt er auch, um in Ruhe Entwürfe zu bearbeiten.

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