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Auf Kante genäht

Petra Kupke gehört zu den letzten Trachtenschneiderinnen im Sorbischen um Kamenz und Bautzen. Gerade zum Osterreiten ist das alte Handwerk gefragt.

Petra Kupke aus Räckelwitz in ihrer Werkstatt. Sie gehört zu den letzten Trachtenschneiderinnen im sorbischen Raum um Kamenz. Bautzen und Hoyerswerda. Die Trachten werden meist zu festlichen Anlässen getragen.
Petra Kupke aus Räckelwitz in ihrer Werkstatt. Sie gehört zu den letzten Trachtenschneiderinnen im sorbischen Raum um Kamenz. Bautzen und Hoyerswerda. Die Trachten werden meist zu festlichen Anlässen getragen. © dpa-Zentralbild

Räckelwitz. Die Ärmel für den schwarzen Osterreiter-Gehrock müssen festgesteckt werden. Petra Kupke heftet mit Stecknadeln die Stoffe aneinander. Auf dem Tisch liegen fertig bestickte Schweifschleifen für die Pferde bei den Prozessionen der sorbischen Katholiken.

Mit schwarzem Garn hat die Schneidermeisterin die Blumen im weißen Stoff verewigt. „Schwarz steht für Trauer in der Familie. Wenn die Osterreiter sich in diesem Jahr auf den Weg machen, werden viele solche Schleifen tragen“, sagt sie. Die 53-Jährige gehört zu den letzten Trachtenschneidern im Städtedreieck Bautzen - Kamenz - Hoyerswerda.

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Das Telefon klingelt. Kupke legt die Nadeln zur Seite. Sie meldet sich in ihrer Muttersprache - auf Sorbisch. Eine Braut will zur Vorabsprache der Garderobe ihrer Hochzeit kommen, die junge Frau möchte ihre sorbisch-katholische Festtagstracht tragen. Solche großen Familienfeiern in Tracht sind inzwischen genauso eine Seltenheit wie Sorbinnen, die im Alltag ihre Arbeitstracht tragen.

Trachtenkunde ist eine Wissenschaft

„Meine Mutter ist die letzte in Räckelwitz. Früher aber saßen in der Dorfkapelle gleich fünf Trachtenträgerinnen auf der Bank neben mir. Die alltägliche Tracht wird aussterben“, sagt die Schneiderin. Sie trage auch nur zu festlichen Anlässen ihre traditionelle Kleidung. Dabei kann sich die Kunsthandwerkerin noch an andere Zeiten erinnern. In ihrer Kindheit und Jugend gehörten Frauen in wadenlangen Röcken, Schürzen und Kopfbändern noch zu jedem sorbischen Dorf.

Die Kulturwissenschaftlerin Andrea Paulick beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema. Zu Beginn der 1950er Jahre gingen demnach in der gesamten Lausitz mehr als 10 000 Frauen täglich in Tracht. Die letzten Zählungen in der Ober- und Niederlausitz stammen aus den Jahren 2012/13. Damals waren es noch knapp 140 Frauen. Inzwischen, schätzt die Wissenschaftlerin, sind es noch weniger.

„Die Zahlen nehmen rasant ab. Die Jüngste in unserer sorbisch-katholischen Trachtenregion ist heute Jahrgang 1942“, sagt die Mitarbeiterin des Sorbischen Museums. Die sorbische Lausitz gehört zu den größten Trachtenregionen in Deutschland. Es gab einst zehn Trachtenvarianten, von denen viele nur noch in Museen zu sehen sind.

Heute haben sich vom Spreewald bis Bautzen und Kamenz neben der sorbisch-katholischen drei weitere Regionen erhalten, in denen Tracht getragen wird: die Tracht der Wenden um Cottbus mit dem charakteristischen Spitzen-Kopftuch, die Hoyerswerdaer Tracht mit der Schleife im Nacken und die Schleifer Tracht mit blau-grün gestreiftem Wolltuch und Blaudruckschürzen. Aus Sorge um das Schwinden dieses Kulturerbes widmet sich das 2018 gegründete sorbisch-wendische Trachtenforum der Pflege der Tradition.

Aus der Werkstatt von Petra Kupke: Schweifschleifen für die Pferde der Osterreiter.
Aus der Werkstatt von Petra Kupke: Schweifschleifen für die Pferde der Osterreiter. © dpa-Zentralbild

Mit dem Verschwinden der Trachten ist auch die Tradition der Hausschneider in den Dörfern verloren gegangen. „Ich erinnere mich, dass sie bei ihrem Arbeitsbesuch zum Teil sogar über Nacht zum Ausbessern und Nähen blieben“, sagt Paulick. In manchen Dörfern habe es gleich mehrere solcher Hausschneider gegeben. In Kupkes Heimatdorf Räckelwitz ließ eine Hausschneiderin noch Anfang der 1970er Jahre die Nähmaschine surren. Von der Trachtenexpertin holte sich die Schneiderin die ersten Tipps, als sie sich 1993 mit ihrer Werkstatt selbstständig machte.

Auch ihre Mutter fragt sie immer wieder nach Details. Trachtenkunde ist eine Wissenschaft, die oft nur mündlich überliefert worden ist. Fronleichnam, Firmung, Kommunion, Ostern - solche Festtage sind Tracht-Tage. 80 Prozent ihrer Aufträge drehen sich um die Tracht, schätzt die Sorbin.

Aufgrund vieler ausgefallener Veranstaltungen im vergangenen Jahr sind Corona-Zeiten keine guten Zeiten für die Tracht. Trotzdem hat die gelernte Bankkauffrau Elvira Hantscho vor einem Jahr ihre eigene Nähstube für die traditionelle Kleidung im Kirchspiel Schleife, dem kleinsten sorbischen Trachtengebiet, eröffnet. Die Region ist bekannt durch den Tagebau Nochten. „Ich bin mit der Tracht groß geworden.

Erste Ausstattung von der Großmutter

Meine erste Ausstattung erhielt ich von meiner Großmutter“, sagt die 48-Jährige. Seit gut 15 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit der verschwindenden Tradition. Auch deshalb hat sie bereits zwei Bücher und eine Broschüre rund um die Schleifer Trachten herausgebracht. „Ich möchte, dass das Wissen bewahrt wird.“

Hantscho schlüpft voraussichtlich Ostersonntag in ihre Ausgangstracht. Die Sorbin gehört zur Gruppe der Ostersängerinnen im Kirchspiel Schleife. Gut zehn Frauen und Mädchen singen eine Stunde vor Sonnenaufgang Osterchoräle in Schleifer Sorbisch. Ob die Tradition in diesem Jahr gepflegt werden kann, entscheiden die Infektionszahlen. Auf diese Zahl schaut auch Kupke in Räckelwitz. Viele Osterreiter leihen sich bei ihr das Zubehör für die Pferde. Dann werden die Schweifschleifen mit der schwarzen Stickerei abgeholt.

Ihr Wissen über die Tracht gibt die Schneidermeisterin inzwischen an sorbischen Schulen weiter, in der Hoffnung, dass sie den jahrhundertealten Schatz an die nächste Generation weitergeben kann. (dpa)

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