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Das Ende der Tyrannen-Lüge

Muss man Kinder brechen? Der Bestsellerautor Michael Winterhoff ist gescheitert, doch seine Erziehungsidee ist weit verbreitet. Leider.

Michael Winterhoff hat das Buch  „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ geschrieben. Eine ARD-Doku setzt sich damit kritisch auseinander.
Michael Winterhoff hat das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ geschrieben. Eine ARD-Doku setzt sich damit kritisch auseinander. © www.plainpicture.com

Milo macht Stress. Im Kindergarten haut er die anderen, seinen Eltern gibt er Widerworte, abends will er nicht ins Bett. Neulich hat Milo vor Wut einen Blumentopf auf der Terrasse umgekickt. Seine Eltern sind ratlos, was mit Milo los ist. Als er sich wieder geweigert hat, sein Kinderzimmer aufzuräumen, kommt seiner Mutter nur ein Begriff in den Kopf: „Tyrann“.

Milo ist in diesem Fall eine Fiktion. Aber in Wahrheit gibt es Tausende Milos. Kinder, die nicht kooperieren, die in den Einrichtungen unangepasst sind, die ihre Eltern in die Verzweiflung treiben. Kinder wie Milo sind der Grund, warum es Erziehungsratgeber gibt und Beratungsstellen. Milos sind in dem Bild dessen, wie unsere Gesellschaft Kinder haben möchte, nicht vorgesehen. Darum verdienen sogenannte Experten eine Menge Geld damit, aus Kindern wie Milo verträglichere Zeitgenossen zu machen.

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Wie weit das gehen kann, zeigt jetzt auch der ARD-Dokumentarfilm „Warum Kinder keine Tyrannen sind“, der noch in der Mediathek zu sehen ist. Er handelt vom Kinderpsychiater Michael Winterhoff, der vor allem für sein Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ bekannt ist. Mit markigen Sätzen über schwierige Kinder und unfähige Eltern war er über Jahre gerngesehener Gast in Talkshows. Seine These, dass zu eng an ihre Bezugspersonen gebundene Kinder zu kleinen Diktatoren heranwachsen, fand in der Fachwelt Kritik. Doch die Öffentlichkeit applaudierte.

Mit Medikamenten stillgestellt

Winterhoff bediente stets die allgemeine Sehnsucht nach Kindern, die nach alten Regeln funktionieren. Die Doku deckt auf, wie weit eine Gesellschaft bereit ist, für diese Sehnsucht zu gehen. Mehrere ehemals in Winterhoffs Bonner Praxis behandelte Kinder und ihre Eltern kommen zu Wort. Mit schockierenden Berichten: Sie seien jahrelang mit Medikamenten stillgestellt worden. Mit Bussen karrte der Psychiater offenbar Kinder aus Einrichtungen in seine Praxis, um sie im Minutentakt zu diagnostizieren und fast immer mit der gleichen Diagnose zurückzuschicken – und mit der gleichen Medikamentation, die er über Jahre verschrieb. Meistens setzte er ein Neuroleptikum ein, das sonst als Notfallmedikament in der Psychiatrie genutzt wird.

Die Betroffenen im Film berichten, dass sie sich aufgrund dieser Medikamentengabe „wie Roboter“ fühlten oder mitten am Tag einschliefen. Manche leiden bis heute unter den Folgen der Sedierung, die teilweise gegen die Zustimmung der Eltern verordnet wurde. Fast allen Kindern stellte der Psychiater die gleichen Diagnosen, die in der Fachwelt nicht anerkannt sind.

Die Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ deckt Michael Winterhoffs Methoden auf.
Die Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ deckt Michael Winterhoffs Methoden auf. © WDR

Als Folge des Films wurde Strafanzeige gegen Michael Winterhoff gestellt. Es bestehe „der Anfangsverdacht der Körperverletzung und der schweren Körperverletzung, des Abrechnungsbetrugs“ zitieren mehrere Medien die Staatsanwaltschaft. Eine Spendenkampagne sammelt Geld, damit weitere Betroffene gerichtlich gegen Winterhoff vorgehen können. Einige der Träger, die mit ihm zusammenarbeiteten, lösten die Kooperation auf.

Dieser Fall ist ohne Zweifel ein Skandal. Doch wer sich jetzt in der Empörung über Winterhoff verrennt, der übersieht eines: Der Psychiater konnte nur so populär werden, weil wir in einer Gesellschaft leben, die seine Methoden prinzipiell gutheißt. Eine Gesellschaft, die Kinder wie Milo Tyrannen nennt.

Wenn Milos Eltern in ihrem Bekanntenkreis um Rat fragen, hören sie: Ihr müsst Konsequenzen ankündigen und dann durchziehen, denn Kinder brauchen Grenzen! Ihr dürft ihn nicht wie einen kleinen Erwachsenen behandeln, überhaupt, man muss mit Kindern nicht alles ausdiskutieren, das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, später nimmt auch niemand auf einen Rücksicht. Und jeder weiß eine Tyrannen-Geschichte beizusteuern von Kindern, die gar nicht mehr in den Griff zu kriegen sind. Milos Eltern nicken.

Sei bloß nicht zu weich mit deinem Kind

Aus all diesen Ängsten hat Winterhoff seine Thesen gebaut. Eltern und Kinder hätten heute eine zu „symbiotische“ Beziehung, wegen derer Kinder nicht reifen könnten. Seine Lösung: Beziehungsabbruch. Erziehungspersonen sollen ihre aufsässigen Sprösslinge ignorieren oder aus dem Zimmer schicken. Nur so würden Kinder lernen, dass sie Kinder sind. Und entsprechend endlich auf das hören, was die Erwachsenen sagen.

Tatsächlich sind sich Psychologinnen und Pädagogen zwar einig darüber, dass Kinder unbedingt stabile Bezugspersonen brauchen, die Klarheit ausstrahlen und Struktur geben. Genauso besteht aber Einigkeit darüber, wie wichtig es ist, dass sie Menschen um sich haben, die ihnen liebevoll und mit Verständnis begegnen, die ihre Nöte hinter dem vermeintlich problematischen Verhalten sehen. Weil Kinder noch nicht verständlich sagen können: „Ich fühle mich hier nicht wohl“, äußern sie ihren Unmut oft lautstark oder indem sie Kooperation verweigern. Dies ebenso wie Störungen wie ADHS nicht als Defizit oder gar als Versagen von Eltern zu betrachten, ist inzwischen pädagogischer Standard. Ebenso überholt ist die Annahme, dass Kinder manipulieren wollen. Dennoch wird Eltern – auch von Fachleuten – noch immer geraten: Sei bloß nicht zu weich mit deinem Kind, es merkt sofort deine Schwachstellen und nutzt sie aus. Die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen wird als Machtkampf gewertet, den die Eltern gewinnen müssen. Mithilfe von Bestrafung oder Beschämung soll unangepasstes Verhalten gebessert werden. Dabei wissen Forscher längst, dass eine gesunde Psyche und damit ein resilientes und gesundes Leben gerade durch enge Bindungen gefördert werden.

Mehrere Opfer berichten in dem Film von offenbar sehr starker Gabe von Neuroleptika.
Mehrere Opfer berichten in dem Film von offenbar sehr starker Gabe von Neuroleptika. © WDR

Das Machtkampf-Verständnis von Erziehung ist in Deutschland ein Überbleibsel der Kriegszeiten, in denen junge Menschen funktionieren und gehorsam sein mussten. Und nicht nur Michael Winterhoff verdient daran. Allerorten wird schon Babys Manipulationswille unterstellt, wie unter anderem in dem Bestseller „Jedes Kind kann schlafen lernen“, der dafür sorgte, dass Tausende von Säuglingen sich besinnungslos schrien, weil die Eltern gelernt hatten, dass sie ihr Kind auf keinen Fall verwöhnen (also hochnehmen) dürfen.

Noch so oft können Psychologen betonen, dass die Erfüllung von Bedürfnissen Kinder nicht zu Tyrannen macht, sondern dass vielmehr dauerhaft ungestillte Bedürfnisse Babys und Kleinkinder in Todesängste stürzen. Noch so oft können Experten schreiben, dass Kinder immer mehr in den Widerstand gehen, wenn sie kleingemacht werden. An der Grundüberzeugung, dass eine auch mal strenge Autorität das Beste für Kinder ist, ändert das wenig. Nach dem Motto „Mir hat es doch auch nicht geschadet“, bekommen Kinder Hausarrest, werden öffentlich ausgeschimpft oder lächerlich gemacht („Na, meine kleine Zicke?“). Standardmäßig isolieren Erzieherinnen Kinder zur Strafe von der Kindergartengruppe, wenn sie ein anderes Kind gehauen haben. Noch immer findet jeder zweite Deutsche, dass ein Klaps nicht schadet.

Wie wollen wir mit Kindern umgehen?

Dabei hat eine strenge Erziehung massive Auswirkungen auf die Kinderseele. Es ist längst widerlegt, dass eine harte Hand das Selbstbewusstsein fördert. Kinder, die häufig ausgeschimpft, bestraft oder angeschrien werden, empfinden mehr Stress, fühlen sich minderwertig und ungeliebt. Und nein, auch hinterher mit dem Zuckerbrot zu kommen, ändert daran nichts. Diese Kinder haben eine höhere Gefahr, als Erwachsene an Depressionen zu erkranken. Studien zeigen, dass Schimpfen und Strafen sogar das Wachstum des Gehirns hemmen. Körperliche Gewalt, zu der auch festes Anpacken oder Wegschieben gehört, fördert zudem lebenslange Traumata.

Wie wollen wir mit Kindern umgehen? Betrachten wir sie als manipulierende, störende Wesen, die es zu bändigen und zu brechen gilt? Verstehen wir sie als Tyrannen, die wir nicht verwöhnen dürfen? Oder nehmen wir sie als vollwertige Teile unserer Gesellschaft wahr, in der ihnen viel abverlangt wird? Kind in dieser Welt zu sein, ist nicht leicht. Kindergartenkinder brauchen massenhaft Zuwendung, auf die sie während der gern mal acht Stunden in der Betreuung weitestgehend verzichten müssen. Bewegungsdrang ist kaum zu stillen in einer Umgebung, in der Schülerinnen und Schüler von morgens bis nachmittags möglichst ruhig zu sitzen haben. Doch anstatt die daraus entstehenden Nöte von Kindern zu sehen, pathologisieren wir sie, stigmatisieren ihre Eltern und geben ihnen längst überholte Methoden an die Hand. Damit machen wir es uns ziemlich leicht.

Es ist leicht, Kinder als Problem zu betrachten. Es ist leicht, ihnen Medikamente zu geben gegen die Wut. Es ist leicht, sie als Tyrannen zu bezeichnen. Denn dann sind sie schuld.

Schwieriger wäre es, uns zu fragen: Wie können wir Kinder wie Milo begleiten? Wie ermöglichen wir ihnen ein kindgerechtes Leben, wie können wir ihre Not lindern? Müssten wir vielleicht die Rahmenbedingungen ändern? Wo hören wir ihnen nicht richtig zu? Würde mehr Liebe helfen anstatt mehr Konsequenz?

An Michael Winterhoffs Scheitern sieht man, dass am Ende des leichten Weges nur selten ein glücklicher Mensch steht – und viel öfter jede Menge Leid.

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