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Herausforderung zur Party und zum Dinner

Der SV Zeißig und die SpVgg Lohsa/Weißkollm wollen nicht nur in ihren jeweiligen Fußball-Klassen „drin bleiben“, sondern auch im Vereinsleben.

Philipp Witschas (SpVgg Lohsa/Weißkollm -links-) und Benjamin Müller (SV Zeißig) beim individuellen (Lauf-) Training nach Vorgaben des Übungsleiters.
Philipp Witschas (SpVgg Lohsa/Weißkollm -links-) und Benjamin Müller (SV Zeißig) beim individuellen (Lauf-) Training nach Vorgaben des Übungsleiters. © Foto: Werner Müller

Von Werner Müller

Was macht Corona mit uns? Präziser gefragt: Was lassen wir Corona mit uns machen? Abseits aller Durchhalteparolen und Entmutigungs-Erscheinungen sind es vor allem die Hauptbetroffenen, die versuchen, Antworten zu geben und sie zu leben: Gewerbetreibende, Kulturschaffende, Sportler. Stellvertretend für alle Fußballvereine der Region lassen wir Aktive und Verantwortliche aus Hoyerswerda und Lohsa zu Wort kommen.

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Gemeinsam und getrennt

Benjamin Müller (24) und Philipp Witschas (25) kennen sich seit der C-Jugend-Fußballzeit in Knappenrode, besuchten ab der 6. Klasse gemeinsam das León-Foucault-Gymnasium in Hoyerswerda. Beide verbindet das Hobby Fußball – und es trennte sie gewissermaßen: Benjamin Müller spielt heute beim SV Zeißig in der Landesklasse Ost; Philipp Witschas bei der SpVgg Lohsa/Weißkollm in der Kreisoberliga Westlausitz. Und doch gibt es wieder eine Gemeinsamkeit: Beide trainieren in der Zeit von Corona ab und an gemeinsam – unter anderem bei Läufen durch den Wald in der Nähe von Maukendorf.

Benjamin Müller weiß das zu schätzen: „Das kollektive Training ist komplett abgesagt, die Spiele finden nicht statt. Die Mannschaft funktioniert nicht mehr. Jeder ist auf sich allein gestellt. In dieser Situation ist es gut, dass man sich mit jemand aus der Nachbarschaft mal unterhalten kann.“

Philipp Witschas sieht es genauso: „Dadurch, dass Fußball wegfällt, fällt ja für viele das Hobby Nr. 1 aus. Das ist schon belastend für die Leute, die das richtig leben. Wir hoffen, so schnell wie möglich wieder miteinander trainieren zu können. Wir sind mehr Freunde als «nur» ein Team.“

Es fehlt an Geld

Benjamin Müller nennt einen anderen Aspekt von Corona, der besonders den Verein belastet: „Es brechen Einnahmen weg, da die Zuschauer bei den Heimspielen fehlen. Man kann keine anderen Events und Zusammenkünfte durchführen; das Gemeinschaftsgefühl leidet. Das alles wirkt sich auch auf den Verein aus. Es fehlt an Geld, aber das Gelände muss trotzdem weiter bewirtschaftet werden.“ Den Verein hält auch Philipp Witschas hoch: „Der Verein arbeitet gerade an Lösungen, vor allem für die jüngeren Mitglieder. Nicht der Fußball an sich steht im Vordergrund, sondern der Zusammenhalt.“

Ja – was kann man in solchen Situationen tun, um die Sportler zu motivieren? Zeißigs Trainer Falk Weichert nennt ein Beispiel: „Wir haben zwar relativ spät angefangen, wieder gemeinsame Aktivitäten zu entfalten – in der Hoffnung, damit einen guten Übergang zum vermeintlichen «Restart» zu finden. Doch wir hoffen, dass das funktioniert, denn es sind nicht nur die üblichen zweckbestimmten Trainings-Module. Seit fünf Wochen haben wir freitags eine kleine Online-Trainingseinheit geschaffen, bei der wir durch unsere «Fitness-Gurus» unterstützt werden. Außerdem bekam die Mannschaft die Aufgabe, bei einer Art «Challenge» in 14 Tagen in summa 1.111 Trainings-Kilometer zu laufen – dann hätte sich das Team eine kleine Party auf Kosten des Trainerteams verdient gehabt. Am Ende wurden es aber nur knapp etwas über 1.000 Kilometer. Somit geht nun das Trainerteam auf Kosten der Mannschaft schick essen bei einem Sponsor unserer Wahl.“

Doch die Aktiven haben eine zweite Chance auf eine Extra-Belohnung zum Guten Zweck für Trainingsfleiß, wie Falk Weichert schildert: „Vor einer Woche haben wir als Team dem Vorstand eine Wette angeboten, dass wir es schaffen, als Team 15.000-mal beim Jonglieren «den Ball hoch zu halten», wobei jeder teilnehmende Fußballer pro Tag nur seinen besten Versuch «in den Ring werfen» darf. Hierfür hat der Vorstand uns eine Prämie versprochen, die wir gemeinsam mit Sponsoren und Vereinsmitgliedern auf 700 Euro aufstocken wollen, um für ausgewählte Kindergärten und Horte neue Fußbälle zu organisieren, damit die Kids gut ausgestattet sind, wenn auch bei ihnen das Leben wieder einen Schritt in die Normalität übergeht.“

Hoffen auf die gerechte Null

Thomas Leberecht, der Vorsitzende der SpVgg Lohsa /Weißkollm, blickt schon voraus auf die fußballerische Zeit „nach Corona“: „Für die sächsischen Fußballverbände und deren Ligen würde ich mir wünschen, dass die Saison 2020/ 2021 «auf null» gesetzt wird, also ohne Auf- und Absteiger endet – und dass die neue Saison in Anlehnung an die noch bestehende ausgetragen wird. Dann bestehen, rein organisatorisch, sportlich als auch finanziell, aus meiner Sicht mehr Chancen als Risiken für alle Vereine diese extreme Zeit mit minimalem Schaden zu überstehen.“

Sein Spieler Philipp Witschas sieht das für sich und die SpVgg Lohsa/Weißkollm ähnlich, hat aber auch außerhalb des Sports klare Vorstellungen und Wünsche: „Dass die Pandemie nicht noch weitere Todesopfer fordert. Dass durch die Regierung den Menschen, die stark unter den Maßnahmen leiden, effektive Hilfen zur Verfügung gestellt werden – und dass es allen bald besser geht. Und ich hoffe sehr, dass sich nach der Pandemie etwas an unserer Überflussgesellschaft ändert: dass die Menschen mehr einander achten. Und dass sich die Gesellschaft nicht mehr spalten lässt. Ich denke einfach, dass wir im 21. Jahrhundert soweit sein sollten, dafür einzutreten, dass jeder Mensch dieselben Chancen hat. Das ist doch die Hauptsache.“

Nie wieder wie zuvor?

Das Schlusswort soll allerdings noch einmal dem Zeißiger Trainer Falk Weichert gelassen werden. Sein zugleich skeptischer wie auch optimistischer Ausblick: „Das Vereinsleben ist zum Erliegen gekommen und ich befürchte, wir werden nie wieder dahin gelangen, wo wir vor der Pandemie standen ... Ich würde mich freuen, wenn es (seitens der Politik, d. Red.) einen Plan geben würde, wie es weiter gehen soll. In der sogenannten «Exit-Strategie» wird ja aktuell für einzelne Berufsgruppen versprochen, dass in weiter Ferne Licht am Ende des Tunnels ist. Aber auch hier geht mir Thema Sport etwas unter und da rede ich nicht nur vom Fußball. Ich freu’ mich trotz allem darauf, wieder mit den Jungs auf dem Platz zu stehen und Gas zu geben.“

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