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Vor 20 Jahren: Schulaufstand im Sorbenland

Vehement kämpften Schüler, Lehrer, Eltern und weitere Menschen 2001 gegen das Aus der Mittelschule Crostwitz. Erfolg hatten sie nicht, erreicht haben sie trotzdem was.

Der Schulaufstand in Crostwitz sorgt für viele Schlagzeilen. Am 9. August 2001 berichtete die SZ so.
Der Schulaufstand in Crostwitz sorgt für viele Schlagzeilen. Am 9. August 2001 berichtete die SZ so. © Foto: Michael Trapp, Repro: SZ

Crostwitz. Der Schulaufstand in Crostwitz sorgte vor 20 Jahren bundesweit für Aufsehen. Daran soll jetzt erinnert werden. Aber nicht nur. "Wir wollen am Montag nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern auch gemeinsam nachdenken über die Schlussfolgerungen für die Gegenwart und Zukunft", so Dawid Statnik, heute Vorsitzender der Domowina, damals als Jugendlicher an Protest-Aktionen beteiligt: Als ein breites Bündnis von Sorben, Deutschen, Vertretern von Kirchen, Parteien und Vereinen, ja sogar mit Unterschützern aus dem Ausland für die Crostwitzer Mittelschule kämpfte.

Sie traten gleichzeitig auch für den Erhalt ihrer sorbischen Kultur ein. Den Aufstand begannen Schüler und Eltern der 5. Klasse am 9. August 2001. Am ersten Schultag des neuen Schuljahres zogen die Kinder gegen den Willen von Kultusministerium und Schulbehörde nach dem Gottesdienst gemeinsam in ihre alte Schule. Eigentlich sollten sie von diesem Zeitpunkt an in Räckelwitz unterrichtet werden. Doch sie besetzten ein Klassenzimmer. Dort wurden sie von pensionierten Lehrern unterrichtet.

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An den Protesten gegen die Schließung der Crostwitzer Mittelschule beteiligten sich sehr viele Menschen. Allein zur Auftaktveranstaltung am Vorabend des neuen Schuljahres im August 2001 kamen etwa 1.200 Menschen.
An den Protesten gegen die Schließung der Crostwitzer Mittelschule beteiligten sich sehr viele Menschen. Allein zur Auftaktveranstaltung am Vorabend des neuen Schuljahres im August 2001 kamen etwa 1.200 Menschen. © privat

Ihr Protest richtete sich gegen die vom sächsischen Kultusministerium beschlossene Schließung der Schule. Ab dem Schuljahr 2001 sollte es in Crostwitz wegen einer zu geringen Schülerzahl keine 5. Klasse mehr geben.

26 Tage hielten die Proteste an, wehrten sich Eltern und Schüler, sammelten 40.000 Unterschriften gegen das Aus. Unterdessen wuchs der Behörden-Druck, ist Berichten von damals zu entnehmen. Den Eltern wurden sogar hohe Bußgelder angedroht. In Verhandlungen sei kein Kompromiss in Sicht gewesen und wohl auch keine Aussicht auf Erfolg. So hätten die Eltern den Aufstand schweren Herzens beendet, heißt es.

Auf einer Protestkundgebung wurde schließlich verkündet, dass die 17 Kinder nun in der sorbischsprachigen Mitteschule Ralbitz lernen sollen. Immerhin sei eine gemeinsame, eigenen Klasse erreicht worden. 2003 wurde die Crostwitzer Schule komplett geschlossen.

„Damals haben wir verloren ", sagt Dawid Statnik. "Gewonnen haben wir aber wachsendes Selbstbewusstsein gerade beim Umgang mit unserer Sprache." Was damals gefordert worden sei - der Erhalt und die Entwicklung lokaler und regionaler sorbischer Sprachräume - stehe heute im Mittelpunkt aller Förderstrategien. Deshalb sei die Erinnerung zwiespältig.

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Für das aus diesem Protest gewonnene Selbstbewusstsein spricht auch das Motto für eine öffentliche Veranstaltung am kommenden Montag: „Wir waren – wir sind – wir werden sein“.

Mit den Protestaktionen gegen die Schulschließung traten die Beteiligten gleichzeitig auch für den Erhalt der sorbischen Kultur ein.
Mit den Protestaktionen gegen die Schulschließung traten die Beteiligten gleichzeitig auch für den Erhalt der sorbischen Kultur ein. © privat

Am 6. September gegen 18 Uhr wollen sich Menschen zum 20. Jahrestag des Crostwitzer Schulaufstandes auf dem Schulhof versammeln. Der Domowina-Regionalverband „Michał Hórnik” Kamenz, der Domowina-Dachverband und der Sorbische Schulverein laden zu diesem Gedenken ein - bei schlechtem Wetter in die Mehrzweckhalle. Dann wird in Worten und Bildern an den Aufstand erinnert. So werden auch Zeitzeugen berichten, wie sie diese Tage erlebt haben.

In dem Crostwitzer Gebäude befindet sich heute nach wie vor die Sorbische Grundschule. Der Bereich, den die Mittelschule einst nutzte, wurde inzwischen umgebaut. Hier befinden sich jetzt das Gemeindeamt und der Hort. Mit Werkräumen und Platz für den Sorbischen Schulverein ist auch noch ein Schulbezug vorhanden.

Entstanden ist ein Gemeindezentrum. In dem haben auch der Domowina-Regionalverband Kamenz, die Stiftung für das sorbische Volk mit dem Regionalbüro Crostwitz und das Witaj-Sprachzentrum Platz gefunden.

Im Crostwitzer Schulgebäude sind heute unter anderem die Grundschule, der Hort, das Gemeindeamt, der sorbische Schulverein, der Domowina-Regionalverband Kamenz und das Witaj-Sprachzentrum untergebracht.
Im Crostwitzer Schulgebäude sind heute unter anderem die Grundschule, der Hort, das Gemeindeamt, der sorbische Schulverein, der Domowina-Regionalverband Kamenz und das Witaj-Sprachzentrum untergebracht. © Archivfoto: Andreas Kirschke

Die Veranstaltung beginnt am 6. September um 17.55 Uhr mit einer musikalischen Einstimmung durch Kinder der sorbischen Grundschule Crostwitz. Die Veranstaltung findet in sorbischer Sprache statt. Der Veranstalter bietet eine Simultanübersetzung an und bittet um Anmeldung des Bedarfs per E-Mail ([email protected]).

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