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Jan Vogler plant Neues mit Aschenbrödels Schloss

Viel Frischluft und digitale Welten gibt es jetzt beim Start des Moritzburg Festivals

Foto: Felix Broede
Foto: Felix Broede © Felix Broede

Er ist Sachsens innovativster Musiker und Manager: Der Dresdner Cellist Jan Vogler. Das zeigt sich gerade in der Pandemie. Während andere Intendanten auf politische Entscheidungen warteten, sich aufs Aussitzen konzentrierten, legte der heute 57-Jährige los.

Im vergangenen Sommer lotete er aus, was möglich war, und brachte trotz Beschränkungen das Moritzburg Festival an den Start. Fast alle geplanten Konzerte fanden statt. Nicht im augusteischen Schloss, wo einst der legendäre Film "Sieben Haselnüsse für Aschenbrödel" gedreht worden war, und den Kirchen der charmanten Region vor Dresden, sondern als Open-Air-Version auf der Nordterrasse des Schlosses. Publikum und Musiker waren begeistert. Auch weil die Temperaturen angenehmer waren als in den oft überhitzten Räumen. In diesem Jahr baut er die damalige Notlösung zur – auch künftigen – Hauptspielstätte aus. Und plant auch sonst Neues.

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Wenn die Graugans das Cello antreibt

Ab diesem Sonnabend bis zum 22. August geben insgesamt 69 Musiker 19 Konzerte plus drei öffentliche Proben. 18 Aufführungen finden an der frischen Luft statt. Einzig das Konzert „Moritzburg für alle“ am 21. August ist im Kulturpalast geplant. Die 40 Teilnehmer der Festival-Akademie sind nach einem Jahr pandemiebedingter Pause wieder mit großer Sinfonik zu erleben. Neben Schumanns Zweiter erklingt Beethovens Tripelkonzert. Beide Werke sind in C-Dur – es darf jubiliert werden.

Seit 29 Jahren finden im und am augusteischen Schloss das Moritzburg Festival statt.
Seit 29 Jahren finden im und am augusteischen Schloss das Moritzburg Festival statt. © Andreas Weihs

Wie schon bei den – dann doch nur als Rumpf-Festival unlängst durchgeführten – Dresdner Musikfestspielen, die Vogler ja auch leitet, spielt die Natur in Moritzburg eine neue Rolle. Sie ist der dritte Konzertbaustein – neben dem Musikerlebnis und der beeindruckenden Architektur. „Die Nordfassade des Schlosses bietet mit den beiden aufragenden Türmen eine Art Hof, dessen Akustik erstaunlich gut ist“, so Vogler. „Da brauchen wir nur leicht zu verstärken.“ Was in den Vorjahren immer schon mal probiert worden war, das Übertragen der Konzerte aus den Innenräumen nach draußen, um mehr Besucher zu erreichen, hatte einen schönen Nebeneffekt. „Die offene Atmosphäre und die Schönheit der Teichlandschaft ließen manche Stücke an Größe und Stimmung gewinnen.“ Die „Einsätze“ der überfliegenden Gänse und anderer Tiere hatten zudem ihren Reiz.

Möglich wird das bessere Kunsterleben unter freiem Himmel dank der Förderung durchs Bundesprogramm „Neustart Kultur“. Podien, Stühle und ein gutes, transparentes Bühnendach konnten angeschafft werden. Es gibt 230 Plätze. Dies sind mehr, als drinnen möglich waren. Trotzdem sind viele Abende bereits ausverkauft.

Jungstars und Wiederholungstäter

Und ab sofort ist das Moritzburg Festival nicht nur mit Radiomitschnitten und CDs präsent. In Kooperation mit der Landesinitiative „So geht sächsisch“ soll die Symbiose aus intensivem Musik- und Naturerlebnis erstmals weltweit erlebbar sein: Alle Livekonzerte werden über die internationale, von Vogler mitgegründete Plattform Dreamstage gestreamt und somit digital zugänglich sein. „Es wird ein sommerliches Fest der Temperamente! Wir alle freuen uns sehr auf die Begegnungen mit den Kollegen und unserem fantastischen Publikum“, so Vogler.

Festival-Momente von 2020.
Festival-Momente von 2020. © Oliver Killig

29 Solisten hat das rührige Festivalteam eingeladen. Viele Jungstars kommen, prominente Wiederholungstäter sind dabei wie der Pianist Louis Lortie, der Oboist Albrecht Mayer und der Geiger Kai Vogler.

Mit Letzterem und dem Cellisten Peter Bruns hatte Jan Vogler 1993 das Festival in Anlehnung an das berühmte Marlboro-Festival in den USA begründet. Es sollte ein experimentelles Labor und Exzellenzstätte zugleich sein – und wurde es. Das Besondere: Hier reisen die Künstler nicht nur knapp an und sofort nach dem Auftritt wieder ab. Sie arbeiten gemeinsam an kammermusikalischen Interpretationen und präsentieren diese in dynamisch wechselnden Besetzungen. Das ist so nur in Moritzburg zu erleben.

Start mit überraschendem Russen

Seit 2001 ist Vogler alleiniger Intendant, also 20 Jahre. Auch die Musikfestspiele leitet er schon zwölf Jahre und will es bis vorerst 2026 tun. Schon immer prägte den heute 57-Jährigen ein großes Durchhaltevermögen und zudem eine im Metier eher ungewöhnliche Neugier. Beispiele: Die Moritzburger Tage führten mit als Erste die Position des Composer-in-Residence ein und gewannen Top-Leute wie Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina und Jörg Widmann. 2006 wurde die Festival-Akademie initiiert, die vom sächsischen Flair etwa beim Young Euro Classic Festival in Berlin kündet. Stetig gibt es neue, vom Publikum alsbald geliebte Angebote wie die Musikpicknicks, die Langen Nächte der Kammermusik, Lesekonzerte und Fackelschein-Abende.

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Ebenso immer wieder aufregend ist die Literatur, die Vogler auswählt. So erklingt zum Start neben Strauss- und Dvorak-Hits das Klavierquintett von Alfred Schnittke. Der Russe war als Filmmusik-Mann erfolgreich, forschte aber sein Leben lang nach neuen Kompositionsstilen.Muss so ein Neutöner sein? Ja, sagt Vogler: „Schnittke wird unterschätzt. Seine Werke entwickeln gerade live eine mitreißende Dynamik und offenbaren tolle Emotionen.“

  • Tickets sind unter www.moritzburgfestival.de, über die Ticket-Hotline 0351 16092615 sowie an den Reservix-Vorverkaufsstellen erhältlich.

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