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Großauftrag für Straßenbahn geht nach Leipzig

Eine Leipziger Manufaktur baut für Görlitz, Zwickau und Leipzig mehr als 150 Straßenbahnen – mit einem Wert von etwa 600 Millionen Euro.

Von Sven Heitkamp
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HeiterBlick baute bereits für Hannover Straßenbahnen.
HeiterBlick baute bereits für Hannover Straßenbahnen. © Michael Narten

Es ist ein Großauftrag von historischem Ausmaß: Die Verkehrsbetriebe der drei Städte Görlitz, Leipzig und Zwickau werden erstmals gemeinsam neue Straßenbahnen beim neu gegründeten Konsortium Leipziger Wagenbau AG (LEIWAG) bestellen. Der gesamte Auftrag für bis zu 169 Straßenbahnen hat einen Umfang von rund 600 Millionen Euro.

Der Liefervertrag wurde am Mittwoch unterzeichnet, teilten die federführenden Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) mit. Dem Konsortium gehören die Leipziger Straßenbahnmanufaktur HeiterBlick und das Unternehmen „Kiepe Electric“ an, die schon heute in Leipzig gemeinsam Straßenbahnen für andere deutsche Großstädte produzieren.

Mit dem Zuschlag hat sich das kleine Unternehmen in einer europaweiten Ausschreibung durchgesetzt. Allein Leipzig will nun in den nächsten zehn Jahren mindestens 25 XXL-Straßenbahnen mit 45 Metern Länge bestellen und hat die Option auf etwa 130 weitere Fahrzeuge. Görlitz bestellt sechs und Zwickau bis zu acht Bahnen. Hinzu kommen weitere Optionen. Die Fertigung soll 2023 beginnen, erste Lieferungen und der Probebetrieb 2024 starten. Die gesamte Auslieferung dürfte bis 2030 dauern.

Mitarbeiter mit Ortskenntnis

„Als sächsischer Straßenbahnhersteller mit Standorten in Leipzig und Grimma ist der Auftrag für uns eine große Ehre“, sagte HeiterBlick-Geschäftsführer Samuel Kermelk. „Der Auftrag sichert und schafft auf lange Zeit Perspektiven in ganz Sachsen.“ Die Herausforderung liege in den großen Innovationen und der Umsetzung von umweltfreundlichen Antriebstechnologien wie Wasserstoff. So entwickelt die einstige Werkstatt der Leipziger Verkehrsbetriebe, die 2006 als eigenständiges Unternehmen gestartet war, zurzeit auch Europas erste Straßenbahnen mit Brennstoffzellen. Sie könnten in ein paar Jahren zum Einsatz kommen. Auch andere technologische Entwicklungen wie Fahrer-Assistenzsysteme sind geplant.

Der frühere Porsche-Manager Kermelk hat stets betont, dass der größte Teil der Wertschöpfung in Sachsen bleibe – anders als bei großen internationalen Wettbewerbern wie Alstom, Škoda, Stadler oder CAF. Fast 40 Prozent der Fertigungskosten würden in Sachsen ausgegeben und etwa 70 Prozent in Mitteldeutschland. „Ins Ausland gehen nur ein bis zwei Prozent“, sagt Kermelk.

Das Unternehmen setzt dabei auch auf die Ortskenntnis seiner Mitarbeiter. Zu den sächsischen Partnern gehört das Chemnitzer Planungsbüro Hörmann Vehicle Engineering, das auch ein Büro in Dresden unterhält. Gewinne des Projekts sollen in den Ausbau des Leipziger Standorts fließen. Geplant seien mehrere Millionen Euro Investitionen in neue Produktionsflächen und neue Technik. Die Belegschaft soll von rund 150 Beschäftigten um etwa weitere 100 Mitarbeiter wachsen.

Größtes Straßenbahnprojekt der Geschichte

Görlitz, Zwickau und Leipzig hatten 2019 das Projekt unter dem Titel „Sächsische Plattform – Straßenbahn der Zukunft“ gestartet, um Kosten zu sparen. Durch die gemeinsame Bestellung aller drei Verkehrsunternehmen würden nun etwa 27 Millionen Euro Einmal- und Entwicklungskosten gespart.

„Dass es uns zusammen mit unseren Partnern in Leipzig und Zwickau gelungen ist, dieses wichtige Projekt zustande zu bringen, ist ein großer überregionaler Erfolg und ein gutes Beispiel für gelungene interkommunale Zusammenarbeit“, sagt der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU). Durch die enge Zusammenarbeit der Partner könne Görlitz wirtschaftlich ein innovatives Fahrzeug beschaffen, das Raum für technische Neuerungen biete, ergänzte der Chef der Görlitzer Verkehrsbetriebe Sven Sellig.

Für die Leipziger Verkehrsbetriebe ist der Auftrag das größte Straßenbahnprojekt ihrer Geschichte. Die ersten 2,40 Meter breiten Bahnen sollen ab 2024 unterwegs sein. Damit will die LVB ihre Kapazitäten an die wachsende Bevölkerung anpassen. „Nach dem Wettbewerbsverfahren, das auch ausgeschiedene Bieter als fair bezeichnet haben, freuen wir uns, jetzt gemeinsam neue Fahrzeuge zu bestellen“, sagte LVB-Geschäftsführer Ulf Middelberg. Mit der Idee sind die Sachsen indes nicht die Ersten. Auch Frankfurt, Cottbus und Brandenburg kooperieren bereits bei der Anschaffung neuer Straßenbahnen.