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Fotojagd auf dem Kranausleger

Helmut Plewa aus Löbau kletterte 1977 für die SZ 60 Meter hoch, um das Wachsen von Siloriesen in Niedercunnersdorf mit der Kamera zu dokumentieren.

Diese Perspektive bot sich dem Fotografen 1977 vom Kranausleger aus 60 Meter Höhe. Rechts ist einer der rohbaufertigen Silotürme zu sehen.
Diese Perspektive bot sich dem Fotografen 1977 vom Kranausleger aus 60 Meter Höhe. Rechts ist einer der rohbaufertigen Silotürme zu sehen. © Stadtarchiv Löbau/Helmut Plewa

So etwas hatte Niedercunnersdorf noch nie gesehen. Am Bahnhof wuchsen Ende der 1970er Jahre beim VEB Getreidewirtschaft (heute Baywa) Siloriesen in den Himmel, die höher als mancher Kirchturm waren. Diese Silotürme vom Typ KT 17 mit einem Gesamtfassungsvermögen von 34.000 Tonnen Getreide wurden von Monteuren des Bau- und Montagekombinates Chemie Halle errichtet. Im Juni 1977 waren sie rohbaufertig. Ein Ereignis, das sich auch die Sächsische Zeitung nicht entgehen ließ, zumal Fotos von so einer Baustelle Seltenheitswert hatten.

Der Löbauer Helmut Plewa war damals ehrenamtlich für die SZ mit der Kamera unterwegs. Er sollte das Wachsen der über 40 Meter hohen Betonröhren festhalten. Von unten ließen sich die Recken, umgeben von langen Kranarmen, schon recht gut ins Bild setzen. Aber zeigte das schon ihren Gigantismus? Helmut Plewa, der hauptberuflich als Fahrer bei der Kreislandwirtschaftsschule Löbau arbeitete, überlegte: „Wenn ich die außergewöhnlichen Dimensionen dieses Projektes erfassen will, dann geht das nur von ganz oben.“ Das aber war leichter gedacht, als getan. Dann kam dem Fotografen die verwegene Idee: „Man müsste den Kranturm erklimmen und vom Führerstand aus auf den Ausleger klettern.“ Als er dem Kranführer sein Anliegen vortrug, lehnte der strikt ab. Doch der damals 39-jährige Plewa ließ nicht locker. Der Kranführer entschied schließlich: „Wenn Du auf eigene Gefahr da hochkletterst und das Risiko trägst, dann tue, was Du nicht lassen kannst.“

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Umgeben von Kränen ragen die Niedercunnersdorfer Getreidesilos direkt am Bahnhof in den Himmel, oben über den Türmen die Auslegerspitze, auf die Helmut Plewa kletterte.
Umgeben von Kränen ragen die Niedercunnersdorfer Getreidesilos direkt am Bahnhof in den Himmel, oben über den Türmen die Auslegerspitze, auf die Helmut Plewa kletterte. © Stadtarchiv Löbau/Helmut Plewa

So geschah es. Plewa stieg zunächst gut 40 Meter auf den vorhandenen Sprossen bis zur Krankanzel. Doch um Draufsichtaufnahmen zu bekommen, musste er noch höher hinaus. Auf allen vieren hangelte er auf dem Ausleger entlang, bis an sein Ende, damit keine sichtbehindernden Streben mehr im Wege waren. Und er bat den Kranführer, den Ausleger zu drehen, um mit seiner Mittelformatkamera Pentacon-Six unterschiedliche Perspektiven einfangen zu können. Dabei befand er sich in über 60 Meter Höhe. „Nachgedacht über die Höhe und die Riesengefahr, in die ich mich begeben hatte, habe ich eigentlich nicht. Durfte ich auch nicht, denn ich musste hochkonzentriert bleiben“, erinnert sich der heute 82-Jährige. „Ich sah nur, dass der Kranführer immer wieder mit dem Kopf schüttelte und unten auf einmal viele Bauarbeiter zu mir hochschauten. Sie waren so groß wie Spielzeugmännlein.“

35 Jahre fotografierte Helmut Plewa für die SZ, zunächst ehrenamtlich, dann im Hauptberuf. Sein erstes veröffentlichtes Bild war 1969 die Eröffnung eines neuen Kuhstalles in Lawalde, damals ein Vorhaben mit viel positiver Resonanz.
35 Jahre fotografierte Helmut Plewa für die SZ, zunächst ehrenamtlich, dann im Hauptberuf. Sein erstes veröffentlichtes Bild war 1969 die Eröffnung eines neuen Kuhstalles in Lawalde, damals ein Vorhaben mit viel positiver Resonanz. © Matthias Weber/photoweber.de (Archiv)

Dieses überaus gewagte Manöver wurde aber Nebensache, als Helmut Plewa wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte und die Bilder entwickelt waren. Der Fotograf hatte das Baugeschehen aus Blickwinkeln festgehalten, als wäre er in einem Hubschrauber geflogen. Er setzte damit auch den Bauspezialisten aus Halle ein Denkmal, die die Silotürme (Innendurchmesser sieben Meter) mittels einer hydraulischen Gleitbühne in die Höhe zogen. Zwei Gleitbaubrigaden arbeiteten rund um die Uhr und schafften an einem Tag 3,20 Meter Höhengewinn. Helmut Plewas großformatige Reportagefotos wurden später ausgestellt und bei einem Kreisfotowettbewerb ausgezeichnet.

Die Silobilder von Niedercunnersdorf und die Umstände, unter den sie entstanden, haben sich bei Helmut Plewa für immer eingeprägt. „So etwas würde ich nie mehr tun. Mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke. Aber mit knapp 40 Jahren war man eben ein Draufgänger und hat sich keine großen Gedanken gemacht.“ Und der Fotograf, der nach der Wende auch einige Jahre hauptamtlich für die SZ tätig war, räumt ein: „Heute wäre so etwas schon wegen der strengen gesetzlichen Bestimmungen ein Unding. Und im Zeitalter der Drohnen käme ohnehin niemand mehr auf so eine verrückte Idee.“ Doch an die fliegenden Kameras war vor über 40 Jahren nicht zu denken.

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