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Gibt es Engel wirklich?

Der Dichter und Theologe Christian Lehnert wagt etwas, das selten geworden ist im 21. Jahrhundert: Er erkundet Grenzbereiche des Lebens.

Sie sind mitten unter uns.
Sie sind mitten unter uns. © imago

Eines Nachts waren Schüsse zu hören unweit des Lagers der Bausoldaten, wie die Kriegsdienstverweigerer in der DDR genannt wurden. Die jungen Männer schreckten hoch. Was war da los? Einer der Bausoldaten lief in Socken draußen herum. Er sang seltsame Töne und schien eigentümlich abwesend, aber sehr ruhig, beinah fröhlich. Man setzte ihn unter Arrest und veranlasste eine Untersuchung. Er sagte etwas von der Berührung mit einer anderen Realität. Was ihn da berührt hatte, konnte er nicht erklären. Man beließ es dabei.

Mit dieser Geschichte beginnt der sächsische Dichter und Theologe Christian Lehnert sein neues Buch „Ins Innere hinaus. Von den Engeln und Mächten“. Er hat sie selbst erlebt während seiner Zeit als Bausoldat. Es ist nicht die einzige Erzählung dieser Art. Lehnert, geboren und aufgewachsen in Dresden, hat einige Jahre als Pfarrer in Weesenstein gearbeitet. Immer wieder fanden Menschen mit ungewöhnlichen Erlebnissen den Weg ins Pfarrbüro. Weil sie seltsame, aufwühlende Träume gehabt, einen heftigen inneren Ruf vernommen, eine seltsame Begegnung gehabt hatten - mit etwas, das sie manchmal als „Engel“ bezeichneten, manchmal aber auch nicht beschreiben konnten. Nur dass da etwas gewesen war, ein Wesen, eine Empfindung. Der sichtbaren Welt entzogen, aber dennoch für ein paar Momente real. Etwas, von dem sie erzählten, es habe sie gerettet, bewahrt. Klarheit geschaffen durch einen Gedanken, der nicht aus dem eigenen Geist zu kommen schien. Oder getröstet in einer Phase höchster Not, angesichts von Krankheit und Tod.

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Esoterische Spinnerei?

Es ist heutzutage ein schwieriges Unterfangen, jenem „Außerhalb“ nachzuspüren, das sich der wissenschaftlichen Beschreibung entzieht und vielfach ins Großreich überholter Mythen verwiesen wird. Man begegnet ihm vor allem in der Fantasy-Industrie mit ihren üppigen Erzählungen von Wundern und Magie. „Manche Menschen lächeln über diese Erfahrung des Außerhalb“, sagt Christian Lehnert. Er lebt seit einigen Jahren im Osterzgebirge und in Leipzig, wo er an der Universität arbeitet, am Institut für Theologie. Der 51-Jährige hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht, außerdem Libretti für Opern geschrieben. „Für viele Menschen sind solche Wahrnehmungen esoterische Spinnerei. Oder ein Ausdruck von psychischen Spannungen und Autosuggestion.“ Etwas, das im Gehirn verortet sein muss. Bei Angst und Stress verändern sich Hormonhaushalt und Gehirnabläufe, können Wunschbilder zu Wirklichkeit werden, Erinnerungsfetzen zu Zukunftsahnungen, Schockerfahrungen zu Lichtempfindungen. So wird es gern erklärt: Die Erfahrung von Übersinnlichem als Gaukelei des Gehirns.

Christian Lehnert hat Zweifel, ob sich alles damit erklären lässt. Nicht nur, weil ihm viele Menschen begegnet sind und begegnen, die es anders empfinden. Sondern weil er selbst die Welt nicht immer als eindeutig wahrnimmt. „Ich lebe in einer entzauberten Welt, aber sie fasst und hält mich nicht ganz“, schreibt er. Sie gebe vor, für alles eine Erklärung zu haben, und was sich derzeit nicht erklären lasse, werde irgendwann restlos ausgeleuchtet sein.

In seinem Buch berichtet Christian Lehnert von einem Klassentreffen. Ein ehemaliger Mitschüler, ein Sprachforscher, durchstreifte mit einer Gruppe von Indios das Amazonasgebiet. Sie wollen einen Fluss überqueren. Die Indios weigern sich, an dieser Stelle überzusetzen. Aufgeregt deuten sie auf die andere Seite. Dort stehe ein Xigagaí, sagen sie, ein Wolkenbewohner, dem man sich auf keinen Fall nähern dürfe. Der Sprachforscher sieht nichts. Die Indios beschreiben eine Gestalt mit rot-weißer Bemalung, die aggressiv und bedrohlich herumschreie. Was ist dies? Eine zweite Realität? Eine Vorahnung, die sich in einem Bild niederschlägt? Die Gruppe zieht weiter. Der Sprachforscher hat keine Antwort darauf.

Christian Lehnert ebenfalls nicht. Vorsichtig spürt er solchen Eindrücken nach, wendet sie hin und her, erkundet auf vielen Wegen und mit bildreicher, lyrischer Sprache die Welt des Uneindeutigen. Manchmal blitzt diese Welt auf beim Gang durch den Wald oder den Garten im Zwielicht des Morgengrauens. Oder im schweigenden Dunkel der Nacht, das Raum lässt für Bilder und Gefühle, die aus der eigenen seelischen Tiefe aufsteigen. Man fühlt sich bei der Lektüre, als blicke man einem Komponisten über die Schulter. Oder lausche dem Vortrag eines mittelalterlichen Mystikers. Christian Lehnert durchstreift jedoch auch mit dem Eifer des hoch gebildeten Sammlers und Denkers Weltgeschichte. Erkundet Religionen, Kunst und Philosophie auf der Suche nach Wesenheiten, die nicht klassifiziert werden können wie ein biologisches Wesen, aber immer wieder auftauchen in vielen Kulturen.

Engel als Symbole

Das begann mit Erzählungen aus frühesten Menschheitszeiten über die Numina. Diese metaphysischen Erscheinungen konnten sich in Tieren manifestieren, in Stürmen oder sonstigen Naturkatastrophen, als Boten, Mahner und Ordnungshüter aus einer anderen Welt. Daraus entwickelten sich allmählich die Engel. Schon in sehr alten Darstellungen waren sie zu sehen als geflügelte Wesen, die Prophezeiungen überbringen, beschützen, trösten oder fallen. Erst ab der Zeit der Renaissance jedoch erhielten sie jenes Aussehen, das sich durch die industrielle Massenproduktion in die heutigen Köpfe gebrannt hat und uns auf Kaffeetassen, Sofakissen und Notizbüchern begleitet: das Bild von der rundlichen, lockigen Putte, wie Raffael sie am Bildrand der Sixtina dargestellt hat.

Für Christian Lehnert sind Engel und andere metaphysische Wesen eher Symbole. Bilder, die hinweisen auf andere Vorstellungen und Erfahrungen von Wirklichkeit. Bekehren will er nicht, will niemanden in den Bekenntnishorizont einer speziellen religiösen Gemeinschaft ziehen. Vielmehr wirft er Fragen und Gedanken auf, eröffnet Räume für individuelle Meditationen. Da ist zum Beispiel die Erzählung der ägyptischen Sklavin Hagar, eine der ältesten Geschichten des Alten Testaments. Sie wird verstoßen und irrt durch die Wüste. Dort trifft sie einen Engel. „Das ist eine sehr interessante Geschichte“, sagt Christian Lehnert. „Dem, was die Bibel hier einen Engel nennt, begegnete Hagar an einer Quelle. Sie hörte nur zwei Fragen: ,Wo kommst du her? Wo willst du hin?´ Sah sie ihr Spiegelbild? Das waren zwei existenzielle Grundfragen nach Sinn und Lebenszusammenhang, die auch Menschen heute stellen. Gerade in Situationen, in denen unsere vermeintliche Sicherheit brüchig wird. Der Engel hatte die Gestalt von Fragen.“

Corona taucht in dem Buch nicht auf, obwohl auch Christian Lehnert die Pandemie als heftigen Bruch, als Zeitenwende empfindet, die an vielem rüttelt, vor allem am Selbstverständnis des modernen Menschen. Vielleicht mehr, als vielen momentan bewusst sei. Hinter explodierenden Inzidenzzahlen und Diskussionen über Impfstoffe verschwinden beinah die massiven Ängste, die im Umlauf sind. Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Krankheit und Tod, vor Freiheitsbeschränkungen, vor Stabilitätsschwund in Gesellschaften und Volkswirtschaften, vor Kontrollverlust. Vielleicht auch vor einem tiefgreifenden Wandel des Lebens, der notwendig sein wird, um die Erde als Lebensraum zu erhalten und weitere Pandemien zu verhindern. Mit diesen Ängsten und Ahnungen ist es ein wenig wie mit den Engeln: Es wird kaum geredet über sie, zumindest öffentlich nicht.

Kurz vor der zweiten Corona-Welle konnte Christian Lehnert noch eine Lesung veranstalten und sein neues Buch vorstellen. Hinterher kamen viele Menschen auf ihn zu, berichtet er. Sie erzählten von ihren Erfahrungen und Begegnungen mit Engeln. Manche Zuhörer schickten ihm Briefe. „Diese Resonanz hat mich schon sehr beeindruckt“, sagt er. Und hofft nun auf das Frühjahr und Zeiten, in denen es möglich sein wird, sich wieder von Angesicht zu Angesicht auszutauschen.

Christian Lehnert: Ins Ungewisse hinaus. Von den Engeln und Mächten. Suhrkamp Verlag, 234 Seiten, 22 Euro.

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