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Kamenz: Landärztin räumt mit Gerüchten auf

Allgemeinmedizinerin Heike Theile aus dem Ortsteil Schwosdorf kann derzeit nicht arbeiten. Das sind die Gründe dafür.

Allgemeinmedizinerin Heike Theile ist seit 20 Jahren Hausärztin für Schwosdorf und Umgebung. Sie kann derzeit nicht arbeiten, will aber ihre Praxis nicht aufgeben.
Allgemeinmedizinerin Heike Theile ist seit 20 Jahren Hausärztin für Schwosdorf und Umgebung. Sie kann derzeit nicht arbeiten, will aber ihre Praxis nicht aufgeben. © Matthias Schumann

Schwosdorf. Seit Anfang März ist es still geworden auf dem Hof der Landarztpraxis Schwosdorf. Der Parkplatz, der oft voll war, bleibt leer. Ein Aushang informiert die Patienten darüber, dass es aktuell keine Sprechstunden gibt. Doch die drei Mitarbeiterinnen sind trotzdem vor Ort. Rezepte, Überweisungen an Fachärzte - das alles bekommt man weiterhin in der Landarztpraxis. Nur Allgemeinmedizinerin Heike Theile erwischt man selten dieser Tage.

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Die Gerüchteküche kocht deswegen. Und der Kamenzer Ortsteil mit den umliegenden Dörfern bedauert schon öffentlich das Ende der Arzt-Ära. Heike Theile möchte deshalb reden. Über die Schließzeit. Über ihre Gründe. Warum man sie zurzeit zwar laufend im nahe liegenden Wald trifft, aber nicht mit weißem Kittel in ihrer Praxis.

30 Jahre lang führt sie ihre eigene Praxis. Erst in Kamenz, später hier im Dorf. "Ich zog vor 20 Jahren um, wohne seitdem im Ort", erzählt die 61-Jährige. Sie ist angekommen, liebt die Idylle, vor allem die Natur und die Menschen. Und die mögen ihre Landärztin.

Bereits seit Januar arbeitsunfähig

Heike Theile ist noch eine vom "alten Schlag". Eine, die länger zuhört, wenn es sein muss. Die sich rein denkt in ihre Patienten. "Ich habe meine Arbeit immer gern gemacht", sagt sie. Doch irgendwie ist ihr in den letzten Monaten die Kraft abhandengekommen auf dem Weg zwischen Patientenversorgung und Amtsschimmel.

Deswegen ist sie seit Anfang des Jahres arbeitsunfähig geschrieben. So sehr ihr die Arbeit fehlt - am Schluss waren die vielen Überstunden, die überbordende Schreibarbeit, das Aufreiben zwischen Berichten für Fachärzte, Gutachten für Gerichte, Abrechnungen für Krankenkassen, Notdiensten, Wochenenden voller Schriftkram und immer wieder neuen Verordnungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu viel.

"Ich musste die Reißleine ziehen", gesteht Heike Theile. "Das Ganze forderte seinen Tribut. Psychisch wie physisch", sagt sie. Früher war ihr Beruf anders. Vielleicht nicht einfacher, aber ruhiger. "Die Entwicklung des Gesundheitswesens erschreckt viele. Der Druck auf uns Ärzte ist enorm gewachsen in den letzten Jahren", so die Allgemeinmedizinerin. Auch der Ärztemangel spielt da hinein. Gerade auf dem Land.

Zu viel Druck im Gesundheitsbereich

"Geht es nach den Kassen und der KV, dürfte ich mir nicht so viel Zeit für meine Patienten nehmen. Und ich dürfte auch nicht so viele Rezepte für Physiotherapie und andere Behandlungen ausschreiben", sagt sie. Eine große Wirtschaftlichkeitsprüfung habe sie deshalb schon im Haus gehabt. "Doch gerade aus dem Mangel an Fachärzten muss ich an meine Patienten denken. Ihnen geht es jetzt schlecht und nicht erst in zwei Monaten, wenn sie einen Termin beim Orthopäden bekommen haben", kritisiert sie das Prozedere.

In Deutschland bleiben dem Arzt gerade einmal siebeneinhalb Minuten Zeit im Durchschnitt pro Patient. Das ergab eine große internationale Studie, die bereits 2017 veröffentlicht wurde. Man könne auch von "Gesundheit im Hau-Ruck-Verfahren" sprechen. Und mit Sicherheit hat sich in den letzten Jahren nichts ins Positive verändert. Laut dieser Studie läge es auch auf der Hand, dass das Risiko für die Mediziner steigt, an Burnout zu erkranken.

"Dieser Wandel kann nicht gut sein", sagt Heike Theile. Sie habe keinen Krebs, wie es schon herum erzählt wurde, aber eine ernstzunehmende Krankheit, um die sich die 61-Jährige jetzt kümmern muss. Doch es soll kein Ende sein. Geht es nach Heike Theile, wird der Sommer vieles entscheiden.

Standort Schwosdorf soll erhalten bleiben

"Ich möchte die Praxis nicht aufgeben. Es gibt verschiedene Optionen, wie es weiter gehen kann. Diese klopfen wir gerade ab. Im besten Fall kann ich in ein paar Monaten neu starten. Ein paar Jahre würde ich gern noch arbeiten", lacht sie. Aber es gäbe auch andere Überlegungen. Eine Nachfolge war in Aussicht, ließ sich aber vorerst nicht realisieren. Landärzte bleiben rar.

Natürlich müssen sich die Patienten vorübergehend eine Alternative suchen. Hier sei die Ärztin auf viele verständnisvolle Kollegen getroffen. Mit den meisten hat sie telefoniert. Es ist nicht selbstverständlich, dass andere Praxen unkompliziert neue Patienten aufnehmen. Noch dazu vorübergehend.

Ihre Familie unterstützt sie. Und es tue gerade einfach gut, sich auch einmal um die eigenen "Baustellen" kümmern zu können. Mittlerweile brachten Patienten Blumen und Süßigkeiten vorbei. Auch Nachbarn boten Hilfe an. "Das tut gut, und für die viele Unterstützung bin ich dankbar. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den Standort Schwosdorf zu erhalten", so Heike Theile.

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