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Den Blick für die Natur schärfen

Manfred Richter aus Oßling zeigt ab Freitag in der neuen Ausstellung im Zejler-Smoler-Haus in Lohsa Öl-Malerei.

Manfred Richter (82) ist leidenschaftlicher Hobbymaler. Am liebsten malt er mit Ölfarben. Nach vielen Ikonen entstanden in den vergangenen Jahren vor allem Porträts und Landschaftsbilder.
Manfred Richter (82) ist leidenschaftlicher Hobbymaler. Am liebsten malt er mit Ölfarben. Nach vielen Ikonen entstanden in den vergangenen Jahren vor allem Porträts und Landschaftsbilder. © Foto: Andreas Kirschke

Oßling. Ein Erntewagen füllt sich mit Heu. Betriebsam winden zwei Männer Strohpuppen. Oben, auf dem Wagen, verstaut ein dritter Mann das fertige Heu. „In Polen lassen sich solche Motive noch öfter finden. Man muss nur im Urlaub dort weilen“, erzählt Manfred Richter (82) aus Oßling über sein Bild „Erntezeit“ 2019 – entstanden mit Ölfarben-Technik. 

Gleich zwei Malstile fließen darin zusammen. Der Stil Impressionismus deutet das goldfarbene Korn an. Der Stil Naturalismus zeigt kraftvoll zwei Pferde. „Erntezeit“ gehört zu den 25 Werken der neuen Sonderausstellung, die ab dem 11. September im Zejler-Smoler-Haus in Lohsa zu sehen ist. Manfred Richter gab ihr den Titel „Über Gott und die Welt“.

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Der Oßlinger ist viel herumgekommen. In seiner Heimat Bernburg erlebte er als Kind 1945 die Grausamkeit der Bombennächte. Vater hatte eines Tages Front-Urlaub. Manfred Richter und sein Bruder wollte ihn vom Bahnhof abholen. Urplötzlich fielen Bomben. Die Brüder verharrten mit anderen verschüttet in einem Luftschutzkeller. „Als Achtjähriger hinterfragst Du nicht“, sagt Manfred Richter nachdenklich. „Du warst froh zu überleben.“

Plötzlich ohne Hab und Gut

Die Familie floh nach Schmölln bei Altenburg. Dort gehörte den Großeltern mütterlicherseits ein Schuh-Geschäft. „Unser Flucht-Gepäck hatten wir zwischenzeitlich in einem Eisenbahn-Waggon verstaut“, erzählt der Oßlinger. „Doch über Nacht wurde er aufgebrochen und entleert ... Wir standen plötzlich ohne Hab und Gut da.“

In Schmölln wuchs Manfred Richter auf. Dort lernte er bei Ernst Schlegel Gärtner. Oft begann der Arbeitstag früh 7 Uhr und endete erst nach 21 Uhr. Murren und Jammern gab es nicht. Von Gärtnermeister Ernst Schlegel konnte Manfred Richter viel lernen. „Es war die Achtung vor der Natur. Es war die Ehrfurcht, alles Leben zu achten – von den Pflanzen, den Tieren bis zu den Mitmenschen“, sagt der 82-Jährige.

Nach der Lehre arbeitete er zunächst als Landschaftsgärtner bei der Stadt Leipzig im Bereich Landschafts- und Parkgestaltung. Später war er in Könnern in einem Betrieb für Samenzucht und in Quedlinburg in einem Betrieb für Pflanzenzucht tätig. Ab 1957 studierte er an der Fachschule Quedlinburg drei Jahre Gartenbau

Erste Malversuche mit Bleistift

Das Talent zum Malen hat Ernst Schlegel in ihm geweckt. „Er wollte in meiner Lehrzeit Woche für Woche einen genauen Bericht. Pflanzen, die mir besonders gefielen oder die ich noch nicht kannte, sollte ich aufzeichnen“, erzählt der Oßlinger. So entstanden seine ersten Bilder von Alpenveilchen und anderen Blumen – gezeichnet mit Bleistift. Es waren erste Malversuche.

Nach dem Studium war er zunächst in Borna bei Leipzig Produktionsleiter in einem Gemüse-Kombinat. Die Kohleluft in der Stadt bekam seiner Tochter nicht. „So zogen wir nach Rochlitz an die Mulde. Dort war die Luft sauberer“, erzählt der Oßlinger. „Rochlitz war Kreisstadt. Dort gab es die Institution Landwirtschaftlicher Rat. Ich arbeitete dort als Spezialagronom für Gartenbau. Meine Aufgabe war, in den Betrieben die staatlichen Auflagen und Vorgaben durchzusetzen. 1968 wurde Manfred Richters Stelle von Staats wegen nicht mehr gebraucht und gestrichen.

Erneut orientierte er sich um. Bereits beim Landwirtschaftsrat hatte er öfter in der Erwachsenen-Bildung die Fächer Bodenkunde und Pflanzenkunde unterrichtet. Das kam ihm jetzt zugute. In Rochlitz kam er zur Volksbildung. Gern wollte er Biologie unterrichten. Gern wollte er Biologie studieren. „Doch Studienplätze in dieser Richtung waren vergeben.“ Manfred Richter griff auf sein Talent aus der Jugend zurück. Frühzeitig hatte er als Schüler Klavier gelernt. Früh hatte er in der Kurrende (im Kinderchor) der Evangelischen Kirchengemeinde Schmölln mitgesungen und später im Posaunenchor Trompete und Posaune gespielt. „Das kam mir zugute“, erinnert er sich. „So konnte ich ein kombiniertes Studium für Musik und Kunsterziehung in Berlin und Zwickau aufnehmen. 1975 schloss ich es erfolgreich ab.“

Manfred Richter fand Erfüllung in seinem neuen Beruf als Lehrer. Mit Leib und Seele unterrichtete er fortan Musik und Kunsterziehung. Oft zeichnete und malte er selbst im Klassenraum mit. Seine Schüler staunten über das Entstehende. Manfred Richter indes staunte über die Talente seiner Schüler. Er staunte über die Unbeschwertheit und Phantasie in ihren Bildern. In der POS Wechselburg leitete er außerunterrichtlich die Arbeitsgemeinschaft Kunst. Im Jahr 1992 schied Manfred Richter aus dem Schuldienst aus.

Faszination für Heiligenbilder

Im Urlaub mit seiner Frau entdeckte er in Zypern seine Faszination für Heiligenbilder und Ikonen. Ihn interessierten vor allem die Maltechnik und der besondere Bild-Aufbau. In Düsseldorf besuchte er ein Seminar für Ikonen-Malerei. Jahr für Jahr nahm er fortan teil. Er war der einzige Teilnehmer aus Ostdeutschland. „Ich erwarb dort wichtige Grundlagen“, erläutert Manfred Richter. „Intensiver befasste ich mich jetzt mit russisch-orthodoxer und mit griechisch-orthodoxer Malerei. Ich las viel in der Bibel. Ich befasste mich näher mit den Persönlichkeiten darin.“

Etliche Ikonen-Bilder entstanden in der Folgezeit. Leider fand der Oßlinger damit nur wenig Interesse in Kirchengemeinden und Kultureinrichtungen. So schenkte er seine Ikonen zum Großteil dem Bibelgarten in Oberlichtenau. Dort sind seine Ikonen heute als Dauer-Ausstellung zu sehen. „Der Bibelgarten war ein Glücksfall. Die Ikonen sind dort gut aufgehoben.“

Am liebsten malt er heute mit Ölfarben-Technik. So kann er die Übergänge in Bildern weich und fließend gestalten. So kann er zum Beispiel in Porträts die Hautfalten sehr natürlich wiedergeben. Die Ideen für die Bilder entstehen oft ganz spontan. Im Urlaub, auf Reisen, bei Konzerten und bei Spaziergängen entsprießen sie. Manfred Richter fertigt dann rasch eine Skizze. Oder er fotografiert das Motiv unterwegs. Oder er behält die Entdeckung im Gedächtnis. „Wichtig ist, den Moment festzuhalten“, sagt der Oßlinger. „Zu Hause entsteht dann das Ölbild. Ich bin kein Maler, der mit der Staffelei in der Öffentlichkeit steht. Ich male im Stillen zu Hause. Manchmal entsteht das Bild auch aus zwei oder aus mehreren Skizzen.“

Dankbarkeit und Demut

Die Ausstellung in Lohsa werde seine letzte sein, verweist der 82-Jährige auf sein Alter und den Aufwand des Aufbaus. Mit der Ausstellung will er Dankbarkeit und Demut gegenüber der Natur wecken, auch Freude an dieser. Er will den Blick der Menschen für die Natur wieder schärfen. „Wir Menschen sind Teil der Natur. Wir sollten uns wieder als Teil der Natur sehen, und nicht als der Beherrscher der Natur“, unterstreicht er. „Unser Leben ist endlich, begrenzt und eingebunden in den Gesamtkreislauf. Wir Menschen sind nicht die Krone der Schöpfung. Wir sind Teil der Natur.“Die Sonderausstellung „Über Gott und die Welt“ wird am 11. September um 18 Uhr im Zejler-Smoler-Haus Lohsa eröffnet. Manfred Richter gestaltet ein kleines Programm mit Lyrik und Prosa. Der Förderverein Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus Lohsa bittet um einen Unkostenbeitrag von zwei Euro pro Person. Bis Mitte November ist die Ausstellung zu sehen. Zum Ende – zur geplanten Finissage – wird eine Versteigerung der ausgestellten Bilder stattfinden.

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