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Feuilleton

Kassandra als Tanz mit Gebärden von Gehörlosen

Ein Festival feiert den hiesigen Tanz. Die Künstler recherchierten dafür ganz anders.

Kassandra-Rufe mal anders: Katja Erfurth (r.) tanzt sie , gesungen und gespielt werden sie unter anderem von Julia Böhme an diesem Wochenende in Hellerau.
Kassandra-Rufe mal anders: Katja Erfurth (r.) tanzt sie , gesungen und gespielt werden sie unter anderem von Julia Böhme an diesem Wochenende in Hellerau. © Volker Metzler

Erinnert sich noch jemand? Künstler gingen zu DDR-Zeiten in Betriebe, um dort Werktätige künstlerisch zu fördern und um sich inspirieren zu lassen. Was einst gängig war, das übernahm das 2019 gestartete Langzeit-Programm „Tanzpakt“ von Stadt, Land und Bund. Mehrwöchige Rechercheresidenzen in Unternehmen, Instituten oder anderen gesellschaftlichen Bereichen waren die Grundlage für Konzeptionen und Projekte. Zehn hiesige Choreografen und Künstlerkollektive stellen ihre Ergebnisse seit Mittwoch beim Festival „Dancing about“ im Festspielhaus Hellerau und in der Villa Wigman vor.

Eine solche, zudem mal anders orientierte Bestandsaufnahme der hiesigen freien Szene gab es lange nicht mehr. Bis zum 3. Oktober läuft das Festival, das von Workshops, Diskussionen und Partys ergänzt wird. Themen sind unter anderem der Umgang mit Maschinendaten, sind Rauschmittel, Zeitexperimente und Supermarkt-Unendlichkeit.

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Einen ganz eigenen, spannenden Akzent steuern dabei die Dresdnerin Katja Erfurth und der Berliner Komponist Helmut Oehring bei. Sie vereinen die eigentlich sehr sinnliche und weiche Körpersprache der ehemaligen Palucca-Schülerin und Semperoper-Tänzerin mit der deutschen Gebärdensprache. „Helmuts audiovisuelle Kompositionssprache ist, da er der Sohn gehörloser Eltern ist, von der Syntax und Grammatik der Gebärden wesentlich beeinflusst“, so die 50-Jährige. Sie kenne ihn schon lange und fand jetzt zu einer Zusammenarbeit, weil sie das Thema „Kassandra“ interessierte. Jene Königstochter konnte weissagen, unter anderem den Sturz von Troja, war aber verflucht, kein Gehör zu finden, gab aber nicht auf, auch den Tod vor Augen. „Mich interessieren stets solche historischen Figuren, hinzu kam, dass derzeit so viele wie nie meinen, nicht gehört oder wahrgenommen zu werden.“

Erfurth und Oehring übersetzen das Thema Hörlosigkeit nicht als narrative Erzählung des Kassandra-Stoffes. Die Tänzerin erlernte die Gebärdensprache und entwickelte mit dem Tonschöpfer aus konkreten und assoziativen Gebärden einen stark über die Hände kommunizierenden tänzerisch-choreografischen Duktus. „Obwohl ich Schönheit in Bewegungen mag, musste ich diesmal weg davon und habe teils drastische Bilder gefunden. Ich wollte auf keinen Fall weichgespülte Betroffenheit.“

Starke Momente werden auch deshalb möglich, weil die sonst meist solistisch agierende Künstlerin zum ersten Mal eine Gruppe in ihrer Arbeit inszeniert hat. Sieben Frauen vom auf die Moderne spezialisierten Ensemble AuditivVokal singen die 44 Seiten hochkomplexe Partitur Oehrings auswendig und gestalten wie ein griechischer Tragödienchor die Räume der Kassandra. Erfurth hat schon öfter für Musicals und Operetten Formationen einstudiert. Doch dieses nun komplexe Inszenieren einer Gruppe sei eine wichtige Erfahrung, meint sie. Vielleicht wird „Kassandra“ ein erster Übergang zur Musiktheater-Regisseurin? Das wäre nicht schlecht. Denn choreografisch geprägte Regisseure wie Ruth Berghaus und Arila Siegert fanden stets andere, oft interessante Zugänge zu Stoffen als Regisseure, die nicht vom Tanz kamen.

Für Katja Erfurth wie die anderen Künstler des „Dancing about“-Festivals sind die nun anstehenden Auftritte der Abschluss von anderthalb Jahren Arbeit – unter Corona-Bedingungen mit nur Einzel- oder Zoom-Proben, fast ohne Auftritte. „Dank vieler Förderprogramme und Stipendien hatten wohl alle Freien ihr Auskommen“, so Katja Erfurth. „Doch jetzt wollen und müssen wir zeigen, was entstanden ist. Wir brauchen die Reaktionen des Publikums.“

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