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Wie eine junge Frau mit Gräbern gründete

Jacqueline Hausotte hat ein besonderes Gespür für Grabstätten. Damit wurde sie zu Sachsens Gründerin des Jahres. Ein gemeinsamer Spaziergang.

Von Sven Heitkamp
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Die Steinmetzin Jacqueline Hausotte ist Sachsens beste Gründerin.
Die Steinmetzin Jacqueline Hausotte ist Sachsens beste Gründerin. © Ronald Bonß

Wer das Lachen von Jacqueline Hausotte hört, kann sich nicht vorstellen, dass sich diese Frau mit der fröhlichen Ausstrahlung den ganzen Tag mit Tod und Trauer beschäftigt, Hinterbliebene berät, Grabsteine gestaltet. Doch Jacqueline Hausotte scheint gerade aus dem Geist der Friedhöfe ihre Kraft zu ziehen. „Trauern erlaubt es den Menschen, weiterzuleben“, sagt sie. „Wer den Tod als Teil des Lebens begreift, verliert die Angst davor.“ Das Grab eines lieben Menschen zu besuchen, zu bepflanzen und zu betreuen, sei vielen Angehörigen und Freunden eine elementare Aufgabe.

In diesem Herbst wurde die Steinmetzin zu Sachsens Gründerin des Jahres 2021 gekürt. Denn die Preisträgerin führt nur zwei Jahre nach ihrer Gründung bereits ein Unternehmen mit zwölf Mitarbeitern und baut schon an der nächsten Erweiterung. „Die Preisträgerinnen sind in herausragender Weise Vorbilder“, sagte Gleichstellungsministerin Katja Meier (Grüne). „Sie haben das richtige Gespür für den Zeitgeist, den Mut und den Willen, innovativ, kreativ, nachhaltig und vorausschauend tätig zu sein.“ Neben dem rasanten Wachstum ihres Unternehmens war für die Auszeichnung nicht zuletzt ihr unverkrampfter Umgang mit dem Tod ausschlaggebend. Was aber ist ihr Geheimnis? „Leidenschaft“, sagte Jacqueline Hausotte.

Keine vorgefertigten Steine

Um besser verstehen zu können, wie man auf Grabsteinen eine Erfolgsgeschichte schreiben kann, treffen wir die 43-Jährige an einem kalten, sonnigen Novembertag auf ihrem Lieblingsfriedhof in Plagwitz. Er ist ein bisschen freier, offener, wilder und weniger in strengen Reihen geordnet als andere Friedhöfe, kleine Nischen und Hecken schaffen Rückzugsräume.

Das letzte Herbstlaub leuchtet golden, und Jacqueline Hausotte bleibt an einem pechschwarzen leeren Gabbro-Stein stehen. Auf die Rückseite hat sie mit feinen weißen Linien einen listig grinsenden Sensenmann mit Sanduhr graviert und dazu auf Englisch geschrieben: „The trouble is, you think, you have time.“ Das Problem ist, dass Sie denken, Sie haben Zeit. „Es muss doch auch Spaß machen, was ich tue“, sagt sie und lacht. Auf einer Wiese im hinteren Teil des parkähnlichen Geländes zeigt sie zwei ovale Halbkreise, die mit Heide bepflanzt sind. Dazwischen liegen kleine Findlinge, in die Namen von Verstorbenen graviert sind. Zusammen mit dem Friedhofsmeister hat sie diese neue Form der Bestattung ermöglicht, für Menschen, die keine große Grabstelle möchten.

Hausotte mag es nicht, einen vorgefertigten Stein aus dem Katalog zu bestellen und nur mit Namen und Lebensdaten zu beschriften. Sie möchte Plätze schaffen, die zu den Familien passen. „Wir lassen die Menschen erzählen und kommen gemeinsam zu einem Entwurf, der ihnen hilft, Abschied zu nehmen“, sagt sie. „Es ist eben nicht egal, ob wir die Toten einfach verscharren und weiter geht’s.“

Kunst, Kultur und Steine

Dieser Weg hat viel mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun. Als kleines Mädchen haben sie die Eltern jeden Freitag mit auf den Friedhof zum Grab der Oma genommen. „Das war ein schöner, friedlicher Ort.“ Geboren in Zittau wächst sie in Gößnitz im Altenburger Land auf. Nach dem Abitur beginnt sie in Leipzig Kunstgeschichte zu studieren, auch wegen ihrer Liebe zu Friedhöfen. „Aber mir hat die praktische Arbeit gefehlt.“

Bei einer Reise durch Böhmen, auf der sie kulturhistorisch wertvolle, aber verfallene Grabstellen einst reicher Industrieller erkundet, fällt ihr Entschluss, das Studium gegen die Praxis einzutauschen. Mit Anfang 20 beginnt sie eine Ausbildung in einem klassischen Grabsteinbetrieb in Gera. „Nicht viele Betriebe waren seinerzeit bereit, eine Frau als Steinmetz auszubilden“, erzählt sie.

Nach einem Jahr wechselt sie in den Bayerischen Wald zu einem Meister, der sich mit Restaurierung von Klöstern, Kirchen und Epitaphien beschäftigt. „Ich war glücklich, mich so intensiv mit Kunst und Kultur und Steinen zu beschäftigen.“

"Ich wollte immer, dass du übernimmst"

2005 zieht sie hochschwanger zu ihrem Mann nach Leipzig zurück, 2007 beginnt sie in jenem Grabmal-Betrieb zu arbeiten, den sie später mit übernehmen wird. Kaum zehn Jahre später absolviert sie ihre Meisterausbildung, unter anderem in der Steinmetzschule im ostsächsischen Demitz-Thumitz, und macht sich selbstständig. Nachdem sie mehr als zwei Jahre Entwürfe für die Natursteinwerke Just und Destag fertigt, bekommt sie 2019 die Chance, eine Grabmal-Firma am großen Südfriedhof beim Völkerschlachtdenkmal zu übernehmen.

Noch im selben Jahr ruft ihr früherer Chef an, bei dem sie zehn Jahre tätig war. „Ich wollte immer, dass du übernimmst“, sagt er. „Nun ist es so weit.“ Heute gehören zu ihrer Firma „JH Steingestaltung“ drei Standorte, sie führt ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Schwester betreut das Büro und Jacqueline Hausotte die Hinterbliebenen. Sie kommen bereits aus Berlin, Dresden und anderen Orten zu ihr. Und dabei allein soll es nicht bleiben.

Auf dem Friedhof in Gößnitz restauriert die Steinmetzin das verfallene Mausoleum einer Spielzeugfabrikanten-Familie, sie will die Begräbnisstätte als Begegnungsort herrichten und eine Art Atelier aufbauen, vielleicht auch für Angehörige, die selbst einen Grabstein fertigen möchten. Und irgendwann möchte sie selbst dort beerdigt werden. Für den nächsten Sommer aber ist erst mal ein Eröffnungsfest geplant. Sogar Pfauen würde sie gern auf dem Friedhof ansiedeln, sie gelten als Symbole der Unsterblichkeit. „Warum nicht?“, fragt Jacqueline Hausotte zum Abschied am Plagwitzer Friedhofstor. „Wir sollten Friedhöfe mehr in unser Leben lassen.“