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Gasthof Altlöbau: Treuhand trägt Mitschuld

Günter Micklisch, letzter Wirt des abgerissenen Gasthofes, wollte das Lokal nach der Wende kaufen, doch das klappte nicht, weil die Treuhand hart blieb.

Günter Micklisch vor dem Schutthaufen des Gasthofes Altlöbau.
Er war der letzte Wirt der HO-Gaststätte und betrieb sie bis 1991.
Günter Micklisch vor dem Schutthaufen des Gasthofes Altlöbau. Er war der letzte Wirt der HO-Gaststätte und betrieb sie bis 1991. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Günter Micklisch ist seit einigen Tagen ein besonders gefragter Mann. Denn der Altlöbauer ist der letzte Wirt des gleichnamigen Gasthofes, den die Einheimischen und Gäste noch kennen. Nun, da das Gebäude nach jahrzehntelangem Verfall vom Landkreis zur Gefahrenabwehr abgebrochen wurde, wollen von ihm viele wissen, was da los ist.

Doch Micklisch war nur der letzte, greifbare Eigentümer. Danach, so scheint es, verliert sich jede konkrete Spur und die Behörden bei Stadt und Kreis dürfen aus Datenschutzgründen keine Angaben machen. "Ich weiß auch nicht, wer jetzt der Besitzer ist", erzählt Micklisch. Auch er habe davon gehört, dass jemand aus Westberlin der Besitzer sein soll. Aber ihn gesehen oder seinen Namen gehört hat auch er nicht. Dafür aber kann Günter Micklisch eine Geschichte erzählen, die durchaus Anhaltspunkte gibt, warum mit dem Gasthof alles so gekommen ist.

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Gasthof hieß im Volksmund "Chicago"

Günter Micklisch ist ab 1984 beim Gasthof Altlöbau eingestiegen. Seine Frau habe das Lokal bereits zwei Jahre zuvor gehabt, dann sei er hinzugekommen. Bis 1991 - bis zur Schließung - haben Micklischs das Haus für die DDR-Handelsorganisation - kurz HO - betrieben. "Danach war die Treuhand im Besitz und wollte es verkaufen", erinnert sich Micklisch. Kaufen wollen hätte er das "Chicago", wie die Löbauer den Gasthof wegen der häufigen Schlägereien nannten, durchaus. "Ich hatte damals mit einem Geschäftspartner aus Wiesbaden vor, die Immobilie zu erwerben", sagt er. Geplant gewesen sei ein Abriss des alten Hauses, das ohnehin stark sanierungsbedürftig war. Ein Neubau mit Geschäftsräumen einer Firma war der Plan.

Doch dazu ist es nie gekommen, denn die Kaufsumme, die der Treuhand vorschwebte, war astronomisch: "480.000 D-Mark sollten wir damals zahlen - und das für ein schon marodes Gebäude", erinnert er sich. Auch der Versuch, mit der Treuhand zu verhandeln, führte nicht weiter, das Engagement von Micklisch und seinem Kompagnon zerschlug sich. "Mitte der 90er hat dann der Treuhand-Nachfolger sich noch einmal bei mir gemeldet, weil ich Interesse an dem Gasthof gehabt hatte", erinnert sich Günter Micklisch: "Da hätte ich dann alles für 37.000 D-Mark haben können." Doch der Zug war abgefahren, Micklisch hatte sich anderweitig orientiert. Und der Gasthof kam wahrscheinlich über eine Versteigerung in unbekannte Hände.

Schon vor der Wende enorme Schäden am Haus

Zumal der Käufer zusätzlich zum Kaufpreis auch enorm in das Gebäude hätte investieren müssen. Denn Schäden - gerade auch zum abschüssigen Teil des Grundstücks hin, gab es schon zu Zeiten als das "Chicago" noch in Betrieb war. "Ja, der Hang hat von hinten ans Gebäude gedrückt, wir hatten auch Wasserschäden", sagt Micklisch. An der Wand, an der das Erdreich drückte, waren eigentlich die Garderoben angebracht. Sie mussten umziehen, denn die Wand musste mit Holzstämmen abgestützt werden.

Dem frohen - und mitunter eben auch etwas rauen - Jugendleben im Gasthof hat das allerdings keinen Abbruch getan, erinnert sich der frühere Wirt: "Wenn Tanz war am Wochenende, war eigentlich immer voll", sagt Günter Micklisch. Mittwoch bis Sonntag hatte der Gasthof Altlöbau offen, 250 Personen gingen, zählt man alle Räume zusammen, alles in allem locker rein. "Es verging fast kein Wochenende, an dem nicht die Streife kommen musste, weil einige Gäste nicht miteinander auskamen", sagt er. Zu den Gästen zählten neben der einheimischen Jugend auch Offiziers-Schüler und Gastarbeiter von Kubanern über Algerier bis zu Vietnamesen - eine bunte Mischung insgesamt und nicht immer ganz konfliktfrei. Worum es bei den Streitereien ging? Um Frauen? "Sicher auch", sagt Micklisch lachend.

Löbauer erinnern sich gern an Gasthof

Dennoch erinnern sich viele Menschen aus dem Löbauer Raum gern an den Gasthof. Auf Facebook berichten sie nach dem ersten SZ-Bericht über den Abriss des Gebäudes voller Begeisterung von ihren persönlichen Erinnerungen - so berichtet eine Dame, sie habe dort vor 52 Jahren ihren Mann kennengelernt, andere haben noch die ausgelassenen Feiern vor Augen.

Damit ist es nun wohl ein für allemal vorbei. Günter Micklisch, der noch immer unweit des Gasthofes wohnt, nimmt den Abriss des Hauses zwar persönlich locker, weint dem Haus keine Tränen nach. "Aber so, wie es jetzt ist, sieht es furchtbar aus", konstatiert er - und fragt sich, wer den Schutthaufen wegräumt. Der Landkreis - der zur Gefahrenabwehr den Gasthof abgerissen hat und dies auch dem Eigentümer in Rechnung stellt - sieht den Besitzer in der Pflicht. Die Gefahr, die vom Gebäude mit seinem bereits Ende der 90er Jahren eingefallenen Saal und dem maroden Giebel ausgegangen ist, die sei tatsächlich gebannt. "Einen Keller hat das Haus nicht, da besteht keine Einbruchsgefahr", sagt Micklisch zu den Befürchtungen, die aufgekommen waren, weil viele Neugierige auf dem Schutthaufen nach Verwertbarem suchten. Der Bierkeller sei ebenerdig gewesen, größere Hohlräume unter dem Gebäude gebe es nicht. Und doch hofft auch er, dass auf dem Grundstück endlich etwas passiert. Etwas Positives für Altlöbau.

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