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Glyphosat im Trinkwasserschutzgebiet?

In Kamenz sorgen sich Anwohner, dass auf den Feldern im Schutzgebiet das Unkrautvernichtungsmittel gespritzt wird. Verboten ist das erst seit Kurzem.

Glyphosat im Trinkwasserschutzgebiet? Das Ausbringen des Unkrautvernichtungsmittels in solchen Schutzgebieten ist erst seit Kurzem verboten.
Glyphosat im Trinkwasserschutzgebiet? Das Ausbringen des Unkrautvernichtungsmittels in solchen Schutzgebieten ist erst seit Kurzem verboten. © Archivfoto

Kamenz. Tut sie es oder tut sie es nicht? Die Frage, ob die Agrarproduktivgenossenschaft Lückersdorf/Gelenau Glyphosat auf die Felder am Kamenzer Walberg aufbringt, treibt Anwohner seit Jahren um. Jürgen Peters wohnt seit 30 Jahren am Walberg und ist als Rentner und Imker jeden Tag in Wald und Flur unterwegs. Er kann die Landwirte sehr gut verstehen, die unter enormen Preisdruck stehen und jedes Jahr ihr Einkommen sichern müssen. "Aber im Interesse unserer Kinder und Enkel und der Natur muss endlich ein Umdenken erfolgen", sagt er. "Früher gab es hier Rebhühner und jetzt mach ich mir Sorgen um meine Bienen."

Das Ganze sei ihnen suspekt, zumal es sich hier ja um ein Trinkwasserschutzgebiet handele. Der Wirkstoff Glyphosat, der seit Jahrzehnten auf dem Markt ist, zählte lange zu den beliebtesten Unkrautvernichtungsmitteln, ist aber stark umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte das Pflanzengift vor sechs Jahren als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

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Erst seit 8. September nicht mehr erlaubt

Anwohner vom Kamenzer Walberg haben sich nun an die Untere Wasserschutzbehörde im Landratsamt gewandt. "Die Artenvielfalt ist nach und nach einfach weggestorben", sagen sie.

Solche lila bis bräunlich gefärbten Pflanzenteile wie hier auf den Feldern am Kamenzer Walberg sind nach dem Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat zu finden.
Solche lila bis bräunlich gefärbten Pflanzenteile wie hier auf den Feldern am Kamenzer Walberg sind nach dem Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat zu finden. © Matthias Schumann

Das Landratsamt hakte bei der Landwirtschaftsbehörde im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie nach. "Denn der Einsatz von Glyphosat ist mittlerweile pflanzenschutzrechtlich eingeschränkt", erklärt Mandy Noack von der Pressestelle des Landratsamtes. Und das gehe über die Festlegungen der Verordnung zum Trinkwasserschutzgebiet hinaus.

Die Glyphosat-Anwendung unterlag demnach in Trinkwasserschutzgebieten bisher den Bestimmungen der fachlichen Praxis in der Landwirtschaft, ohne von vornherein verboten zu sein, heißt es. Es durfte also im Grunde genommen jeder nach gutem Gewissen weiter spritzen. Für die Anwohner ist das unverständlich. "Mit dem Trinkwasser von hier werden ja sehr viele Menschen versorgt", sagen sie.

Doch die Agrarproduktivgenossenschaft Lückersdorf/Gelenau sieht sich nicht in der Schuld. Sie habe sich an die gesetzlichen Bestimmungen gehalten. "Wir haben der Behörde den richtigen Bewirtschaftungsstand mitgeteilt, der bis zur nun gültigen Pflanzenschutz- Anwendungsverordnung tatsächlich so umgesetzt wurde", sagt der Vorsitzende Matthias Frenzel.

Die Felder am Lückerdorfer Walberg liegen im Trinkwasserschutzgebiet der Stadt Kamenz. Die neue Verordnung untersagt nun Landwirten das Aufbringen von Glyphosat in solchen Schutzgebieten.
Die Felder am Lückerdorfer Walberg liegen im Trinkwasserschutzgebiet der Stadt Kamenz. Die neue Verordnung untersagt nun Landwirten das Aufbringen von Glyphosat in solchen Schutzgebieten. © Matthias Schumann

Seit 8. September 2021 ist das Aufbringen von Glyphosat in Trinkwasserschutzgebieten aber nun verboten. "Im Lückersdorfer Fall wurde das Glyphosat unseren Informationen zufolge noch einen Tag vorher ausgebracht", heißt es aus dem Landratsamt. Man habe das Agrarunternehmen nochmals auf das mittlerweile geltende Verbot aufmerksam gemacht. Dieses habe zugesichert, sich an alle Vorgaben zu halten.

Landwirte sehen sich in der Zwickmühle

"Der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln unterliegt der Kontrolle durch die Landwirtschaftsbehörden. Verstöße werden grundsätzlich auch durch diese geahndet, wenn es sich nicht explizit um einen Verstoß gegen Wasserrechtsnormen handelt", teilt Mandy Noack vom Landratsamt mit.

Doch die Landwirte sehen sich immer mehr in der Zwickmühle. Einerseits sollen sie auf Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat verzichten, andererseits aber möglichst ohne Pflug die Felder bestellen, um Erosionen vorzubeugen. Ohne Herbizide müsse man aber wieder pflügen, das sei darüber hinaus nicht wassersparend, sagen sie. Vom steigenden Dieselverbrauch ganz zu schweigen.

Manuela Rutkowsky, Chefin der Kommunalen Dienste Kamenz, kann die Probleme der Bauern nachvollziehen. Die Stadt verzichtet seit 2018 auf den Einsatz von Glyphosat. "Das Umweltbewusstsein ist gewachsen, und wir wollten davon weg", sagt Rutkowsky. Es gebe aber kein kostengünstigeres Mittel. "Trinkwasserschutzgebiet hin oder her, das Glyphosat ist ohnehin in unserem Kreislauf - durch Futtermittel für die Tiere und dadurch in Milch oder Fleisch", gibt sie zu bedenken.

Glyphosat auch in Parks und auf Spielplätzen verboten

Dennoch: Auch Privatnutzer dürfen das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel nun nicht mehr im Garten verwenden. "Wer soll das aber kontrollieren?", fragt Manuela Rutkowsky. "Viele kaufen Glyphosat jetzt in Polen. Ganz ohne Gebrauchsanweisung." Das sei viel schlimmer, denn so komme es oft zu Überdosierungen.

Auch auf Spiel- und Sportplätzen oder in Parks darf der Wirkstoff seit 8. September nicht mehr genutzt werden. "Hier setzen wir auf mechanische Methoden wie den Einsatz der Wildkrauthexe", sagt Manuela Rutkowsky. Mit rotierenden Bürsten wird das Unkraut dabei weggeschliffen, das funktioniert auch auf Pflaster. Es gebe auch Wasserdampf- oder Schaummethoden. "Doch dabei verbrennen wir 15 bis 20 Liter Diesel pro Arbeitsgang. Die Katze beißt sich hier leider noch allzu oft in den Schwanz!"

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