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Jubel

„Wir freuen uns über Hinweise“

Das Rathaus unter Riesas OB Marco Müller wird fast täglich mit Fragen der SZ behelligt. Dieses Mal aber läuft es andersrum.

Normalerweise stellt SZ-Lokalredakteur Christoph Scharf lieber selbst die Fragen. Dieses Mal aber musste er selbst Antworten geben - auf Fragen, die sich Riesas Oberbürgermeister Marco Müller (CDU/r.) im Rathaus überlegt hatte.
Normalerweise stellt SZ-Lokalredakteur Christoph Scharf lieber selbst die Fragen. Dieses Mal aber musste er selbst Antworten geben - auf Fragen, die sich Riesas Oberbürgermeister Marco Müller (CDU/r.) im Rathaus überlegt hatte. © Sebastian Schultz

Wie arbeitet man eigentlich bei der SZ? Und wer sucht die Themen aus? Riesas OB Marco Müller (CDU) traf Redaktionsleiter Christoph Scharf zum Gespräch.

Herr Scharf, wie kann ich mir einen Tag in der Riesaer Redaktion vorstellen?

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Das Schöne am Journalistenberuf ist, dass es nicht so früh losgeht. Wir müssen nicht um sieben anfangen – gegen neun reicht auch. Dann stimmen wir uns per Videokonferenz mit den Nachbarredaktionen in Großenhain, Meißen und Radebeul ab: Wie sieht der aktuelle Tag aus? Haben sich Themen geändert? Welche Themen interessieren auch die Nachbarausgaben? Das geht innerhalb von wenigen Minuten ab, danach geht es an das normale Arbeiten – Recherchieren und Aufschreiben.

Und bei den Videokonferenzen sind alle Kollegen dabei – oder nur die Chefs?

Das machen in der Regel die Chefs unter sich aus. Weitere Abstimmungen unter den Kollegen laufen dann auf dem kurzen Dienstweg – direkt in der Redaktion, telefonisch oder auch beim gemeinsamen Mittagessen. Um 13 Uhr kommt die nächste Abstimmungsrunde mit den Nachbarn: Hat sich was an den Planungen geändert? Gibt es aktuelle Entwicklungen? Was passiert in der Mantelredaktion in Dresden?

Wie oft passiert es, dass dann das komplette Konzept noch mal gekippt wird?

Das kann jeden Tag passieren. Wenn etwa ein Wolf im Stahlwerk rumläuft, bedeutet das für uns eine komplett neue Geschichte, die aktuell ins Blatt gehört.

Wann ist abends eigentlich Deadline?

Abends geht es im Regelfall bis halb sieben. Dann sollte die Print-Ausgabe komplett sein. Wenn nicht gerade eine Wahl ansteht oder sich in den Nachmittagsstunden dramatische Dinge entwickeln: In solchen Fällen wird das E-Paper, mit dem Abonnenten abends die Zeitung des Folgetages erhalten, mit einem Platzhalter bestückt. Dann können die Texte später fertig werden, die Nutzer brauchen das E-Paper nur aktualisieren.

Wie wirken sich jetzt die Corona-Bestimmungen auf die Arbeit aus?

Da sieht der Alltag deutlich anders aus. Etwa die Hälfte der Kollegen arbeitet im Homeoffice, teilweise wechselt man sich ab. Mittlerweile klappt es auch, die Print-Ausgabe von zuhause aus zu gestalten. Das war früher technisch nicht möglich.

Was sind die Themen, die bewegen – und was hat die besten Lesequoten?

Man merkt zwar, dass sich das Leseverhalten der Print-Leser und der Online-Nutzer unterscheidet. Dort erreicht man unterschiedliche Generationen. Ein schöner Text zur Stadtgeschichte auf unserer „Riesaer Geschichte(n)“-Seite wird vielleicht nicht unbedingt Klick-Weltmeister bei den Online-Nutzern, findet aber im Print auf jeden Fall seine Leser.

Es gibt aber auch viele Themen, die interessieren alle Altersgruppen gleichermaßen - immer das, was Relevanz für das eigene Alltagsleben hat. Einkaufen gehört dazu, Verkehr, Baustellen, Gesundheit, Kriminalität und Sicherheit natürlich auch. Außerdem gibt es Geschichten, die einen emotional berühren.

Man hat den Eindruck, viele Themen saugen Sie aus den sozialen Netzwerken und zitieren Nutzer von dort. Führen Sie überhaupt noch persönliche Gespräche?

Aber natürlich! Wir telefonieren täglich reichlich. Facebook ersetzt nicht das Gespräch, aber ergänzt es. Man bekommt aus den sozialen Netzwerken deutlich mehr Rückmeldungen, als etwa per Leserbrief. Die Hemmschwelle, bei Facebook einen Satz rein zu tippen, ist geringer. Deshalb müssen wir auswählen, was man davon bringt – und was nicht.

Man erhält so ein breiteres Meinungsspektrum, aber natürlich kein repräsentatives. Nicht alle Menschen sind in den sozialen Netzwerken aktiv. Und offenbar fällt es manchem dort leichter, zu meckern, als was Konstruktives beizutragen. Positiv ist, dass wir dort häufig auf Themen aufmerksam gemacht werden.

Wie ist es denn mit Themen aus dem Riesaer Stadtrat: Findet sich der in der Zeitung wieder, der am lautesten schreit? Wer platziert da die Themen?

Eine gute Frage! Die bekommen wir übrigens hin und wieder von Lesern zu hören: „Wer hat denn das in die Zeitung setzenlassen...“. Vielleicht war das vor Jahrzehnten so. Aber natürlich treffen wir selbst die Entscheidung, was bei uns in die Zeitung kommt. Dabei ist man allerdings auch auf Hinweise angewiesen – man kann als Journalist nicht alles direkt selbst mitbekommen.

Erst kürzlich bekam ich einen Anruf von einem Land-Bewohner, warum ein Gülle-Zwischenfall nicht in der Zeitung auftaucht. Motto: „Wer hat denn das unter den Tisch gekehrt?“ Da habe ich mich für den Anruf bedankt – und beim Umweltamt nachgefragt. Solche Anfragen werden von den Ämtern auch beantwortet.

Aber die Ämter schicken eben nicht alle Vorgänge, die sie auf den Tisch bekommen, von allein an die Presse. Deshalb freuen wir uns über Hinweise – egal ob telefonisch oder per E-Mail. Und ja, es gibt Leute, die melden sich lauter und regelmäßiger bei der Zeitung. Wir beraten, ob das Thema von Relevanz für eine größere Öffentlichkeit ist.

Journalisten haben ja auch eine Meinung zur Politik. Wie achten Sie darauf, dass das in der Redaktion ausgewogen bleibt? Kommen die Fakten in den Bericht und die Meinung in den Kommentar? Oder steht der sogenannte Haltungsjournalismus im Mittelpunkt?

Wenn ich den Eindruck habe, dass ein Kollege ein Thema, über das er berichtet, persönlich besonders positiv oder besonders kritisch sieht, gebe ich den Tipp, lieber einen Kommentar dazu zu schreiben – als etwa mit der Wortwahl im Bericht sein Missfallen oder Gefallen unterschwellig auszudrücken.

Und die Entscheidung, welche Partei sich bei uns in der Berichterstattung wie oft wiederfindet, treffen wir selbst. Ich denke, dass uns das in Riesa gut gelingt: Den Wunsch, häufiger zu Wort zu kommen, äußern die unterschiedlichen Fraktionen im Stadtrat etwa gleichermaßen.

Es heißt, die Riesaer Redaktion hat schon neue Räumlichkeiten bezogen …

Noch nicht! Wir werden voraussichtlich Mitte des Jahres von der Hauptstraße 56 ein Stück weiter auf dem Boulevard Richtung Rathaus ziehen – in die Räume, wo früher Blume 2000 eingemietet war. Unser DDV-Lokal, der frühere SZ-Treffpunkt, ist bereits auf diesen Abschnitt umgezogen: schräg gegenüber, in das frühere Gerry-Weber-Geschäft.

Fertig eingerichtet ist das Geschäft, darf aber leider wegen der Corona-Regeln noch nicht öffnen. Hintergrund des Umzugs ist, dass wir als Redaktion im Alltag der Riesaer im wörtlichen Sinn sichtbarer werden – weg aus Büroräumen im zweiten Obergeschoss, rein in einen Laden direkt hinter das große Schaufenster.

Das heißt, man geht auf der Hauptstraße vorbei und sieht Sie arbeiten …

Genau! In Riesa hat der Umzug den positiven Nebenaspekt, dass wir als Zeitung ein Zeichen für den Teil des Boulevards setzen, der es bei der Vermietung nicht einfach hat. Mit Redaktion und DDV-Lokal belegen wir gleich zwei zuletzt leere Schaufenster – und sind gespannt, wer zu uns reinschaut.

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