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Ein halbes Leben für die Bahn

Auch im Ruhestand ist Gisela Lossack weiterhin aktiv und leistet heute noch wichtige Arbeit im Bund der Vertriebenen.

„Langsam müsste ich ein bisschen ruhiger werden“, gibt Gisela Lossack zu, aber Aufhören kommt für sie nicht in Frage.
„Langsam müsste ich ein bisschen ruhiger werden“, gibt Gisela Lossack zu, aber Aufhören kommt für sie nicht in Frage. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Gisela Lossack ist bekannt, nicht nur in Hoyerswerda. Die rührige Frau ist Kopf und Herz des Stadtverbandes Hoyerswerda des Bundes der Vertriebenen (BdV) e. V. An mehreren Tagen der Woche ist sie in dieser Funktion im Büro im Haus der Parität anzutreffen. Im Martin-Luther-King-Haus schätzt man sie als aktives Mitglied der Kirchgemeinde. Einmal monatlich treffen sich dort die interessierten Frauen zu einem thematischen Gesprächsabend. Immer ganz vorn dabei: Gisela Lossack.

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Für Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen der Hoyerswerdaer Gymnasien organisiert sie gemeinsam mit ihren Vereinsfreunden vom BdV jährlich in der Gedenkstätte „Lager Elsterhorst“ Schülerprojekttage zum Thema Flucht und Vertreibung. Für den Tag der Heimat, den Tag der Begegnung für Vertriebene, der in ganz Deutschland begangen wird, und jährlich im September auch in der Lausitzhalle, hält sie seit langem die organisatorischen Fäden in der Hand. Mehrfach durfte sie Gäste der Partnerverbände aus ganz Sachsen begrüßen. Wenn für diese Veranstaltung sogar der sächsische Ministerpräsident die Festrede übernimmt, ist Gisela Lossack geehrt und doch so locker und herzlich, dass man glauben könnte, sie macht so etwas täglich.

Die „Martha“ gab’s 2016

Herzlich, freundlich, aktiv und zugewandt – so kennt man Gisela Lossack. Für ihr Wesen und für ihr Tun wird sie geachtet und gemocht. Ihre Auszeichnung mit der „Martha“, der ganz eigenen Hoyerswerdaer Würdigung für besonders aktive Frauen, erhielt sie im Jahr 2016. Sie war mehr als gerechtfertigt und schon lange fällig. Der Arbeitskreis Gleichstellung, der in Hoyerswerda bis zum Ende der Kreisfreiheit tätig war, hatte diese Auszeichnung auf den Weg gebracht. Mitglied in diesem Arbeitskreis war – natürlich – auch Gisela Lossack.

Geboren ist sie 1943 in Ostpreußen, in der Stadt Preußisch Holland, heute Pasłęk, in der Woiwodschaft Ermland-Masuren in Polen gelegen. „Mein Vater hatte dort eine Bäckerei, ich bin also ein Bäckerskind“, sagt sie lachend und fügt gleich an: „Ich mach mir aber nischt aus Kuchen.“

An die Zeit der Vertreibung kann sich Gisela Lossack nicht erinnern. Sie war noch zu klein. Im Januar 1945 floh die Familie vor der herannahenden Front, zunächst nach Stolp. 1947 folgte die Ausweisung aus Pommern. Die nächste Station war das Lager Elsterhorst. „Gott sei Dank nur für einen Monat – und die schlimmen Typhus-Erkrankungen waren gerade vorbei.“ Hier sind erste Erinnerungen da: „Ich hab’ dort mit Steinen gespielt, das weiß ich noch, viel mehr aber nicht.“ Der nächste Ortswechsel führte nach Knappenrode, damals noch Werminghoff. 1949 wurde sie dort eingeschult. Das Zeugnis der 1. Klasse wurde schon in Knappenrode ausgestellt.

Bei Wind und Wetter draußen

Nach der Schule folgte die Ausbildung zum Betriebs- und Verkehrseisenbahner. „Ich war 17, als ich mit der Ausbildung fertig war. Wir haben damals alles gemacht: Signallampen geputzt, Weichen geschmiert. Bei Wind und Wetter waren wir draußen – ich hab’ wirklich ganz von unten angefangen.“ Ziemliche Probleme machten ihr die Ausbildungsabschnitte im Reiseverkehr. „Wir hatten doch keine Lehrbücher! Die ganzen unterschiedlichen Ermäßigungen wurden an die Tafel geschrieben; wenn die voll war, wieder abgewischt – und weg war’s. Änderungen gab es auch immer wieder. Nee, das war anfangs nichts für mich. Den Güterverkehr fand ich da schon übersichtlicher.“ Begriffe wie Stückgut, Ladung und weitere Fachbegriffe fallen. „Dann musste ich die Morseprüfung machen!“ Die Zugmeldungen wurden damals gemorst. Buchstaben wurden dabei durch akustische oder visuelle Signale unterschiedlicher Längen zu Wörtern zusammengesetzt. „Man, hab’ ich das gebüffelt. Aber bei den eingleisigen Strecken war diese Form der Nachrichtenübermittlung wichtig.“ Doch eine ernüchternde Erkenntnis folgte bald: „Ich war die einzige aus meiner Lerngruppe, die diese Prüfung noch ablegen musste. Morsen wurde durch modernere Nachrichtenübertragung abgelöst. Ich konnte es – aber gebraucht wurde diese heute abenteuerlich anmutende Fertigkeit nicht mehr.“

Zurück nach Hoyerswerda

Zugabfertigerin war Gisela Lossack auch. „Das sind die, die auf dem Bahnhof neben dem Güterzug langlaufen, immer Papiere in der Hand und Wagennummern im Blick.“ Einen Einsatzort gab es, der gefiel ihr überhaupt nicht. Das war die Siebanlage in Sabrodt, dort wurde sie als Frachtenrechnerin gebraucht. Die provisorische Abfertigung dort hatte ihren Sitz in einem Bauernhaus. „Da saß mir eine Kollegin gegenüber, in sorbischer Tracht. Ich dachte, ich bin im falschen Film! Wir hatten doch Uniformpflicht! Ich war noch jung, ich verstand das überhaupt nicht – und die sorbische Sprache auch nicht. Ich glaube, ich war jede Woche beim Kaderleiter, weil ich wegwollte. Der sagte schließlich: «Also, wenn du zurück nach Hoyerswerda willst – dann in die Fahrkartenausgabe!».“1961 wurde Gisela Lossack Fahrkartenverkäuferin auf dem Bahnhof in Hoyerswerda, und zwar von der Pike auf: Fahrkarten verkaufen, aus Pappe oder auf Papier geschrieben, in dicken Kursbüchern blättern und Verbindungen suchen, die richtige Fahrpreismäßigung empfehlen und prüfen – das war nun ihr Berufsalltag. Gisela Lossack und der Bahnhof Hoyerswerda – das gehörte zusammen von 1961 bis 1996.Hautnah erlebte sie mit, wie 1994 aus Deutscher Bundesbahn und Deutscher Reichsbahn die Bahn-AG wurde, wie die Bahn in Hoyerswerda an Bedeutung verlor, wie geliebte Verbindungen gekappt und Strecken abbestellt wurden. „Die Stadt hätte Anfang der 1990er Jahre anders auftreten müssen, viel energischer verhandeln sollen. Doch damals herrschte die Meinung: «Was brauchen wir heute noch die Eisenbahn?».“ Gisela Lossack ist eine Frohnatur, doch wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, sind ihr Unverständnis und ihre Traurigkeit noch immer spürbar.

Das Ende der Fahrkartenausgabe

Wie unerschütterlich ihr Vertrauen in die Leistung und Zuverlässigkeit der Bahn trotzdem war, wird an folgender Episode deutlich: „Es muss so 1994/95 gewesen sein, da wollte ich mit meiner damals schon über 80-jährigen Mutter in unsere alte Heimat – natürlich mit der Bahn. Wir fuhren über Berlin mit dem Nachtzug nach Gdynia, von dort weiter nach Elbląg. Bis dahin hatten wir Fahrkarten kaufen können, weiter nach Pasłęk hatten wir keine. Złoty (polnisches Geld, d. Red.) hatten wir auch nicht. Aber die polnische Zugbegleiterin hatte Erbarmen, wir kamen am nächsten Vormittag an. Wir schauten uns um in der Stadt, fanden den Ort, wo unser Haus gestanden hatte, aßen unsere Brote; meine Mutter ruhte sich auf dem Bahnhof aus, und ich ging noch einmal in die Stadt, um Fotos zu machen. Dann das Ganze retour und rund 48 Stunden später waren wir wieder in Hoyerswerda. Zwar total kaputt – aber alles hatte geklappt.“

Ab 1996 wurde es still und stiller auf dem Bahnhof in Hoyerswerda. Zuerst fiel ihr Arbeitsplatz, die Fahrkartenausgabe, weg, dann nach und nach weitere Aufgaben. „Im Dienstleistungszentrum Arbeit (DZA) in Bautzen, das war so etwas wie ein Arbeitsamt für die Bahn, saßen wir Kollegen unsere Zeit ab. Ich bin Verzicht gewohnt, die Nachkriegsjahre und die Zeit allein mit den drei Kindern haben mich geprägt. Aber plötzlich war nichts mehr mit Frohnatur. Nicht selten flossen auch Tränen, bei vielen Kollegen war das so.“ Der Tag der Sachsen 1998 brachte einen kurzen Lichtblick: Gisela Lossack wurde Bürohilfskraft beim Bahnhofsmanager. 1999 war endgültig Schluss – der Aufhebungsvertrag lag zur Unterschrift bereit.

Sie schleppt einen dicken blauen Aktenordner heran. Er enthält über 70 Bewerbungen, die sie in dieser Zeit schrieb und verschickte. In alle Regionen Deutschlands gingen diese – und alle blieben erfolglos. In einem Bewerbungsgespräch wurde diese Sammelakte mit den Worten „Das ist ja fast einmalig“ gewürdigt. Ihre Antwort: „Ich bin ja auch einmalig.“ Als dies gesagt war, war sie kurz erschrocken. „Ich wollte mich nicht hervortun! Jeder Mensch ist doch einmalig, oder?“

Seit 2008 Vereinsvorsitzende

Es folgten Monate der Arbeitslosigkeit bis hin zu Hartz IV, seit 2006 ist sie im Ruhestand. „Rente? Ich? Ich muss doch immer was machen, mit Menschen reden, was organisieren, irgendwo helfen, das brauch’ ich! Ich muss rege bleiben!“ Das war klar für Gisela Lossack.

Zum Bund der Vertriebenen fand sie 1996. Anfangs wollte sie nur mal ein bisschen schnuppern, wie das dort so ist. „Nach und nach bin ich reingewachsen, ich hatte und habe viele Kontakte, die mir helfen. Vereinsvorsitzende wurde ich 2008. Aber jetzt müsste ich doch langsam ein bisschen ruhiger werden.“

Eine Idee, die ihr die Ehrenamtsarbeit erleichtern könnte, gibt es schon. Aber ganz aufhören? Nein! Man muss schließlich rege bleiben!

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