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Das dreifache Bananenproblem

Black Lives Matter hat den Fokus der Diskriminierungsdebatte enorm verengt, beklagt Autorin Olivia Wenzel. Eine Lesung der TU Dresden öffnet den Fokus.

In Olivia Wenzels Erstlingswerk geht es um Herkunft und Verlust, Lebensfreude und Einsamkeit – dabei verschwimmt Autobiografisches mit Fiktion.
In Olivia Wenzels Erstlingswerk geht es um Herkunft und Verlust, Lebensfreude und Einsamkeit – dabei verschwimmt Autobiografisches mit Fiktion. © Juliane Werner/S. Fischer Verlag

Olivia Wenzel ist schwarz, queer und in der DDR geboren. Bedeutet: Ihr Lebensweg ist zwangsläufig mit Stereotypen gepflastert. Spätestens beim Essen einer Banane kommen alle drei Aspekte zusammen. Warum, kann die Autorin am besten selbst erklären:

  • 1. Öffentlich eine Banane essen als schwarze Person: Rassistische Affenanalogien, uga uga uga. Aua.

  • 2. Eine Banane essen als Ossi - die Banane als Sinnbild für die Unterlegenheit des beigen Ostens gegenüber dem goldenen Westen.

  • 3. Eine Banane essen als Frau - Blowjob, dies das. Die Banane als Penisanalogie und Werkzeug des Sexismus. Unsichere, pubertierende Teenager traumatisieren andere unsichere, pubertierende Teenager. Mach doch mal Deepthroat, hähähä. Hähähä.
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Erst in New York kann Wenzel die Fifth Avenue entlang laufen und unbefangen eine Banane essen. Dort beginnt sie an "1.000 Serpentinen Angst" zu schreiben, nach wenigen Zeilen kommt Donald Trump an die Macht.

Herausgekommen ist ein Buch über Zugehörigkeit. Es erscheint in einer Zeit, in der die Berichterstattung von der "Black-Lives-Matter"-Bewegung geprägt ist. In Talkshows wird mit ihr nur noch über Rassismus gesprochen. "Als ginge es in dem Buch um nichts anders", klagt Wenzel, die die Debatte nicht auf Herkunft begrenzen möchte - Geschlecht, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft; alles überschneidet und bedingt sich. "Es erscheinen auch immer mehr Biografien über hybride Persönlichkeiten, es gibt immer mehr intersektionale Ansätze, aber in der Öffentlichkeit wird das noch nicht genug diskutiert." Die Debatte um George Floyd habe diesen Fokus enorm verengt: "Ich bin angehalten, über meine Schwarze Identität nachzudenken, deshalb überlege ich mir, wie ich das zusammendenken kann."

Zugegeben: Die Sendung "Markus Lanz" macht optisch mehr her. Bei "Vielfalt im Dialog" gehts dafür in die Tiefe.
Zugegeben: Die Sendung "Markus Lanz" macht optisch mehr her. Bei "Vielfalt im Dialog" gehts dafür in die Tiefe. ©  Screenshot Facebook

Eine Lesung mit anschließender Diskussion unter dem Motto „Vielfalt im Dialog“ der TU Dresden ließ den Raum dafür: Gemeinsam mit einem fast 100-köpfigen Online-Publikum konnte die 35-Jährige fast zwei Stunden über Themen diskutieren, die in großen Talkshows lächelnd abgewürgt werden.

Den ersten großen Konflikt warf Wenzel gleich mit ihrer Einstiegspassage in den Raum: "Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann." Einen Konflikt, den sie in ihrem Roman in Dialogform aushandelt. Aber mit wem redet die Protagonistin eigentlich? "Für jede lesende Person ist das sehr unterschiedlich, viele haben sich selbst Fragen stellen hören", berichtet Wenzel, als die Frage aufkommt. "Für mich kamen die Stimmen beim Schreiben von überall her - aus den Medien, Dialogen mit einer Freundin, Fragen von einer therapierenden Person und Fragen, die ich mir selber gestellt habe."

Wenn das T in Deutsch für Tilsiter steht

Mit einer Blitzumfrage unter den Teilnehmern wurde der nächste Themenkomplex eingeleitet: Fast alle Zuschauer hatten den Eindruck, dass die Spaltung der Gesellschaft zunimmt. Dagegen hilft nur, miteinander reden, reden, reden. Einziges Dilemma: Sobald es belehrend wird, kommt man nicht mehr weiter. Wenzel hat die Erfahrung gemacht, dass es dann hilft, ganz einfach Fragen zu stellen, um diese Muster zu durchbrechen: "Schreibt einfach mal Schwarz und Weiß Buchstabe für Buchstabe untereinander auf und schreibt zu jedem eure allererste Assoziation. So merkt man, wie tief diese Konstrukte sitzen. Erst wenn man sie aufschreibt, merkt man, wie lächerlich sie sind." Das T in Deutsch werde übrigens häufig mit Tilsiter assoziiert. Noch Fragen?

Die TU Dresden hat sich ein ähnliches Ziel gesetzt und möchte mit ihren Vorträgen raus aus der akademischen Nische. Am Donnerstagabend hat das schon ganz gut geklappt: Studenten und Forscher waren in der Minderheit.

Das Thema für ihr nächstes Buches verriet Wenzel auch noch: Es soll sich mit der Frage beschäftigen, wodurch unser sexuelles Verlangen geprägt ist? Ausgangspunkt sind Auswertungen einer Datingplattform: Demnach gelten weiße, blonde Frauen grenzübergreifend am attraktivesten, während asiatische Männer und schwarze Frauen am wenigstens gefragt sind.

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