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Hoyerswerda

Domowina will sich neu erfinden

Das ist notwendig, um sorbische Potenziale im Strukturwandel besser ausschöpfen zu können.

Dawid Statnik wurde mit 96 Prozent der Stimmen als Vorsitzender des Dachverbands der Lausitzer Sorben wiedergewählt.
Dawid Statnik wurde mit 96 Prozent der Stimmen als Vorsitzender des Dachverbands der Lausitzer Sorben wiedergewählt. © Archivfoto: Andreas Kirschke

Schleife. Dawid Statnik (37) ist alter und zugleich neuer Vorsitzender der Domowina, des Bundes Lausitzer Sorben. Mit 96,1 Prozent der Stimmen wurde er am Sonnabend auf der Hauptversammlung der Domowina in Schleife wiedergewählt (2017 waren es 93 Prozent). Zu seinen Stellvertretern wurden erstmals der Niederlausitzer Dr. Hartmut Leipner sowie erneut der Oberlausitzer Marko Hantschick gewählt.

Ebenfalls abgestimmt wurde über die Besetzung der weiteren 27 Plätze im Bundesvorstand. Die Hälfte seiner Mitglieder sind neu. Der jüngste Gewählte ist 19, der Älteste 71 Jahre, womit alle Altersklassen vertreten sind. Bislang hatten Diana Matiza, Sprecherin des Domowina-Regionalverbands „Jakub Lorenc-Zaleski“ Landkreis Görlitz, und Manfred Hermasch vom Verein Sorbischer Kulturtourismus in Schleife dem Bundesvorstand angehört. Während Regionalsprecherin Diana Matiza auch weiterhin in dem Gremium mitarbeitet, hatte Manfred Hermasch nicht mehr kandidiert.

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Die 120 Delegierten der Hauptversammlung des sorbischen Dachverbandes vertraten 7.500 Mitglieder in 200 Verbänden, Vereinen und Gruppen. Sie beschlossen Änderungen der Satzung, womit die Rolle von Einzelmitgliedern gestärkt und Entscheidungsbefugnisse der Hauptversammlung erweitert werden. Mit den Arbeitsrichtlinien 2021–2023 erteilten die Vertreter der Basis dem Dachverband den Auftrag über mehr als 60 Projekte.

Der Vorsitzende Dawid Statnik sieht in der allgemeinen Anerkennung des Sorbischen als Alleinstellungsmerkmal der Lausitz, in der Berücksichtigung des sorbischen Volkes im Strukturstärkungsgesetz und der Aufstockung der Stiftungsmittel um rund ein Viertel nach Jahrzehnten der Kürzungen und Stagnation eine historisch positive Entwicklung. Sie sei dadurch ermöglicht worden, dass man „die Zeit der kleinen Königreiche bei den Sorben überwunden“ habe. „Wir ziehen mit allen zuständigen sorbischen Gremien seit nun vier Jahren an einem Strang“, betonte er. Ausdrücklich erwähnte er dabei die beiden Sorben-Räte in Brandenburg und Sachsen, die Stiftungsratsmitglieder, die Mitglieder des Parlamentarischen Beirates der Stiftung und den Domowina-Bundesvorstand.

Als größten Missstand bezeichnete er, „dass das Bildungssystem, salopp gesagt, nicht genug Nachwuchs für unser Kultur- und Sprachsystem produziert“. Deshalb müsse nach dem Vorbild der sorbischen Kulturautonomie auch über eine Bildungsautonomie nachgedacht werden, aber im Einvernehmen mit allen Betroffenen. Dabei favorisiere er kein Modell, sondern die Verwirklichung des Anspruchs, „dass die Absolventen dieser Bildungseinrichtungen in der Lage sind, mündlich wie schriftlich fließend Sorbisch/Wendisch zu kommunizieren.“ Statnik sieht die Notwendigkeit, dass „wir die Domowina sozusagen neu erfinden“, um die sorbischen Potenziale im Strukturwandel ausschöpfen zu können. Grundvoraussetzung dafür sei die Parität bei zwischen Nieder- und Oberlausitz, ebenso wie die lebendige Vielfalt verschiedener sorbischer Milieus auf Augenhöhe. Cottbus sei somit keine Zweigstelle der Bautzener Geschäftsstelle, sondern die Domowina eine Organisation für die ganze Lausitz mit gleichwertigen regionalen Standorten. „So lange die Rede von einer ,Minderheit innerhalb der Minderheit‘ ist, stimmt etwas nicht“, erklärte Dawid Statnik. Der wiedergewählte Vorsitzende mahnte an, dass Frauen als „bessere Hälfte der Bevölkerung“ in den Gremien stärker vertreten sind. Auch dabei gelte Parität.

Unter den Gastrednern waren Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), Sachsens Kultusministerin Barbara Klepsch (CDU), die Bundestagsabgeordnete Caren Lay (LINKE) und der Vorsitzende des Parlamentarischen Beirates der Stiftung für das sorbische Volk, der Bautzener Landtagsabgeordnete Marko Schiemann (CDU). Es wurden Videobotschaften eingespielt. Ein schriftliches Grußwort kam vom Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble.

Die Hauptversammlung war die erste Großveranstaltung der Domowina während der (noch nicht beendeten) Corona-Pandemie. Oberschüler der 9. Klasse hatten die Sporthalle des neuen Deutsch-Sorbischen Schulkomplexes Schleife so hergerichtet, dass jeder der 150 Teilnehmer seinen eigenen Arbeitsplatz hatte. In Vertretung für den im Urlaub befindlichen Bürgermeister Jörg Funda begrüßte sein Stellvertreter Wolfgang Goldstein die Delegierten und Gäste. Das sei nach Aussage von Domowina-Sprecher Marcel Braumann „ein sehr bewegender Moment“ gewesen. Denn Goldstein ist nicht nur als Schleifer Ortsvorsteher dem Sorbischen zugetan, als langjähriger ehemaliger Leiter der Oberschule „Marja Grólmusec“ hat er sich sehr für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur engagiert. Auch sein Nachfolger Jan Rehor war am Sonnabend zugegen.

Die Delegierten nutzten die Veranstaltung in Schleife zu einer regen Diskussion. Am Schluss verabschiedeten sie eine kurze Erklärung, wonach die „Beleidigungen und Verleumdungen“, mit denen die Gruppe „Serbski Sejm“ gegenüber der Domowina auftrete, Austausch und Kooperation unmöglich machten. (pm/cok)

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