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Warum wir anders über den Klimawandel denken sollten

Fliegende Autos und technischer Fortschritt werden nicht die Welt retten, sagt der Dresdner Zukunftsforscher Moritz Ingwersen.

Zu viele Klimakatastrophen-Geschichten lassen uns abstumpfen, mahnt der Wissenschaftler von der TU Dresden
Zu viele Klimakatastrophen-Geschichten lassen uns abstumpfen, mahnt der Wissenschaftler von der TU Dresden © kairospress

Wie sieht die Stadt im Jahr 2100 aus? Ist sie geprägt von rasenden Autos und gläsernen Robotern – oder ist sie für Fußgängerinnen und Radler gemacht? Der Dresdner Professor Moritz Ingwersen forscht daran, inwieweit Bücher und Filme dazu beitragen, wie wir uns die Zukunft in Zeiten des Klimawandels vorstellen. Im Interview erklärt er, warum es nicht reicht, nur Katastrophenfilme über die Klimakrise zu zeigen.

Herr Professor Ingwersen, warum stehen Sie dem Begriff Klimawandel skeptisch gegenüber?

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Weil „Klimawandel“ klingt, als sei die globale Erderwärmung der letzten 150 Jahre ein vom Menschen unabhängiger Prozess. Das stimmt aber nicht. Die Ursachen lassen sich eindeutig auf unseren Lebensstil zurückführen. „Klimakrise“ oder sogar „Klimanotstand“ erscheinen mir passender, da sie klarmachen, dass es sich um einen Ausnahmezustand handelt, dem mit außergewöhnlichen Maßnahmen begegnet werden muss. Die Klimakrise ist also streng genommen keine Krise des Klimas, sondern eine Krise der Gesellschaft und der Kultur.

Die Kulturwissenschaft schlägt auch den Begriff „Alleswandel“ vor.

Ja, das beschreibt die aktuelle Situation gut. Nicht nur das Klima verändert sich, sondern ganze Ökosysteme werden sich wandeln, wenn das Klima extremer wird. Es wird verändern, was wir anbauen, welche Tiere dort leben, wie wir Städte planen, wie unser Alltag aussehen wird und welche Werte uns wichtig sein werden. Und der Begriff gibt uns gleich noch einen Auftrag mit: Um der Klimaerwärmung Einhalt zu bieten, müssen wir alles umgestalten.

Die Wahlergebnisse zeigen: Knapp 25 Prozent der Sachsen ist Klimaschutz offenbar egal. Warum wohl?

Zunächst möchte ich nicht allen AfD Wählern pauschal unterstellen, dass sie das Klima nicht schützen wollen. In dieses Wahlverhalten spielen ja noch sehr viele andere Gründe rein. Was die AfD allerdings befeuert, ist Angst vor Veränderung. Der Klimawandel wie auch die Migrationskrise und der Strukturwandel verändern das Gefühl von Sicherheit. Es ist auch eine Art Verdrängung, man will an dem jetzigen Zustand festhalten, ihn nicht ändern.

Aber wenn man nichts ändert, dann wird der Klimawandel alles ändern.

Das ist das große Paradox. Im Zweifel müssen wir lernen, damit umzugehen, dass wir gewisse Sachen nicht bewahren können. Unsere Gesellschaft und Umwelt werden sich durch den Klimawandel ändern. Die Frage ist nur: Passen wir uns bedacht an diese Veränderung an, oder werden wir davon überrollt, weil wir an unseren Vorstellungen des „guten Lebens“ festhalten?

Viele leugnen gar nicht den Klimawandel an sich, sondern den menschengemachten Anteil. Was ist für sie so störend an dem Wort „Mensch“?

Dass sie dann Verantwortung übernehmen müssen.

Allein oder als Gesellschaft?

Beides. Es heißt immer wieder, jeder kann einen Beitrag leisten, das stimmt auch. Aber die großen Faktoren müssen auf nationaler und globaler Ebene verändert werden. Zum Beispiel die Stahlindustrie ist eine der größten CO2-Verursacher, da kann der individuelle Bürger erstmal nichts machen. Danach kommen Mobilität und Konsumverhalten, das liegt wiederum auch am Einzelnen. Trotzdem ist es eine Herausforderung, hier global zu denken – zeitlich und räumlich.

Also, dass wir die Folgen unseres Handelns nicht mitbekommen, weil sie auf der anderen Seite des Planeten oder erst in fünfzig Jahren spürbar sein werden.

Das ist das Dilemma. Wir merken direkt, wenn der Benzinpreis ansteigt. Die Folgen des Klimawandels aber kommen schleichend und manches werden wir – zumindest in Deutschland – erst in dreißig Jahren spüren. Das Problem ist, das wir nicht unmittelbar wahrnehmen, wie sich unsere Handlungen auf die Umwelt auswirken – zum Beispiel, wenn ich mit dem Auto fahre, Fleisch esse oder bei Ikea einkaufe. Um die systemischen Zusammenhänge unseres Handelns sichtbar zu machen, können Kunst, Literatur und Film helfen.

Die Flut – Wenn das Meer die Städte verschlingt ist ein britischer Katastrophenfilm aus dem Jahr 2007.
Die Flut – Wenn das Meer die Städte verschlingt ist ein britischer Katastrophenfilm aus dem Jahr 2007. © Film: Flood

Es gibt viele Filme, die den Klimawandel katastrophal und bedrohlich darstellen, etwa „The Day After Tomorrow“ oder "The Flood". Was kann das bewirken?

Sie können vor der Klimakatastrophe warnen. Aber wir werden dadurch auch abgestumpft, das katastrophale Spektakel wird Teil der Entertainment-Industrie. Dies erlaubt es dann wiederum, sich von dem Gesehenen abzugrenzen und sich sicher zu glauben, da es „ja nur ein Film“ ist. Gleichzeitig erzeugen solche Katastrophenerzählungen Gefühle von Kontrollverlust und Ohnmacht. Es wäre besser, wenn am Ende des Films die Frage beantwortet wird, wie wir in der Klimakrise zusammenleben wollen und müssen und welche positiven Rollen der Einzelne übernehmen kann.

Die Lösung in den Filmen heißt oft, die Menschheit muss auf einen anderen Planeten umziehen oder eine komplette technische Revolution wagen.

Ja, insofern sind derartige Erzählungen nicht hilfreich. Sie bieten oft nur eindimensionale technische Lösungen, die zudem das gleiche System reproduzieren, das die Katastrophe verursacht hat: mehr Bauen und noch mehr Rohstoffe verbrauchen. So einfach ist es leider nicht.

Es braucht also mehr utopische Erzählungen über den Klimawandel?

Die universale Utopie wird es nie geben. Es gibt nicht den perfekten Ort, weil dieser immer nur auf Kosten von anderen existiert. Wir müssen uns ehrlich damit auseinanderzusetzen, dass es im Zweifel noch mehr Zerstörung, Krankheiten und Ungerechtigkeit geben wird.

Wie können Literatur, Kunst und Film uns dann helfen, anders über den Klimawandel zu denken?

Erst mal müssen wir verstehen, wie kulturelle Bilder im 20. Jahrhundert dazu beigetragen haben, dass es jetzt so ist, wie es ist. Da wurde zum Beispiel die Stadt der Zukunft mit tollen Autobahnen und fliegenden Autos gezeigt. Man sieht darin nicht, wo die Rohstoffe herkommen, wie sie abgebaut werden, wer hart dafür arbeitet und wo und wie der Müll gelagert wird. Jetzt schiffen wir unseren Plastikmüll in andere Länder. Literatur und Kunst können diese Orte sichtbar machen und Abbaugebiete, Berge von Autoreifen, die Plastikspuren in unseren Körpern aufzeigen. Aber auch neue, andere Erzählungen helfen, uns eine Zukunft vorzustellen, in der wir gelernt haben, anders zu handeln.

Autos, die schwerelos durch Städte fliegen: So stellt sich Regisseur Luc Besson die Zukunft im Jahr 2263 im Science-Fiction-Film „Das fünfte Element“ vor.
Autos, die schwerelos durch Städte fliegen: So stellt sich Regisseur Luc Besson die Zukunft im Jahr 2263 im Science-Fiction-Film „Das fünfte Element“ vor. © Film: Das fünfte Element

Das hieße, sich ein Leben ohne Öl oder mit geringerem CO2-Ausstoß auszumalen. Klingt herausfordernd.

Ohne Frage. Öl ist Grundstoff unseres Lebens: von den Transportwegen unseres Essens bis zum Shampoo. Sogenannte ökotopische Erzählungen reagieren darauf: Sie fragen: Wie könnte eine Zukunft ohne Öl aussehen? Wie müssen wir zum Beispiel den Traum von Freiheit neu denken? Es geht darum, neue Zukunftsideen zu entwerfen, die nicht in erster Linie von technologischen Lösungen abhängen, sondern von sozialen Veränderungen.

Sie wollen keine Erzählung über fliegende Autos?

Genau. Wir brauchen mehr Geschichten über Gemeinschaft und darüber, wie wir mit anderen Menschen und mit unserer Umwelt zusammenleben können und wollen. Meinetwegen können diese Erzählungen auch an Technik gekoppelt sein – aber eben nicht nur.

Was wäre, wenn wir tatsächlich einen Green New Deal auf die Beine stellen würden? Wie würde die Zukunft aussehen? Das fragt die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez in dem Kurzfilm "A Message from the Future". Hier wird anders und neu über den Klimawan
Was wäre, wenn wir tatsächlich einen Green New Deal auf die Beine stellen würden? Wie würde die Zukunft aussehen? Das fragt die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez in dem Kurzfilm "A Message from the Future". Hier wird anders und neu über den Klimawan © Film: A Message From the Future With Alexandria Oc

Gibt es Beispiele?

Octavia Butler ist fast schon zu einer Kultfigur der aktivistischen Klimafiktion geworden. Ihre Romane setzen sich mit sozial gerechteren Zukünften auseinander. Als Beispiel dafür, wie ökotopisches Denken auch aktuelle Politik inspiriert, kann ich das kurze Video „A Message From the Future“ auf Youtube empfehlen. Dort wird durch die Perspektive eines engagierten Mädchens erzählt, wie der Weg in eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft aussehen könnte, und welche Handlungsmöglichkeiten es für jede einzelne gibt.

Und wie möchten Sie nicht in die Zukunft schauen?

Schauen Sie in alle dystopischen Romane, wo das Leben in der Zukunft autoritär ist und globale Ungerechtigkeiten so zugespitzt sind, dass sich die Menschen gegenseitig weiter abschotten – das will ich nicht. Ich hoffe auf eine Zukunft, in der wir noch offener werden und in der soziale Gerechtigkeit – global wie lokal – ein selbstverständlicher Teil von ökologisch verantwortungsvollem Denken wird. Es wird wahrscheinlich keine nahe Zukunft ohne CO2-Ausstoß geben. Solange wir konsumieren und produzieren, wird es immer Müll geben. Die Frage ist also eher: Wie können wir damit anders umgehen, als einfach nur weiterzumachen wie bisher?

Das Gespräch führte Luisa Zenker

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Literatur-Empfehlungen vom Wissenschaftler Moritz Ingwersen - Hier werde neu und emanzipiert über die Klimawende geschrieben

  • Das Ministerium für die Zukunft von Kim Stanley Robinson
  • Die Wurzeln des Lebens von Richard Powers
  • Die Parabel vom Sämann von Octavia E. Butler
  • Das Flugverhalten der Schmetterlinge von Barbara Kingsolver

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