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Wettkampf der Straßenbahner in Leipzig

Tramfahrer konkurrieren in Leipzig mit ihren tonnenschweren Fahrzeugen um Millimeter und Geschick. Dahinter steckt eine Idee aus Dresden.

Von Sven Heitkamp
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2022 ist Leipzig Austragungsort der Tram-EM. In verschiedenen Disziplinen müssen die Teams, bestehend aus je einer Straßenbahnfahrerin und einem Straßenbahnfahrer, ihre Fähigkeiten beweisen.
2022 ist Leipzig Austragungsort der Tram-EM. In verschiedenen Disziplinen müssen die Teams, bestehend aus je einer Straßenbahnfahrerin und einem Straßenbahnfahrer, ihre Fähigkeiten beweisen. © Jan Woitas/dpa

Sie springen in die Straßenbahnen, rennen ins Fahrer-Cockpit, starten mit Volldampf und kommen vor einer Mauer aus Kartons nur knapp wieder zum Stehen. Sie geben Vollgas und bremsen haarscharf an einer rot-weißen Absperrung: Die Teilnehmer der Tram-Europameisterschaften müssen ihre 60 Tonnen schweren Fahrzeuge bestens im Griff haben, um zu gewinnen. Talent und Geschick der Meisterfahrer werden einmal im Jahr während der Tram-EM getestet.

2022 ist der internationale Wettbewerb, der ursprünglich aus Dresden stammt, in Leipzig geplant. 25 Teams aus 25 Städten in rund 20 Ländern Europas sind wieder vorgesehen, darunter aus Wien und Stockholm, aus Leipzigs Partnerstädten wie Birmingham, Kiew oder Krakau, aus Hannover und Frankfurt/Main. Mit Startern aus Houston (USA) und Melbourne (Australien) könnte es erstmals sogar eine WM werden.

An den Start der außergewöhnlichen Meisterschaft geht jeweils ein Duo mit einer Straßenbahnfahrerin und einem Fahrer. Das nächste Mal sollen die Wettbewerbe zwischen dem 19. und 22. Mai am Leipziger Augustusplatz mit einem großen Bürgerfest ausgetragen werden. „Wir hoffen sehr, dass wir das Event nicht wieder absagen müssen wie 2019 und 2020“, sagt der Erfinder, Präsident und Organisator der Tram-EM, Wieland Stumpf aus Dresden. Mit den Ausrichtern der Europameisterschaft, den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB), arbeite man an einem Plan B, um das Spektakel auch unter Corona-Auflagen veranstalten zu können. „Wir sind guter Dinge“, betont der Inhaber einer Veranstaltungsagentur.

In der Regel reisen die Fahrer schon am Donnerstag an, um sich am Freitag mit den lokalen Bahnen vertraut zu machen und zu trainieren. Denn die Straßenbahnen in Europas Metropolen unterscheiden sich deutlich voneinander. Der eigentliche Wettbewerb findet dann am Sonnabend statt. In verschiedenen Disziplinen müssen die Teams ihre Fähigkeiten beweisen, um den Pokal mit nach Hause zu nehmen. Dazu gehören punktgenaues Bremsen, perfektes Halten, vorsichtiges Vorbeifahren und insgesamt eine sichere Fahrweise. „Neben praktischen Übungen gibt es außerdem mündliche Tests“, erzählt Projektleiter Peter Müller-Marschhausen. „Neben Straßenbahn-Wissen gehören dazu auch Motivation und Teamarbeit.“

Idee zur Tram-EM entstand 2012 in Dresden

Anlass für die EM in Leipzig ist der 150. Geburtstag der Straßenbahnen in der Stadt – sie soll ein Höhepunkt der Jubiläumsfeiern sein. Deren Geschichte hatte im Mai 1872 mit einer Pferde-Eisenbahn im Linienbetrieb und einem ersten Straßenbahnhof in Leipzig-Reudnitz begonnen. Heute gehört Leipzigs Netz zu den größten und dichtesten in Deutschland.

Die Tram-EM war 2012 zum 140-jährigen Bestehen der Straßenbahnen in Dresden entstanden. Seither hat die DVB als erster Veranstalter und Mit-Erfinder immer an der EM teilgenommen. Ob Dresden auch im nächsten Jahr am Start sei, sei aber noch nicht entschieden, sagte Stumpf. Die Auswahlverfahren laufen noch.

Das Team aus Leipzig steht indes schon fest: Es sind der 40-jährige Fahrtrainer Jürgen Zierau und seine Kollegin Regina Geßner, die schon 33 Jahre auf Leipzigs Gleisen unterwegs ist. Bei einem Leipziger Ausscheid in einem Straßenbahnhof hatten zwölf der geschicktesten Bewerber im November das Sieger-Duo unter sich ausgemacht. Alle denkbaren Teilnehmer waren vorab nach Kriterien wie Berufserfahrung und Unfallfreiheit ausgewählt worden. Und die Erwartungen sind groß: Das Leipziger Team, das bei der EM 2016 in Berlin gestartet war, wurde immerhin Vizemeister. Und diesmal haben die Leipziger Heimvorteil.