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Neues von Florence + The Machine: „Und ich tanzte mich zu Tode“

Florence + The Machine greifen auf ihrem neuen Album die Pandemie-Starre mit einem Rückfall in die Tanzwut an.

Von Andy Dallmann
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Florence Welch kommt mit neuen Songs bald nach Berlin.
Florence Welch kommt mit neuen Songs bald nach Berlin. © Universal Music Group

Sie kommt noch immer wie eine Fee daher, verwischt jedoch so gründlich wie nie zuvor die Grenzen zwischen Gut und Böse. Florence Welch, namensgebende Frontfrau der britischen Band Florence + The Machine, singt auch auf ihrem fünften Album diese sich ins Dramatische steigernden Hymnen, sie fliegt förmlich auf einem farbenprächtigen Klangteppich aus hingetupften Tönen und diskret packenden Beats davon. Doch damit versucht sie nur, das Abgründige der Botschaft zu kaschieren. Was ihr meist sehr gut gelingt. Zudem gönnte sie sich auf „Dance Fever“ ein paar Ausbrüche, fällt in erstaunliche tiefe Register und knurrt schon mal lasziv wie ein Dämon auf Brautschau.

Diese originellen Wechsel zelebriert sie etwa, wenn sie in „Restraint“ eben noch höllenheiser fragt „Bin ich jetzt leise genug für dich?“ und umgehend in den nächsten Song, einen fluffigen Sonntagmorgensound, wechselt, und dabei eine ordentliche Portion Sarkasmus austeilt. Selbstverständlich mit allerliebst perlender Stimme. „My Love“ wiederum serviert einen überraschenden Disco-Ausflug, ist dabei aber eher tief melancholisch: „Ich weiß nicht, wohin mit meiner Liebe.“ Den schnellen, unkomplizierten Spaß wird man bei dieser Frau nicht finden.

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Florence Welch, die im August 36 wird, 2009 mit dem Debütalbum „Lungs“ gleich die britischen Charts aufmischte, international für Aufsehen sorgte und seither beständig erfolgreich ist, gibt sich bescheiden und wirkt stets etwas introvertiert. Diese Ambivalenz macht auch nach wie vor ihre Musik aus, die zarten Indie-Pop mit etwas Rock, etwas Soul und einer Prise großer Oper anreichert. Understatement bekommt sie mühelos auf eine Linie mit Pathos, Grips und eingängigen Sounds.

Nach der 2018er-Tour habe sie sich endlich auch als richtige Performerin gefühlt, sagte Florence Welch kürzlich in einem Interview, bald aber den Druck verspürt, dass sie neue Songs zügig herausbringen müsste. Sie dachte über Familie, ein Kind nach – und fand sich plötzlich mit einem Notizbuch voller Gedichte in der Pandemie wieder. In London arbeitete sie schließlich mit den Produzenten Jack Antonoff und Dave Bayley an den Songs von „Dance Fever“, was Choreomanie, zu Deutsch: Tanzwut meint und auf ein spätmittelalterliches Phänomen anspielt. Damals fingen aus noch nicht geklärter Ursache Gruppen von Menschen an, wie wild zu tanzen, teilweise bis zur Erschöpfung und sogar bis zum Tod. Für Florence Welch ging es jedoch mehr um das, was sie im Lockdown am meisten vermisste, das Tanzen in Clubs und auf Festivals. Obwohl sie in „Choreomania“ tatsächlich singt „Und ich tanzte mich zu Tode“, ist ausgerechnet diese Nummer pure Lebensfreude und definitiv im übertragenen, positiven Sinne zu verstehen.

Dabei trägt die Sängerin einen Kampf mit sich aus. Sie fühle sich bereit für ein Kind, sagt sie. Andererseits habe sie ihre Magersucht überwunden, sich endlich mit ihrem Körper versöhnt. Der Gedanke an schwangerschaftsbedingte Veränderungen erschrecke sie daher. Das Dilemma schlägt auf die neuen Songs durch, die sich weniger dezidiert um Liebe drehen als um eine Art Selbstsuche. So heißt es in „King“: „Ich bin keine Mutter / ich bin keine Braut / ich bin König.“ Den passenden akustischen Thron hat sie sich mit diesem Album zweifellos schon mal gebaut.

Jetzt geht es auch wieder unters Volk: Nachdem ihre ersten drei Shows in Großbritannien innerhalb von einer Minute ausverkauft waren, kündigten Florence + The Machine eine Tour für November an, die mehrere Arena-Shows umfasst. In Deutschland wird Florence Welch samt Band bereits zwischen 10. und 12. Juni auf dem „Tempelhof Sounds Festival“ in Berlin als Headliner zu erleben sein.

Das Album: Florence + The Machine, Dance Fever. Polydor/Universal Music

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