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Ein Hauch von Großstadt

Was die Fassaden der Friedrichsstraße in Hoyerswerda über den Stolz einer Epoche verraten.

In den vergangenen Wochen wurde das gesamte Kartenmaterial des Stadtmuseums Hoyerswerda digitalisiert.
In den vergangenen Wochen wurde das gesamte Kartenmaterial des Stadtmuseums Hoyerswerda digitalisiert. © Foto: Stadtmuseum Hoyerswerda

Von Marcel Steller

Hoyerswerda. Wer jetzt im Winter durch die Hoyerswerdaer Altstadt flaniert, wird weniger kaufen müssen und können als sonst. Vielleicht geht es aber dennoch spazierend vom Markt die Kirchstraße entlang, die zur Friedrichsstraße wird, bis zum flanier-ungemütlichen fünfarmigen Knoten. Oder gar darüber hinaus. Beim Schlendern gibt es manch Schönes schemenhaft hinter Schaufensterglas zu entdecken. Wer hebt da schon mal den Blick?

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Frühestens an der Langen Straße fällt etwas auf, jedoch spätestens, wenn man den Blick in Höhe Kreuzkirche in die Häuserschlucht der Straße wirft, die später nach Klein Neida führen wird. Einige der Fassaden scheinen so gar nicht in die gewohnt muckelig-altstädtische Bausubstanz Hoyerswerdas hineinzupassen. Manche der Viergeschosser könnten durchaus woanders stehen: in Leipzig, Berlin, Cottbus ...

Fortschritt Eisenbahn

Die Friedrichsstraße 2-6 (gegenüber Zuses Wohnhaus, der ehemaligen Post) zum Beispiel: Fassaden mit Jugendstil-Elementen, einmal ganz klar ausgeprägt, ein anderes Mal als eine verschwommene Mischung hin zum Historismus, verraten etwas über die Entstehungszeit. Ebenso ein in Art-déco-Manier abgetreppter Erker und, weiter hinten das Park-Café, dem man ganz zaghafte Versuche des Backstein-Expressionismus zuschreiben kann. Diese Formen- und scheinbare Materialvielfalt drückt wunderbar anschaulich die städtische Ambivalenz der Zeit um die Jahrhundertwende bis in die 1920er-Jahre hinein aus. Eine Zeit des Aufbruchs, der Industrialisierung, von Erfindungen, sozialen Umwälzungen und Verbesserungen, aber auch des Ersten Weltkrieges.

In der Blickachse weiter südlich, hinter dem Fünfarmigen Knoten, zeigen sich strenge geometrische Formen deutlicher, genauer: eine Armee von akkurat ausgestanzten Fensterrechtecken. Sie sind Zeugen eines anderen städtebaulichen Phänomens um die Jahrhundertwende: Masse statt Klasse.

Preußisch-präzise durchgeplant

Diese Besonderheiten im hoyerswerdischen Stadtbild sind kein Zufall. Im Jahr 1892 wurde die wichtige Verbindung aus Richtung Dresden beziehungsweise Wittichenau über Klein Neida zum Hoyerswerdaer Markt preußisch präzise durchgeplant, wie der Original-Fluchtlinienplan aus dem Archiv des Stadtmuseums zeigt. Doch warum war das, war diese Stadtbild-Veränderung nötig geworden?

Als 1874 die Eisenbahnstrecke Kohlfurt – Falkenberg eröffnet wurde, boten sich der Stadt ganz neue Möglichkeiten. Vor allem: schnelle! Noch wenige Jahrzehnte zuvor versuchten renommierte Ärzte zu beweisen, dass Geschwindigkeiten über 50 km/h zwangsläufig für den Menschen tödlich sein würden. Als allerdings Fahrrad, Automobil und Eisenbahn erfunden waren, nahm die Geschichte auch in Hoyerswerda ihren schnellen Lauf. Und das sieht man noch heute in der Architektur.

Verkehr! Handel! Leben!

Die repräsentativen Fassaden sollten schon bei der Einfahrt über die wichtigste Zufahrtsstraße einen Vorgeschmack bieten auf das, was Hoyerswerda zu bieten hatte – weit mehr als das Image eines kleinen Ackerbürgerstädtchens. Die Bahnhofstraße, wie die Friedrichsstraße damals (teilweise) hieß, war Teil der Vorstadt (vor dem Wittichenauer Tor) und wohl seit dem 17. Jahrhundert (damals ohne Straßennamen) bebaut. Bauerngehöfte als Vorderhäuser zur Straße hin konnten nicht mehr den Zeitgeist vermitteln. Stadt bedeutete Verkehr! Handel! Leben! Bürgerlichkeit! Daher hieß die Straße eben Bahnhofstraße. Die Häuser dieser Straße mit ihrer großstädtischen Erscheinung, Erdgeschossläden und sogar einem Fahnenhalter, der aus dem Erker der Friedrichsstraße 4 ragt, vermittelten genau das: den modern-aufstrebenden handels- und verkehrsreichen Zeitgeist nach der Jahrhundertwende.

Auch weiter südlich bleibt es bei diesem Bild: die Friedrichsstraße 37, heute Musik- und Buchgeschäft, wirft einem förmlich die Kaufhausoptik des frühen 20. Jahrhunderts entgegen, und das, obwohl bei einer unglücklichen Sanierung viele Dekor-Elemente verloren gingen. Als der Fluchtlinienplan 1892 gestaltet wurde, konnte man gewiss noch nicht die Architekturbewegungen der kommenden Jahrzehnte voraus ahnen (sogar ein Weltkrieg lag dazwischen), aber die Intention war unmissverständlich: Mit Fluchtlinien wird Größe für den Verkehr geschaffen! Der städtebauliche Anspruch stieg. Besonders deutlich wird das, wenn man das Bild etwas größer zeichnet. Wer schon einmal vom Bahnhof zum Bahnübergang Ecke Dresdener Straße gelaufen ist, dem fallen zwei Dinge auf: Zum einen das Reichsbahnambulatorium linker Hand, ein typischer „Bahnbau“ von 1890; und zum anderen die betagten Rosskastanien und das grau-schwarze Pflastermosaik des Gehwegs. Diese durchdachte und gartenbaulich-künstlerische Gestaltung war sehr gewollt, auch wenn sie heute leider nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Metropoles Flair

Die Bahnhofsallee war der Hauptzug, die Verbindungsstraße schlechthin zwischen dem „Tor zur Welt“ und der Stadt. Wer vom Bahnhof kommend schließlich links abbog, wurde schon bald vom metropolen Flair der Stadt eingesogen – auch wenn dies nur aus den Vorderhausfassaden bestand. Kein Wunder also, dass nicht nur das Basalt-Grauwacke-Mosaik und auch die Rosskastanien denkmalgeschützt sind, sondern ebenfalls die meisten der großstädtisch wirkenden Häuser in der heutigen Friedrichsstraße.

Die Eisenbahn brauchte viel Platz

Die neuen städtebaulichen Dimensionen der Jahrhundertwende werden in der Bahnhofsallee deutlich: Die Eisenbahn brauchte Platz – viel Platz! Deshalb finden sich die meisten Bahnhöfe jener Zeit auch in peripherer Lage. Zudem waren die Grundstücke dort viel billiger. Hoyerswerda machte da keine Ausnahme. Wer vom Bahnübergang die Dresdner Straße Richtung Süden weiterläuft, wird weitere Häuser entdecken, die so gar nicht mehr ackerbügerstädtisch anmuten. Schließlich kam nicht jeder mit dem Zug in die Stadt. Der wahrscheinlich erste Radfahrer Hoyerswerdas, der Kreistierarzt Luis Koch, wohnte am Ende des 19. Jahrhunderts in der Kirchstraße. In dieser Zeit brachten auch Erfindungen wie der Luftreifen für Autos oder die ersten Straßenkarten neuen Schwung (im wörtlichen Sinn!) in die Stadt. Durch die höheren möglichen Geschwindigkeiten konnte man auch schneller und weiter reisen. Entfernungen wie nach Dresden oder Kamenz waren kaum mehr ein Problem. Sogar per Pferd ging es schneller, denn auch der Straßenbau machte große Fortschritte in dieser Zeit.

Allerdings war dieser halsbrecherische Geschwindigkeitsrausch des Verkehrs (seit Tausenden Jahren kannte man nur das Pferd!) gewiss nicht nur Ursache der städtebaulichen Veränderung, sondern auch Folge – Folge der Industrialisierung.

Mit der Kohle- und später der Glas- und Aluminiumindustrie machte die Region einen wirtschaftlichen Satz nach vorn. Viele Menschen zogen auch nach Hoyerswerda. Der Amtsanbau, das Gebiet heute zwischen Schul- und Heinrich-Heine-Straße, wurde 1890 nach Hoyerswerda eingemeindet. Mit dem Kapitalismus wuchs auch die Stadt. Ein neuer Stolz zog in die Stadt ein, und den sieht man zum Beispiel am Jugendstil-Elektrizitätswerk, dessen beeindruckendes Modell noch immer im Stadtmuseum zu sehen ist. Das E-Werk existiert schon lange nicht mehr, aber dieser besondere Stolz jener Epoche existiert hier und da noch in der Stadtarchitektur: Vor 130 Jahren hat ein städtebaulicher Hauch von Großstadt Hoyerswerda geküsst.

Hintergrund: Das Depot des Stadtmuseums Hoyerswerda muss umziehen, weil die Traglasten des Schlosses erschöpft sind und das Gebälk zu DDR-Zeiten mit einem toxischen Holzschutzmittel bestrichen wurde. Im Zuge des Umzugs bietet sich die einmalige Gelegenheit, auch den historischen Kartenbestand zu digitalisieren und wissenschaftlich neu zu bewerten. Dabei ist dieser Fluchtlinienplan aus dem Jahr 1892 aufgetaucht, der einen tiefen Einblick in die Stadtgeschichte gewährt.

Unser Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stadtmuseum Hoyerswerda.

In der Hoyerswerdaer Bahnhofstraße, heute Friedrichsstraße, entstand auch dieses Haus im Jugendstil.
In der Hoyerswerdaer Bahnhofstraße, heute Friedrichsstraße, entstand auch dieses Haus im Jugendstil. © Foto: Stadtmuseum Hoyerswerda
Die Dresdener Straße, Blickrichtung stadteinwärts. So empfing die Stadt die Reisenden aus Richtung Dresden.
Die Dresdener Straße, Blickrichtung stadteinwärts. So empfing die Stadt die Reisenden aus Richtung Dresden. © Repro: Stadtmuseum Hoyerswerda
Blick in die Bahnhofsallee mit Reichsbahnambulatorium vor rund 100 Jahren.
Blick in die Bahnhofsallee mit Reichsbahnambulatorium vor rund 100 Jahren. © Repro: Stadtmuseum Hoyerswerda
Blick in die Bahnhofstraße vom Fünfarmigen Knoten aus. Im preußischen Hoyerswerda setzte man zur vorletzten Jahrhundertwende auf Großstadtarchitektur.
Blick in die Bahnhofstraße vom Fünfarmigen Knoten aus. Im preußischen Hoyerswerda setzte man zur vorletzten Jahrhundertwende auf Großstadtarchitektur. © Repro: Stadtmuseum Hoyerswerda

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