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Der Kieler "Tatort" gastiert erstmals auf dem Wacken-Open-Air

Die Kieler „Tatort“-Ermittler müssen beim Metal-Festival in Wacken den Tod eines Säuglings aufklären. Doch das Drama hat so gar nichts mit Musik zu tun.

Von Andy Dallmann
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Ermitteln diesmal unter anderem auf dem Gelände des Wacken-Open-Airs: Mit Metal hat der neue Fall der Kommissare Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg) allerdings gar nichts zu tun.
Ermitteln diesmal unter anderem auf dem Gelände des Wacken-Open-Airs: Mit Metal hat der neue Fall der Kommissare Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg) allerdings gar nichts zu tun. © ARD/NDR

Kurz vorm Schluss kommt aus der Kalten ein Pauken-, besser: ein Hammerschlag, der einen in Schockstarre versetzt. So unerwartet, aber dennoch so konsequent die hochdramatische Linie verfolgend, so gar nicht effektheischend und zugleich so eindrücklich ging selten ein „Tatort“ zu Ende.

Für die Folge zum 20-jährigen Jubiläum des Kieler Krimis mit Axel Milberg als Kommissar Klaus Borowski gönnte sich das Team zunächst schon mal einen sehr speziellen Schauplatz: die beschauliche Gemeinde Wacken, kurz bevor dort das legendäre Metal-Open-Air startet. Ein Auftritt von Mitgründer und -veranstalter Thomas Jensen als Veranstalter Thomas Jensen inklusive.

Derbe Musik, falsche Fährten

Das komplexe wie berührende Familiendrama wäre ohne die Schlenker in die Metal-Szene genauso gut aufgegangen, selbst in einem bayerischen Bergdorf oder am Rande eines Lausitzer Tagebaus hätte der Plot funktioniert. Lediglich Menschen, die Freunde des heftig scherbelnden Rock’n’Rolls tatsächlich noch ernsthaft mit abgründigem Gedankengut in Verbindung bringen, ließen sich auf eine falsche Fährte führen.

So hatte eben nicht der sich auffällig für Online-Profile osteuropäischer Frauen interessierende Sohn der etwas aufdringlichen Dorfpolizistin etwas mit dem Verschwinden einer jungen Frau aus Osteuropa zu tun. Deren Baby war tot am Rande eines Parkplatzes gefunden worden, auf dem Prostituierte ihre Dienste in Wohnwagen anbieten. Auch nicht der Festival-Caterer, nicht der dezent rebellische Sänger der dorfeigenen Metal-Band hingen irgendwie mit drin, nein, am Ende war’s der nette Bio-Ladenbetreiber Kurt Stindt. Aus Liebe. Zu seiner Frau.

Aus Verzweiflung in die Katastrophe

Andreas Döhler schafft es, diesen Charakter in all seinen Facetten glaubwürdig zu verkörpern. Er will der Leihmutter, die sein Kind ausgetragen hat, nichts Böses, noch weniger aber die scheinbar heile Welt zerstören, die er und seine Frau sich auf Grundlage einer Lüge aufgebaut haben. Aus Ratlosigkeit wächst Verzweiflung – und die führt in die Katastrophe.

Dankenswerterweise drehen die Filmemacher danach nicht ab, sondern gönnen den Zuschauern einen finalen Lufthol-Moment. Borowski landet samt Chef auf dem Wacken-Festival. Ein bisschen Live-Metal haben sich tatsächlich alle verdient.