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Wirtschaft

In der rechten Ecke

Hans Jürgen Naumann, Gründer des Maschinenbau-Konzerns NSH, galt in Sachsen als hoch geachtet. Bis zu einem Interview.

Hans Jürgen Naumann, geschäftsführender Gesellschafter des Chemnitzer Maschinenbau-Konzerns Niles-Simmons-Hegenscheidt
Hans Jürgen Naumann, geschäftsführender Gesellschafter des Chemnitzer Maschinenbau-Konzerns Niles-Simmons-Hegenscheidt © Wolfgang Schmidt

Von Lars Radau

Kleinlaut kann Hans Jürgen Naumann sonst eigentlich nicht so gut. Doch an diesem Nachmittag im Mai klingt es beinahe, als habe der 82-Jährige dazugelernt. Er sei erschrocken darüber, „wie sich die Dinge entwickelt haben“. Und er bedauere, sich nicht so geäußert zu haben, dass seine Aussagen „nicht fehlinterpretiert werden können“. 

Noch viel stärker als diese Worte wirkt allerdings der Ort, an dem der geschäftsführende Gesellschafter des Chemnitzer Maschinenbau-Konzerns Niles-Simmons-Hegenscheidt (NSH) sein knappes Statement abgibt: Es ist die Firmenzentrale, das Allerheiligste der Gruppe, die mit gut 1300 Beschäftigten, einem Umsatz von 360 Millionen Euro und weltweit sieben Standorten einer der größten Industriebetriebe Sachsens ist. Normalerweise ist es der großgewachsene, stattliche Brillenträger, der hier die Ansagen macht. Und gegebenenfalls Absolution erteilt, wenn Fehler passiert, Dinge schiefgelaufen sind.

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Diesmal, scheint es, hat Naumann selbst Fehler gemacht. In einem Interview mit der Freien Presse, in dem der Unternehmer über die Wahlen in den USA und den neuen Präsidenten Donald Trump befragt wurde, hatte Naumann Mitte April forsche Töne angeschlagen. Im Gegensatz zu vielen europäischen Politikern habe Trump erkannt, „dass die weiße Bevölkerung zusammenstehen muss“. Amerikaner, Europäer und Australier seien zusammen rund 1,5 Milliarden Menschen. „Aber die Asiaten kommen auf sechs Milliarden Menschen.“ 

Empörte Reaktionen

Zudem regte er an, die afroamerikanische Jugend, die „sich sehr stark aus der Verantwortung gezogen habe“, zu disziplinieren. „Das kann meines Erachtens aber nur dadurch erreicht werden, wenn man die jungen Afroamerikaner zum Militär einzieht, ihnen dort Disziplin beibringt und eine berufliche Ausbildung ermöglicht.“ Aus freien Stücken, so Naumann weiter, „werden Afroamerikaner sich keine Zwänge auferlegen“.

Die empörten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Der Studentenrat der Technischen Universität Chemnitz, an der Naumann Ehrendoktor, Ehrenprofessor und Mitglied des Hochschulrates ist, nannte die „Grenze des Tolerierbaren massiv überschritten“. Naumann dokumentiere mit seinen Äußerungen eine rassistische Sichtweise. Deshalb fordere der Stura Wissenschaftministerin Eva-Maria Stange (SPD) auf, „von ihrem gesetzlichen Gestaltungsspielraum Gebrauch zu machen“ – und Naumann aus dem Hochschulrat abzuberufen. Die zeigte sich irritiert wegen des „deutlich rassistischen Tenors“ der Äußerungen. Auch die TU Chemnitz distanzierte sich von ihrem Ehrenprofessor: Seine Aussagen würden den von der TU vertretenen und gelebten Grundsätzen von Weltoffenheit, Internationalität und Gleichberechtigung widersprechen.

Also hat Naumann an diesem Nachmittag im Mai zur Schadensbegrenzung zum Gespräch hinter verschlossenen Türen in seine Firmenzentrale geladen. Den Stura. Die Ministerin. Den Kanzler und den Prorektor für Internationales der Hochschule, selbst die Chemnitzer Oberbürgermeisterin ist dabei.

Anderer Sprachgebrauch

Doch Absolution bekommt der machtbewusste Unternehmer an diesem Tag nicht: In einem knappen Statement erneuert Eva-Maria Stange ihre Kritik an Naumann. Seine Aussagen seien rassistisch und vertrügen sich nicht mit den Wertvorstellungen an sächsischen Hochschulen. Nach dem Gespräch aber könne sie seine Worte besser einordnen, damit sei die Sache für sie geklärt. Das heißt auch: Naumann bleibt im Hochschulrat, dem der Unternehmer auf Vorschlag des Ministeriums seit 2010 angehört.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass Hans Jürgen Naumann die Drastik seiner Interview-Aussagen ausgerechnet mit kulturellen Unterschieden zu relativieren versucht – sowohl unmittelbar nach dem Interview als auch im Gespräch mit der Ministerin. Der im sächsischen Dewitz nahe Leipzig geborene Unternehmer ist selbst US-Bürger, er war 1960 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hatte dort einen Maschinenbau-Konzern aufgebaut.

In den USA sei es üblich, dass in der Politik, öffentlichen Diskussionen und statistischen Erhebungen die Abstammungen und die Herkunft der Menschen differenziert werde, Begriffe wie „Weiße“, „indianische“ Abstammung oder „Afro-Amerikaner“ seien normal. Zudem, so Naumann, sei im Interview ein im alltäglichen und offiziellen Sprachgebrauch der USA verwendeter Begriff missverständlich übersetzt worden. Die Botschaft ist klar: Die Zeitung, insinuiert Naumann, trage zumindest eine Mitverantwortung. Sie habe zudem, erklärt der Unternehmer in seiner Zentrale, eine verzerrende Überschriften-Auswahl getroffen. Kleinlaut klingt dann doch wieder anders.

Gleichwohl rudert Naumann in einem Punkt zurück: Das Militär sei nur „eine von zahlreichen Möglichkeiten“, sich persönlich zu entwickeln. Mit seinen Aussagen zu Afroamerikanern habe er nur verdeutlichen wollen, dass man sich mit den ungleichen Chancen auf Bildung in den USA nicht zufrieden geben dürfe.

Großspender der CDU

Gar nicht zufrieden dürfte Naumann trotz aller Relativierungsversuche mit dem Ergebnis seines Interviews sein – es wirft jetzt dunkle Schatten auf sein Lebenswerk. Denn bislang galt der bekennende Konservative – bei der US-Präsidentenwahl hat Naumann an seinem Wohnsitz in Florida für Trump gestimmt, in Sachsen zählen er und sein Unternehmen zu den Großspendern der CDU – in seiner Branche, aber auch im Freistaat als echte Nummer. Neben den Ehrenposten an der Technischen Universität Chemnitz ist Nauman unter anderem auch Senator der Fraunhofer-Gesellschaft, Initiator und Präsident des Kompetenzzentrums Maschinenbau, Ehrenpräsident des Industrievereins Sachsen, Träger des sächsischen Verdienstordens und des Bundesverdienstkreuzes.

Sein unbestreitbarer Verdienst: 1991 übernahm der Unternehmer den ehemaligen VEB-Großdrehmaschinenbau „8. Mai“, brachte ihn – mühevoll und abgespeckt – in die schwarzen Zahlen und belebte damit auch den Maschinenbau im Freistaat wieder. Naumann entschied sich 2001 bewusst für Chemnitz als Sitz seiner Holding. „Ich wollte ein starkes Zeichen setzen.“ Wie das geht, weiß der Unternehmer nämlich eigentlich sehr genau. Darüber reden will er jetzt nicht mehr so gern: Trotz mehrerer Anfragen von sächsische.de kam ein Gespräch nicht zustande.

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