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Sachsen

Kitas in Sachsen leiden unter Personalnot

In keinem anderen Bundesland müssen Erzieher so viele Kinder gleichzeitig betreuen wie in Sachsen.

In Sachsen müssen Erzieher durchschnittlich fünf Kinder mehr betreuen als in Baden-Württemberg - dem Bundesland mit der besten Personalausstattung.
In Sachsen müssen Erzieher durchschnittlich fünf Kinder mehr betreuen als in Baden-Württemberg - dem Bundesland mit der besten Personalausstattung. © Monika Skolimowska/dpa (Symbolbild)

Kita-Erzieherinnen und -Erzieher in Sachsen müssen sich laut einer Studie um zu viele Kinder gleichzeitig kümmern. Für 96 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand zuletzt nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Auswertung der Bertelsmann-Stiftung. Dem "Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" zufolge bildet Sachsen neben Mecklenburg-Vorpommern damit bundesweit das Schlusslicht. Die "nicht kindgerechte Personalausstattung" betrifft demnach sowohl die unter Dreijährigen als auch die älteren Kita-Kinder im Freistaat.

Laut der Studie kommt eine Fachkraft in der Krippe rechnerisch auf durchschnittlich 5,8 Kinder - die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt hingegen einen Schlüssel von 1 zu 3. Die meisten über Dreijährigen besuchen in Sachsen Gruppen mit einem Personalschlüssel von 1 zu 12,2. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt eine Erzieherin für 7,5 Kinder. Insgesamt habe sich der Personalschlüssel in sächsischen Krippen und Kitas seit 2013 zwar verbessert. Dennoch müsse eine Fachkraft in Sachsen rechnerisch gut fünf Kinder mehr betreuen als in Baden-Württemberg - dem Bundesland mit der besten Personalausstattung.

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In Sachsen werden mehr Kinder betreut

Die Personalkapazitäten müssten in Sachsen "erheblich ausgebaut" werden, damit jedes Kind individuell gefördert werden könne, hieß es. Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) kritisierte die Studie. "Es ist schlichtweg falsch, lediglich den Blick auf den Personalschlüssel zu richten und die deutlich höheren Betreuungsquoten außer Acht zu lassen", sagte er. Die Studie messe ostdeutsche Verhältnisse mit westdeutschen Maßstäben." Das wird der besonderen Situation in Ostdeutschland in keiner Weise gerecht."

In Ostdeutschland werden viel mehr Kinder unter drei Jahren in einer Kindertageseinrichtung betreut als in den westdeutschen Bundesländern. Die Betreuungsquoten sind deutlich höher als im Bundesdurchschnitt: Bundesweit besuchen lediglich 33,6 Prozent der Kinder eine Krippe, in Sachsen sind es etwa 52 Prozent (2019). In Baden-Württemberg werden sogar nur 29 Prozent der unter Dreijährigen betreut.

Was die Qualifikation des Personals betrifft, ist Sachsen hingegen auf einem hohen Niveau. 82 Prozent des pädagogischen Personals sind als Erzieherin oder Erzieher ausgebildet. Bundesweit trifft das laut Stiftung nur auf etwa zwei Drittel des Personals zu. Im Freistaat haben außerdem zehn Prozent des Kita-Personals einen Hochschulabschluss. Das ist neben Hessen der bundesweit höchste Wert.

17.000 zusätzliche Erzieher nötig

Die frühkindliche Bildung in Sachsen basiere auf einer überdurchschnittlich hohen Betreuungsquote, langen Öffnungszeiten, einer Mittagsverpflegung in der Kita, einer hohen wöchentlichen Betreuungszeit, kindgerechten Gruppengrößen und sehr gut ausgebildetem Personal mit einem hohen pädagogischen Fachstandard, sagte Bildungspolitikerin Sabine Friedel (SPD). "Das sind alles Kriterien in denen Sachsen sehr gute Werte erzielt und im Vergleich zu Baden-Württemberg besser abschließt.“ Um die von Bertelsmann geforderte Betreuungsqualität umzusetzen, wären zusätzlich 815 Millionen Euro pro Jahr und weitere 17.000 pädagogische Fachkräfte nötig. "Beides sind Zahlen, die an der Realität weit vorbei gehen!“, so Friedel. 

Die größte Herausforderung sei es, den Bedarf an Fachkräften zu sichern und das Qualifikationsniveau des Kita-Personals auf einem hohen Standard zu halten und weiterhin auszubauen, sagte Christin Melcher (Grüne). "Wir brauchen aber auch eine Öffnung der Kindertageseinrichtungen für andere Professionen, wie etwa die Logopädie, Ergotherapie und viele andere." Die beschlossene Fachkräftestrategie, die Schulgeld-Befreiung für Erzieherinnen und Erzieher sowie die Öffnung der Qualifikationsverordnung für weitere Professionen könnten dazu beitragen. 

Der sächsische Erzieherverband schlug eine Obergrenze der Gruppengröße vor. "Viele Erzieherinnen und Erzieher wünschen sich mehr Zeit für die individuelle Betreuung der Kinder", sagte Theresa Fruß . Die Gruppenobergrenze zeige im Gegensatz zum Betreuungsschlüssel die konkrete Anzahl der Kinder je Fachkraft. Die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen müssten noch attraktiver werden, um zusätzliches Personal zu gewinnen. "Angestellte Erzieherinnen und Erzieher bei freien Trägern müssen – wie ihre Kollegen bei kommunalen Trägern – eine Bezahlung auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes erhalten", fordert der Verband.

Grundlage des jährlich aktualisierten Monitorings sind Auswertungen von Daten der Statistischen Ämter und weiteren amtlichen Statistiken. (dpa, SZ/sca)

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