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100 Jahre Otfried Preußler: Mit Hotzenplotz und Krabat zum Weltruhm

Bei wenigen Autoren sind Leben und Werk so eng verknüpft wie bei Otfried Preußler. An diesem Freitag wäre er 100 geworden.

Von Karin Großmann
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Der Schriftsteller Otfried Preußler mit seiner Tochter Susanne 2010.
Der Schriftsteller Otfried Preußler mit seiner Tochter Susanne 2010. © dpa

Der Räuber Hotzenplotz wetzt seine sieben Messer und schneidet den Kuchen an. Ein Geburtstag ist Grund zu feiern. Vielleicht kommen die Herren Dimpfelmoser und Zwackelmann auch, der Kasperl, der Seppel, die Großmutter. Die sah schon immer aus wie Christiane Hörbiger.

Hingebungsvoll dreht sie im Film ihre singende Kaffeemühle. Sie alle gehören in das erfolgreichste Buch des erfolgreichen Kinderbuchautors Otfried Preußler. Er wäre an diesem Freitag hundert geworden. Ausstellungen, Filme, Bücher feiern das Jubiläum. In Liberec treffen sich Wissenschaftler zu einer Tagung. Im damaligen Reichenberg wurde der Autor geboren.

Das Haus, in dem er seine Jugend verbrachte, steht beinahe unverändert. Es gibt den Stausee, wo er schwimmen lernte, und das Wäldchen, wo er mit Freunden Indianer spielte. Ins Theater ging er mit seiner Tanzstundenliebe Annelies. Sie wurde später seine Frau.

Auch das Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen hat den "Räuber Hotzenplotz" gespielt - mit von Gabriele Rothmann als Oma und Marian Bulang als Räuber Hotzenplotz.
Auch das Deutsch-Sorbisches Volkstheater Bautzen hat den "Räuber Hotzenplotz" gespielt - mit von Gabriele Rothmann als Oma und Marian Bulang als Räuber Hotzenplotz. © Uwe Soeder

Die Landschaft der Kindheit prägt. Preußler wächst mit Wassermännern, Mittagsfrauen und anderen leichtgewichtigen Wesen der böhmischen Sagen und Märchen auf. In der Bibliothek seines Vaters begegnet er zum ersten Mal dem schwarzen Müller und dessen Gesellen. Von Rübezahl hört er bei Wanderungen im Riesengebirge. Der Vater ist ein leidenschaftlicher Volkskundler.

Als Lehrer kümmert er sich nebenbei um das Heimatmuseum und erzählt den Gästen Geschichten. Auch die Großmutter Dora ist groß im Erfinden. Von beiden lernt Otfried Preußler schon als Kind, wie man durch Sprache begeistert. Auf dem Dachboden spielt er Kaspertheater. Er schreibt romantische Gedichte und mit 17 den ersten Roman. Jahrzehnte später nimmt er zu seinen Spaziergängen stets ein Diktiergerät mit. Der musikalische Klang seiner Texte trägt zum Erfolg bei: über dreißig Bücher in Millionenauflage, übersetzt in mehr als 50 Sprachen. Die Zeitlosigkeit, die man den Kindergeschichten aus den 50er- und 60er-Jahren mitunter zum Vorwurf macht, ist ihre Chance.

Außerdem stecken mehr Konflikte darin, als man auf den ersten Blick sieht. Die kleine Hexe verweigert sich dem üblichen Rollenmuster, das Wassermannkind überwindet Grenzen, das Gespenst hadert mit dem Zwang zur Nachtarbeit. Der bärtige Kleinkriminelle Hotzenplotz hat bei aller Frechheit etwas Liebenswertes. „Kein Mensch ist ganz böse oder ganz gut“, so Otfried Preußler, „das schafft niemand.“ Er setzt auf die Fantasie der Kinder. Mit seinen Figuren ermuntert er sie, nicht aufzugeben, sich selbst etwas zuzutrauen und sich zu behaupten. Und immer gibt es hilfreiche Freunde. Sogar in der düsteren Geschichte von Krabat. Der Müllergeselle lässt sich verführen mit der Aussicht auf Macht. Wie der Schriftsteller Jurij Brezan kennt auch Preußler die sorbische Sage schon früh. Doch als er sie neu erzählen will, gerät er in eine psychische Krise. Zehn Jahre kämpft er mit dem Projekt. Die Erinnerung bedrängt ihn. „Die Geschichte handelt von Menschen, die in Versuchung geraten und sich mit dem Bösen einlassen, es ist die Geschichte meiner Generation.“

In sowjetischer Gefangenschaft

Bei Otfried Preußler sind Werk und Leben enger verquickt als bei manchem anderen Autor. Erst seit seinem Tod 2013 rückt dieser Zusammenhang in den Blick. Seine Biografen Carsten Gansel und Tilman Spreckelsen konnten nicht nur hinterlassene Manuskripte und private Korrespondenzen nutzen, sondern auch die Akten in russischen Archiven. Seine Lebenserinnerungen „Verlorene Jahre?“ behielt der Autor für sich. Dass er sie schrieb, habe ihm genügt.

Nach einer sorglosen Kindheit gerät Otfried Preußler wie viele seiner Generation in die politischen Zwänge der Zeit. Nach dem „Anschluss“ des Sudentenlandes ans Deutsche Reich lässt der Vater Josef Syrowatka 1941 den Namen der Familie in Preußler ändern und die Religionszugehörigkeit von katholisch in gottgläubig. Seine Heimatliebe schlägt in Nationalismus um. Der schönste Augenblick für die volkskundliche Sammlung von Reichenberg sei der Besuch des Führers gewesen. In dieser Zeit schreibt Otfried Preußler seinen ersten Roman. „Erntelager Geyer“ feiert die Hitlerjugend beim Sommereinsatz im Dorf. Der Bauer sei wichtig für die Nation, „nicht nur, weil er sie ernährt, sondern weil er ihr auch eine gesunde Nachkommenschaft für die Zukunft verbürgt“. Als das Jugendbuch 1944 erscheint, kämpft der Verfasser längst an der Ostfront. Er hat sich gleich nach dem Abitur zur Wehrmacht gemeldet. Im Mai 1942 beginnt er in Löbau einen Lehrgang als Kriegsoffizier-Bewerber. Von Dezember 1943 bis März 1944 nimmt er an einer Ausbildung zum Offizier in Dresden teil. Er wird zum Leutnant befördert und Kompanieführer.

Kurz vor Kriegsende gerät Preußler in sowjetische Gefangenschaft. Die nächsten fünf Jahre verbringt in verschiedenen Lagern in der tatarischen Republik bei Hunger, Kälte, schwerer Arbeit. Manche Szenen finden sich später in dem Roman „Flucht nach Ägypten“ wieder. Darin zieht die Heilige Familie auf der Flucht vor Herodes durch das halbe Sudetenland nach Ägypten.

Eine russische Lagerärztin rettet Preußler vor dem Tod. Das Schreiben rettet ihn auch. Er trägt den Mitgefangenen gereimte Lebensweisheiten vor, inszeniert Laienspiele und notiert seine literarischen Einfälle auf das Papier von Zementsäcken. Ihm sei es vor allem darum gegangen, sagt er später, Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Die Post nach Reichenberg bleibt ohne Antwort. Die Familie wird nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertrieben, der Vater inhaftiert, der Sohn erst 1949 entlassen. In Bayern finden sie eine neue Heimat. Preußler arbeitet als Lehrer und bis 1970 als Rektor in der Nähe von Rosenheim. Falls die Klasse mal nicht pariere, möge er auf der Geige spielen, rät ein Kollege. Preußler tut das, was er besser kann: Er erzählt Geschichten. Schreibt in den Ferien und an den Wochenenden. Es ist purer Zufall, dass die Straße, in der er mit seiner Jugendliebe Annelies und drei Töchtern wohnt, Rübezahlweg heißt.

In einem Interview weist Preußler den Vorwurf zurück, er schildere eine heile Welt. Das sei eines der der dümmsten Totschlagwörter. „Die Welt ist weder heil, noch unheil. Ich hoffe, nein, ich glaube daran, dass sie heilbar ist.“

  • Tilman Spreckelsen: Otfried Preußler. Ein Leben in Geschichten. Thienemann Verlag, 304 S., 29 Euro
  • Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit. Otfried Preußlers frühe Jahre. Galiani Berlin, 560 S., 28 Euro
  • Ausstellung neuer Illustrationen zu Preußlers „Krabat“ in der Bibliothek im Kulturpalast Dresden bis 4. 11..