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Als wäre ABBA nie weg gewesen

Nach 40 Jahren legt die Popgruppe ABBA ein neues Album vor. Der Sound von „Voyage“ knüpft nahtlos an dem von einst an.

Von Bernd Klempnow
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ABBA – das sind von links nach rechts: Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson.
Die beiden Männer sind am Sonnabend zu Gast in der ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“ ab 20.15 Uhr.
ABBA – das sind von links nach rechts: Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson. Die beiden Männer sind am Sonnabend zu Gast in der ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“ ab 20.15 Uhr. © Universal Music International

Es dauert, bis es losgeht. Gut 30 Sekunden singt eine Frauenstimme balladesk zu Harfe und sanften Streichern, dass es Zeit werde zu gehen. Dann plötzlich setzen Synthesizer ein, unterlegt ein rhythmisch markantes Schlagzeug einen flotten Disko-Sound, zur schönen Altstimme von Anni-Frid Lyngstad gesellt sich der klare Sopran von Agnetha Fältskog: „And Now You See Another Me .... Don’t Shut Me Down“. Knapp vier Minuten geht der gute Laune machende Song. Seit der Erstveröffentlichung des Liedes der schwedischen Gruppe ABBA im September ist es über 14 Millionen Mal im Netz geklickt worden. Wetten, das bleibt ein Hit?

Das Verblüffende an „Don’t Shut Me Down“ ist, man erkennt sofort die Stimmen der Frauen, ihren unvergleichlich harmonischen Duettgesang. Ebenso vertraut sind die Art des Arrangements, des Einsatzes von Synthesizer und Drums, sogar die Anschlagtechnik des Pianisten. Kein Wunder: Das Lied knüpft an den Sound von ABBA an, mit dem das Quartett in den 70er- und 80er-Jahren reihenweise Hits über die Facetten der Liebe und ausgelassenes Jungsein wie „Waterloo“, „Mamma Mia“ und „Voulez-Vous“ veröffentlicht hatte. Obwohl die Gruppe nur von 1972 bis 1982 existierte, legte sie acht Studio-Alben vor, die sich bis heute weltweit fast 400 Millionen Mal verkauft haben, allein in Deutschland gut zwölf Millionen Mal. Speziell mit dem auch verfilmten Musical „Mamma Mia“, das seit 20 Jahren mit Songs der Band eine Romanze erzählt, fanden jüngere Generationen zu dieser Musik.

Nun gibt es also Neues oder – je nach Sichtweise – Altes von ABBA. Nach fast 40 Jahren einer kreativen Pause als Band hatten die vier wieder Lust, gemeinsam zu musizieren. Seit Freitagnacht ist das Ergebnis mit dem Album „Voyage“ draußen, als Stream, auf CD, Kassette und Vinyl. „Don’t Shut Me Down“ war einer von drei Vorboten. Sieben weitere neue oder aus dem Archiv geholte Lieder bietet das Werk. Experten sprechen von dem Comeback. Vierzig Jahre hatten die Superstars jegliche Rückkehr auf die Bühne abgelehnt.

Das Album dürfte ein ABBA-Revival auslösen – in einer Zeit, in der die Charts eher von Popmusikern wie Adele und Ed Sheeran angeführt werden. Dabei bergen Comebacks die Gefahr, nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen zu können. „Wir haben nichts zu beweisen“, sagte Benny Andersson jüngst der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“. „Was könnte passieren? Dass die Leute denken, dass wir früher besser waren? Was macht das!“

Nun, der vor allem als Komponist agierende Andersson und sein vor allem als Texter und Sänger auftretender kongenialer Partner Björn Ulvaeus sind zu sehr Perfektionisten, als dass sie Unfertiges rausgelassen hätten. Anfang 2018 hatte die Band unvermittelt neue Lieder angekündigt. Immer wieder beteuerte Ulvaeus, dass das eine Wiederkehr feiernde „I Still Have Faith In You“ und eben jenes „Don’t Shut Me Down“ bald kämen. Immer wieder wurden die Veröffentlichungen verschoben.

Erfolgsgeheimnis: Reine, eher schlichte Melodien

Nun ist das Album „Voyage – Reise“ erschienen und es ist auch eine Reise in die Band-Geschichte. Bei fast jedem Lied meint man, es so ähnlich schon mal gehört zu haben. Das liegt daran, dass die beiden Schöpfer und ihre großartigen Tontechniker offenbar immerzu eingängige, ohrwurmverdächtige Melodien hinkriegen. Das beweisen etwa das von Andersson und Ulvaeus gemeinsam geschriebene Musical „Chess“ und die mittlerweile zur schwedischen Nationaloper erhobene Bühnenkomposition „Kristina aus Duvemala“ von Andersson. Der hatte 1989 auch mit dem zauberhaften „Tröstevisa“ das auf schwedischen Beerdigungen beliebteste Trostlied verfasst.

Das Erfolgsgeheimnis: Reine, eher schlichte Melodien – obwohl Andersson angeblich keine Note lesen und schreiben kann – meist am Klavier entstanden. Das Klavier ist deshalb bei ABBA ein so stark eingesetztes, Melodien treibendes Instrument. Das kommt selten im Pop vor. Schon die ersten Töne der Arrangements sind oft unverkennbar. Etwa, wenn die Hand über alle Tasten des Klaviers jagt zu Beginn von „Dancing Queen“. Ebenso unüblich sind die Mandolinen im Trennungssong „One Of Us“. Schwer zu toppen ist auch der Miami-Sound von „Voulez-Vous“ mit Bläsern wie dem Jazz-Star Nils Landgren.

Dazu setzen viele Texte auf wiedererkennbare Schlagworte wie in „Fernando“, „Mamma Mia“, „SOS“ und „Thank You For The Music“. Zeilen wie „Nigth Is Young and The Music’s High“ aus „Dancing Queen“ oder „The Winner Takes It All“ können auch nach ein paar Gläsern halbwegs sicher mitgesungen werden.

All das bietet „Voyage“ durchaus, wenn auch die Texte komplexer, altersreifer geworden sind. Schließlich haben die vier ABBAs alle Trennungen hinter sich, reflektieren über Beziehungen, Selbstbewusstsein im Alter und Kinder – wie schon in den Alben vor der langen Pause. Es gilt: Anhören! Jeder mag da Qualitäten für sich finden oder auch nicht.

Interessant ist auch: Nach dem viel gespielten Silvesterlied von 1980 „Happy New Year“ gibt es 2021 ein stimmungsvolles Weihnachtslied „Little Things“ mit Glöckchen, Flöten und Kinderstimmen. Ein ABBA-typischer Rock-‘n‘-Roll-Titel ist mit „Just A Notion“ vertreten – schon 1978 geschrieben und damals nicht veröffentlicht. Und es gibt eine schwelgerische „Ode To Freedom“ in Moll.

Ist dies wirklich das letzte Kapitel der Geschichte der über 70-jährigen Künstler? „Ja! Ja! Ja!“, antwortete Benny Andersson. „Das war es, und das ist auch gut so!“

Nun ja. Ende Mai 2022 startet die Multimedia-Show „ABBA Voyage“ mit virtuellen Abbildern der Bandmitglieder. Diese sogenannten Abbatare werden mit einer Live-Band in einer eigens dafür geschaffenen Arena in London auf der Bühne stehen.