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Wie der Klimawandel historische Schätze bedroht

Hitzeperioden werden Altäre und Tapeten zerstören. In Meißen und Moritzburg wird erforscht, wie sich das verhindern lässt. Warum jede Kirche handeln muss.

Auf Schloss Moritzburg wird untersucht, welche Auswirkungen die sinkende Luftfeuchtigkeit auf die kostbare Ledertapete hat. Deutschlandweit ist es das erste Forschungsprojekt zum Thema Trockenheit.
Auf Schloss Moritzburg wird untersucht, welche Auswirkungen die sinkende Luftfeuchtigkeit auf die kostbare Ledertapete hat. Deutschlandweit ist es das erste Forschungsprojekt zum Thema Trockenheit. © Arvid Müller

Moritzburg. Früher hatten Denkmalschützer mit zu hoher Luftfeuchtigkeit und Schimmel zu kämpfen, heute ist das Gegenteil der Fall: Längere Hitze- und Trockenperioden im Sommer machen sich auch in historischen Gebäuden bemerkbar. Immer häufiger werden dort kritisch niedrige Werte mit einer Luftfeuchtigkeit von unter 40 Prozent gemessen.

Wie das konkret aussieht, haben Wissenschaftler der Universität Bamberg anhand der kostbaren Ledertapeten auf Schloss Moritzburg untersucht. Mit einem 3D-Scanner wurde die Oberfläche zu unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst und die verschiedenen Bilder aufeinandergelegt, um so Bewegungen sichtbar zu machen. Berührungsfrei, wohlgemerkt. Durch das besonders behutsame Verfahren blieben der Oberfläche Löcher erspart: "Im Denkmalschutz müssen wir nicht nur minimalinvasiv, sondern nicht-invasiv arbeiten", erklärt Paul Bellendorf, Professor für Restaurierungswissenschaft, der dieses deutschlandweit einmalige Projekt zum Thema Trockenheit angestoßen hat. "Wir stehen ganz am Anfang eines neuen Forschungsfelds." Die besonders luft- und wärmeempfindliche Tapete ist dafür ideal, weil seit 20 Jahren Daten erfasst werden.

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Mithilfe eines 3D-Scanners wurde die letzten zwei Jahre untersucht, wie sich die Oberfläche verändert.
Mithilfe eines 3D-Scanners wurde die letzten zwei Jahre untersucht, wie sich die Oberfläche verändert. © Arvid Müller

Belastbare Daten gibt es für Albrechtsburg und Schloss Moritzburg noch nicht: "Allerdings misst unser Institut in Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die geringe Luftfeuchtigkeit in den letzten fünf Jahren stark zugenommen hat", so Bellendorf, der viele Extremfälle mit erheblichen Schäden kennt: "In diesen extrem trockenen Sommern 2018 und 2019 waren sehr viele Orgeln nicht mehr bespielbar." In Sachsen-Anhalt habe er zudem zehn Dorfkirchen untersucht, die innerhalb von Monaten stark geschädigt wurden. Treffen könnte es jede kleine Kirche, allerdings ließe sich oft nicht mehr nachvollziehen, woher die vielen neuen Risse an Altären und Holzbrüstungen kämen. "Mit unserem Projekt möchten wir die Gesellschaft dafür sensibilisieren, was hier passiert."

Auch wenn es weiterhin - wie dieses Jahr - feuchte Sommer geben würde, werde es tendenziell immer wärmer: "Die Raumtemperatur der Kapelle in Augustusburg ist seit 1991 im Jahresmittel um zwei Grad angestiegen", sagt Bellendorf. "Die Wände dehydrieren förmlich - verlieren Flüssigkeit. Das verursacht im ersten Jahr zwar keinen Schaden, aber wenn das häufiger passiert, kann das Material ermüden und es zu Rissen kommen."

Die gute Nachricht: Die wertvollen Ledertapeten, die seit dem 17. Jahrhundert in elf Räumen des Schlosses Moritzburg hängen, wird der Nachwelt trotz Klimastress erhalten bleiben. Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Technisch gesehen, lasse sich durch die Regulierung der Luftfeuchte alles regeln. "Das ist allerdings sehr teuer und energieintensiv: Im Zweifel mit Strom aus Kraftwerken, die den Klimawandel antreiben", sagt Bellendorf.

Sind die Erkenntnisse übertragbar?

Das Forscherteam aus Bamberg fokussiert sich deshalb auf sich selbst regulierende Systeme: Neben Vorschlägen für präventive bauliche Maßnahmen - welche die Folgekosten niedrig halten - gibt es noch simplere Lösungen. Zum Beispiel lohne es sich über Lichtschutz nach- und Belüftungssystemen umzudenken: "Einfach nicht mehr morgens lüften und stattdessen durch einen Abgleich der Außenklimadaten den geeigneten Zeitpunkt finden", empfiehlt Kristina Holl vom Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften der Uni Bamberg. "Wir sind an einem Punkt, wo wir uns der Problematik bewusst werden müssen. Wenn wir weitere zehn Jahre warten, werden wir vermehrt Schäden haben", sagt Bellendorf. Die historischen Gebäude und ihre Schätze müssten weiterhin vor Schimmel geschützt werden, die neuen Maßnahmen würden im Hochsommer zusätzlich dazukommen.

In vielen Kirchen würden es zunächst ausreichen, bei vorhandenen Systemen ein paar Änderungen vorzunehmen: "Wir müssen die Pfarrer frühzeitig dafür sensibilisieren, ihre Heizung während der Sommermonate zu drosseln", sagt Bellendorf. "Dafür müsste nur ein Rädchen von zwölf auf acht Grad gedreht werden, damit die relative Raumluftfeuchte wieder ansteigt."

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Das dahinterstehende Problem reiche allerdings bis in die Ausbildung der Restauratoren hinein: "Teilweise wird in Lehrbüchern noch von zu feuchten Bedingungen ausgegangen", sagt Konservierungsexperte Thomas Löther. Schließlich wäre es verheerend, wenn bei der Restaurierung eines Wandbildes der klimatisch falsche Kleber verwendet würde.

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