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In den Händen eines „Scheißtyps“

Eine groß angelegte Plakatkampagne räumt mit Vorurteilen über Diabetes Typ 1 auf. Auch Lyn Künstner aus Dresden zeigt Gesicht.

Die Bilder und Botschaften von Lyn Künstner erreichen Zehntausende Menschen auf Instagram. Nun will sie für die Diabetesforschung werben. © René Meinig

Das erste Plakat sah sie im Vorbeifahren in der Bahn. Irgendwas mit „Scheißtyp“. Was soll das denn sein, fragte sie sich, so wie Tausende andere Dresdner in den vergangenen Wochen. Erst als Lyn Künstner einige Tage später erneut eines der Plakate entdeckte, ging sie näher ran und las. 

„Ich war völlig überrascht, dass es um Diabetes ging und konnte mich nicht erinnern, jemals zuvor schon eine ähnliche Kampagne gesehen zu haben“, sagt die 27-Jährige, die 2009 aus dem Erzgebirge nach Dresden kam. „Klar, für mich ist das ein besonderes Thema.“

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Vor neun Jahren bekam Lyn Künstner selbst die Diagnose Diabetes Typ 1 und fiel aus allen Wolken. Zuvor hatte sie sich schon wochenlang schwach gefühlt, konnte nicht mehr schlafen, hatte ständig riesigen Durst und trank sechs bis sieben Liter am Tag. Bei diesen Symptomen brauchte ihr Arzt nicht lange nachzuforschen. Seitdem muss Lyn sich Insulin spritzen. Jeden Tag. Vor jeder Mahlzeit. „Das wird irgendwann zur Routine“, sagt sie. „Aber ich bin froh, dass mir das wenigstens als Kind erspart geblieben ist.“ 

Wenn man ein paar Dinge beachte, müsse man sein Leben ja nicht völlig auf Kopf stellen. Hauptsache, man hat immer was Süßes dabei. „Bei mir sind es inzwischen die Gummibärchen, weil ich Traubenzucker einfach nicht mehr sehen kann“, sagt sie. Über einen kleinen Sensor an ihrem Oberarm kann sie jederzeit ihren Blutzuckerwert überprüfen und reagieren. Mit Zucker oder Insulin.

Hinter der „Scheißtyp“-Kampagne, die auf über 1 500 Plakatwänden in Berlin, Dresden, Hannover und München zu sehen ist und die offiziell „A World without 1“ heißt, steckt das Helmholtz Zentrum München. 

Zuletzt waren in Dresden vor allem Plakate mit Kindern zu sehen, verbunden mit Aussagen nach dem Muster „Timmy ist T1mmy“ – wobei die 1 für den Typ stehen soll. Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter und dennoch wissen die meisten Menschen relativ wenig darüber.

Genau das soll sich ändern. Die Wissenschaftler wollen bekannt machen, wie intensiv gerade an Methoden zur Prävention geforscht wird, und dass Familien helfen können, indem sie an einer Studie teilnehmen. Womöglich, so die große Hoffnung der Forscher, könnte eines Tages Typ-1-Diabetes weltweit verhindert werden.

Lyn findet die Plakataktion vor allem deswegen so klasse, weil die endlich mal mit über die Jahre fest eingebrannten Vorurteilen aufräume: Du hast doch Diabetes, weil du immer zu viele Süßigkeiten gegessen hast! Quatsch! Dann darfst du doch jetzt gar keine Schokolade mehr essen. Quatsch! Mit den Spritzen kommst du doch nicht ins Flugzeug, oder? Quatsch!

„Ich hatte sofort das Bedürfnis, den Machern hinter der Kampagne ein Feedback zu geben“, sagt Lyn. Da sie selbst online vor allem bei Instagram zu Hause ist, suchte sie sich den Kampagnen-Kanal und schrieb eine Nachricht. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Lyns eigenen Instagram-Kanal „lyn_k44“ folgen mehr als 100.000 Menschen. Dabei ist sie erst seit einem Jahr dabei. 

Sie ein klassisches Beispiel für jemanden, den man neudeutsch gern „Influencer“ nennt. Jeden Tag postet sie ein neues Foto, wobei die Bilder vor allem ihren Tattoos und Kurven Ausdruck verleihen sollen. Manchmal zeigt sie auch ihren Staffordshire Bullterrier Cessy. „Ich wollte diesen ganzen Fitness-Bloggern mit ihren perfekten Posen mal etwas entgegensetzen“, sagt sie. Und das klappte gut. Inzwischen kann die Angestellte im öffentlichen Dienst sich über bezahlte Werbung bei Instagram den einen oder anderen Euro dazuverdienen.

Lyns Bilder und Botschaften zählen was in der Onlinewelt und das blieb natürlich auch dem Helmholtz Zentrum nicht verborgen. Daher lud man Lyn ganz spontan ein, doch selbst noch ein Teil der sonst längst fertig produzierten Plakatkampagne zu werden. „Ich hatte Lust drauf und dann kam ganz schnell eins zum anderen“, sagt sie. Ab 15. März wird das Plakat mit ihrem Motiv nun am Neustädter Bahnhof hängen: „Lyn ist L1n.“

Dieses Plakat hängt ab 15. März am Neustädter Bahnhof.  © Helmholtz Zentrum München

Die „Scheißtyp“-Plakate sind unterdessen längst nicht bei allen Betroffenen gut angekommen. Die einen fühlten sich von dem Wort auch persönlich beleidigt, andere fürchten, dass die Plakataktion einen positiven Umgang mit der chronischen Erkrankung erschweren könnte. 

„Es tut uns aufrichtig leid, dass wir bei manchen diese Gefühle und Assoziationen ausgelöst haben“, entschuldigt sich das Helmholtz Zentrum nun online dafür – und lässt doch keinen Zweifel daran, dass genau diese Zuspitzung für Aufmerksamkeit sorgt. Und die ist nötig, denn: Typ-1-Diabetes kann jeden treffen. Mit oder ohne Schokolade.

www.aworldwithout1.de

www.instagram.com/lyn_k44

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