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Wie ein Jugendstreich das Leben dramatisch veränderte

Richard Böttge saß im DDR-Arbeitslager. Sein Bruder hat die Geschichte aufgeschrieben und jetzt in Kamenz vorgestellt. Eine Reaktion hört er ganz oft.

Von Ina Förster
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Richard Böttge wurde in der DDR wegen eines Jugendstreiches zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt.
Richard Böttge wurde in der DDR wegen eines Jugendstreiches zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. © Symbolfoto: dpa/Patrick Seeger

Kamenz. Horst Böttge ist aktuell viel unterwegs. Erst kürzlich stand der Autor aus Bayern vor Schülerinnen und Schülern des Kamenzer Lessing-Gymnasiums. Er stellte ihnen im Hörsaal sein Buch "Drangsaliert und dekoriert - Von der Kunst des Überlebens in der DDR" vor. Darin schreibt Böttge über das Schicksal seines Bruders Richard.

Dieser wurde mit 16 Jahren von der DDR-Geheimpolizei mitgenommen und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Nur einmal im Vierteljahr durfte er Besuch von Mutter oder Vater empfangen. Hinter der im vorgeworfenen „antisowjetischen Hetze“ steckte allerdings nur ein Jugendstreich: Richard hatte Lenins Bart an der Berufsschulwand mit Hilfe eines abgebrannten Streichholzes mit ein paar zusätzlichen Strichen versehen. Der scheinbar harmlose Vorfall veränderte sein Leben auf dramatische Weise.

Horst Böttge: Junge lernen zu wenig über diese Zeit

Sein Bruder Dr. Horst Böttge brachte das Buch über diese Schicksalsjahre vor fünf Jahren heraus. Mittlerweile hat er weit über 1.000 Exemplare davon verkauft. Doch es geht ihm nicht um Verkaufszahlen; eher um eine geschichtliche Aufarbeitung dieser dunklen Seite der DDR. Gerade junge Leute lernen seiner Ansicht nach viel zu wenig über diese Zeit.

Die Lesung in Kamenz war zudem besonders, auch wenn es bereits die fünfte vor Ort und insgesamt seine 50. seit Erscheinen des Buches war.

Dr. Horst Böttge las kürzlich bei einem Besuch des Kamenzer Lessing-Gymnasiums aus seinem Buch "Drangsaliert und dekoriert". Der Sachbericht über Erlebnisse und Erfahrungen seines Bruder kam sehr gut an bei den Schülerinnen und Schülern der zehnten und el
Dr. Horst Böttge las kürzlich bei einem Besuch des Kamenzer Lessing-Gymnasiums aus seinem Buch "Drangsaliert und dekoriert". Der Sachbericht über Erlebnisse und Erfahrungen seines Bruder kam sehr gut an bei den Schülerinnen und Schülern der zehnten und el © Anne Hasselbach

Der 85-Jährige lernte nämlich einst selbst an der Lessingschule. "Ich bin in Thüringen geboren, aber mein Vater wurde nach Wiednitz ins Braunkohlewerk berufen. Und damit stand in Kamenz der Gymnasialbesuch an", so der Buchautor. 1954 legte er dort sein Abitur ab. Zudem gehört er seit vielen Jahren auch der Vereinigung ehemaliger Lessingschüler an.

Lange hat es ihn selbst damals nicht in der DDR gehalten. Horst Böttge gelang im letzten Moment die Flucht aus der DDR. Dass genau einen Tag später, am 13. August 1961, der Bau der Berliner Mauer beginnen sollte, ahnte er damals nicht. Das S-Bahn-Ticket in die Freiheit hat der 85-Jährige bis heute aufgehoben.

Eine akademische Laufbahn hätte man ihm verweigert. Das spürte Horst Böttge genau. Zehn Jahre später landete der Diplom-Wirtschaftsingenieur in Geretsried in Bayern.

400-seitige Stasiakte offenbarte Abgründe

Horst Böttges Schicksal war Zeit seines Lebens mit dem seines Bruder verwoben. "Wir haben uns in der Tschechoslowakei oder in Ungarn getroffen, solange die Mauer stand. Richard hat nie gern über das Thema Straflager geredet", so der 85-Jährige. In der DDR machte Richard Böttge beruflich sogar Karriere. Als Leiter der gesamten Fernwärmeversorgung von Hoyerswerda erhielt er höchste politische Auszeichnungen. Erst als er 2004 Einsicht in seine Stasi-Unterlagen bekam, nahm das Thema noch einmal Fahrt auf.

"Was da auf 400 Seiten stand, machte uns einfach nur sprachlos", so Horst Böttge. Der Bericht der Stasi offenbarte ein Paralleluniversum." Sein Bruder wurde daraufhin oft als Zeitzeuge eingeladen, und Bruder Horst Böttge begann zur Unterstützung dieser Aufklärungsarbeit das Buch „Drangsaliert und dekoriert“ zu schreiben.

„Ich habe schon oft nach meinen Lesungen gehört: Das glaub ich nicht, was da passiert ist“, sagt Böttge. Genau, weil es so unglaublich ist, wird er nicht müde, weiterzumachen. Bruder Richard verstarb bereits 2015 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Horst Böttge: "Drangsaliert und dekoriert: Von der Kunst des Überlebens in der DDR", Mitteldeutscher Verlag, Taschenbuch, 192 Seiten, 9,95 Euro