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Leipzig: Neue Mieter in Honeckers Gästehaus

Ein Leipziger Investor steckt 50 Millionen Euro in die Sanierung. Nun wird die Ruine zum privaten Wohnkomplex.

So soll das ehemalige „Gästehaus am Park“ des DDR-Ministerrates nach der Sanierung aussehen. Zusammen mit einem Anbau (vorn rechts) entstehen in dem Gebäudekomplex 121 Wohnungen und kleine Appartements.
So soll das ehemalige „Gästehaus am Park“ des DDR-Ministerrates nach der Sanierung aussehen. Zusammen mit einem Anbau (vorn rechts) entstehen in dem Gebäudekomplex 121 Wohnungen und kleine Appartements. © Unverbindliche Visualisierung: LEWO AG

Von Sven Heitkamp

Kaputte Scheiben, Graffiti, Brandspuren: Das „Gästehaus am Park“, zu DDR-Zeiten beste Adresse für internationale Staats- und Messegäste in Leipzig, stand 25 Jahre lang leer und verfiel zur Ruine. Mehrere Investoren bissen sich an der Sanierung des geschichtsträchtigen Betonbaus die Zähne aus.

Nun rollen aber die Bagger: Der Leipziger Immobilienentwickler Lewo, hat Ende vorigen Jahres die Entkernung und Umgestaltung der einstigen Nobelherberge am Clara-Zetkin-Park begonnen. Entstehen soll in der Schwägrichenstraße allerdings kein neues Hotel oder Gästehaus mehr – sondern ein moderner Wohnkomplex mit 121 Familienwohnungen und kleineren Appartements, darunter 36 Wohnungen in einem neuen, siebengeschossigen Anbau mit abgerundeten Ecken. Alle Wohnungen seien bereits verkauft, sagt der Vorstand und Gründer der Lewo AG, Stephan Praus. Die ersten Mieter sollen Ende nächsten Jahres einziehen, bis 2023 soll das Projekt komplett fertig werden.

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Der sozial engagierte Investor – bei Leipziger Fußballfans bekannt als Hauptsponsor des Regionalligaclubs BSG Chemie Leipzig – will gut 50 Millionen Euro in das historische Areal investieren, das im bürgerlichen Musikerviertel neu entsteht. Lewo hatte das Gelände bereits 2016 für rund neun Millionen Euro gekauft, musste aber lange auf grünes Licht der Behörden warten. Unter anderem verhinderte der streng geschützte Juchtenkäfer die Freigabe – wurde aber nie gesichtet. „Nachdem wir die Baugenehmigung in den Händen hatten, rollten sofort die Bagger“, sagt Eigentümer Praus. In der Nachbarschaft des Gästehauses sind in den vergangenen Jahren schon etliche hochwertige Appartements und Stadthäuser entstanden und freistehende Villen zu noblen Firmensitzen ausgebaut worden, es ist eine der besten Wohngegenden der Stadt.

Alexander Schalck-Golodkowski, Georg [Gerold] Tandler, Günter Mittag, Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Erich Honecker.
Alexander Schalck-Golodkowski, Georg [Gerold] Tandler, Günter Mittag, Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Erich Honecker. © Wikimedia/BArch Bild 183-1990-0226-315/ADN-ZB/R. M

Zu DDR-Zeiten logierte während der Leipziger Messen unter anderem Staats- und Parteichef Erich Honecker in dem gut abgeschirmten, sechsstöckigen Gästehaus. 1984 traf sich Honecker dort auch mit dem damaligen bayrischen Regierungschef Franz-Josef Strauß (CSU), um einen Milliardenkredit für die fast bankrotte DDR einzufädeln. Eine Umwidmung des denkmalgeschützten Areals für privates Wohnen war angesichts der besonderen Geschichte lange Zeit nicht gestattet.

Möglich wurde der Durchbruch erst, nachdem der Stadtrat umschwenkte und im Frühjahr 2020 grünes Licht für die Wohnbebauung gab. Die Bestandsgebäude müssen dennoch denkmalgerecht saniert werden, betont die Stadtverwaltung. Auf eine originalgetreue Fassadengestaltung werde besonderer Wert gelegt – ebenso wie auf die Rekonstruktion eines sechs Meter langen Wandreliefs des Leipziger Malers Bernhard Heisig. Es hing in der 400 Quadratmeter großen Eingangshalle mit Atrium, das nun ebenfalls restauriert und zu einem Treffpunkt der Mieter werden soll. Daneben erhalten die Gebäude nun begrünte Dächer.

Abhörsicherer Bunker im Keller

Das 1968 von Staats- und Parteichef Walter Ulbricht eröffnete Gebäudeensemble war zwischenzeitlich als kultur- und zeitgeschichtliches Zeugnis unter Denkmalschutz gestellt worden. Ein Abriss, den ein früherer Eigentümer schon beantragt hatte, wurde damit gestoppt. Das Haus habe einen dokumentarischen, exemplarischen Wert für die sozialistische Architektur der DDR-Nachkriegsmoderne, so die Denkmalschützer. Der markante Betonbau verfügte nicht nur über große Foyers, sondern auch über Repräsentations-Appartements, Speise-, Kino- und Konferenzsäle. Im Keller soll es sogar einen angeblich abhörsicheren Bunker gegeben haben. Jetzt soll dort eine Tiefgarage entstehen.

Bis 1995 war das Gästehaus am Park noch als Hotel genutzt worden – bis der damalige Betreiber aufgab und das Inventar versteigerte, samt Meißner Porzellan, Möbeln aus den Hellerauer Werkstätten, Inventar einer „Franz-Josef-Strauß-Suite“ und Kaffeekännchen, aus denen Stasi-Chef Erich Mielke Wodka getrunken haben soll. Viele Leipziger erinnern sich gut an diesen Tag.

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Andernorts sind die Herbergen der DDR-Staatsmacht heute gut geführte Häuser: Das ehemalige Gästehaus des Ministerrates in Gohrisch etwa empfängt heute als „Hotel Albrechtshof“ Besucher der Sächsischen Schweiz.

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