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Vom Kottmar-Bergidyll ist nichts mehr übrig

Die Baude verfällt immer mehr. Dabei war sie mal ein beliebtes Ausflugsziel und sogar bewohnt. Wie war das damals so auf dem Berg? Eine Bewohnerin erinnert sich.

Barbara Engemann erinnert sich an fröhliche Zeiten in der Kottmarbaude. Sie hat ihre ganze Kindheit hier verbracht. Der heutige Zustand stimmt sie allerdings traurig.
Barbara Engemann erinnert sich an fröhliche Zeiten in der Kottmarbaude. Sie hat ihre ganze Kindheit hier verbracht. Der heutige Zustand stimmt sie allerdings traurig. © Matthias Weber/photoweber.de

Immer wieder schüttelt Barbara Engemann den Kopf. "Eigentlich vermeide ich es mittlerweile, hier hoch zu kommen", sagt die Eibauerin traurig. Zu sehr schmerzt sie der Anblick der Kottmarbaude in dem bedauerlichen Zustand, in dem sie jetzt ist. Denn Barbara Engemann kennt die Baude noch ganz anders.

Die 68-Jährige hat ihre ganze Kindheit und Jugend hier oben auf dem Eibauer Hausberg verbracht. Ihre Eltern waren in den 1950er und 60er Jahren die Pächter, betrieben die Kottmarbergbaude. Die Familie lebte in dieser Zeit in der Baude. Eine Zeit, in der dort immer Leben war.

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Die Baude war in diesen Jahren Ferienheim der Damino, Familien aus der ganzen Republik machten hier Urlaub. Auch Kinder von Damino-Arbeitern aus anderen Regionen kamen hierher ins Ferienlager. "Kinder von hier fuhren im Austausch in andere Gegenden", erzählt Frau Engemann. Zu Urlauberheim und Ferienlager kam der tägliche Gaststättenbetrieb. Die Gaststube war meistens voll, am Wochenende und Feiertagen war auch draußen Betrieb. "Unten haben wir dann ein Fenster geöffnet und ein Imbissangebot auf die Terrasse verkauft." Das war zum Beispiel immer zu Pfingsten der Fall, da war die Freifläche voll besetzt mit Wanderern und Ausflüglern. Und es gab weitere Höhepunkte, zu denen auf dem Berg großer Andrang herrschte. Barbara Engemann erinnert sich etwa an die Einweihung der Kottmarschanze Ende der 1960er Jahre. "Da war hier mächtig was los!"

Baude gehört wieder der Stadt Löbau

Sieht man die Gebäude heute, ist das alles kaum noch vorstellbar. Der fortschreitende Verfall ist deutlich zu sehen. Hinzu kommen Vandalismus-Schäden. Doch wie kam es zu dem Verfall? Was ist in den letzten Jahren passiert? Der gesamte Kottmar und auch die Baude gehören seit Jahrhunderten zur Stadt Löbau. Sie wurde an Gastronomie-Betreiber verpachtet, wie eben beispielsweise an Familie Engemann. Der letzte Betreiber hatte den Kottmar 2008 verlassen. Die Stadt Löbau verkaufte danach die Baude an eine Investorengemeinschaft. Vier Männer aus der Region wollten hier wieder einen Gastronomiebetrieb eröffnen.

Von der Vierergruppe war aber zuletzt nur noch ein Eigentümer übrig geblieben, alle anderen hatten sich zurückgezogen. Die Stadt Löbau machte von ihrem Rückkaufsrecht Gebrauch. Sie hatte sich von vornherein vorbehalten, die Bergbaude zurückzuholen, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraums keine Gastronomie wieder eröffnet wird. Die Rückabwicklung zog sich eine Weile hin, seit dem vorigen Jahr ist die Stadt wieder offiziell Eigentümer. Seither hat sich an der Baude aber nichts mehr getan.

So sah es früher an der Kottmarbaude aus

Ein Blick in die Gaststube, vermutlich Ende der 1950er Jahre.
Ein Blick in die Gaststube, vermutlich Ende der 1950er Jahre. © privat
Barbara Engemann als Kind vor der Baude. Seitdem hat sich vieles verändert an dem Gebäude.
Barbara Engemann als Kind vor der Baude. Seitdem hat sich vieles verändert an dem Gebäude. © privat
So idyllisch saß man damals im Biergarten zwischen Baude und Turm. Rechts mit Hund sitzt Barbara Engemann als Jugendliche, an der Turm-Tür steht ihr Opa.
So idyllisch saß man damals im Biergarten zwischen Baude und Turm. Rechts mit Hund sitzt Barbara Engemann als Jugendliche, an der Turm-Tür steht ihr Opa. © privat

Die deutlichen Veränderungen zu früher fangen schon bei der Außenhülle an. Damals sei die Baude mit echten, dunklen Schiefern verkleidet gewesen, erinnert sich Barbara Engemann. Das ist auch auf Fotos zu erkennen, die sie in ihrem Familienalbum hat. Sie wurden zu DDR-Zeiten durch eine blassgraue Verkleidung ersetzt.

Nebenan stand ein Holzanbau. "Dort war das Kinderferienlager untergebracht", erzählt Frau Engemann. Heute steht da das große Bettenhaus. Wie die Baude ist es seit vielen Jahren ungenutzt. "Es passt überhaupt nicht hierher mit der weißen Fassade", findet die Eibauerin. Auf der Fläche vor dem jetzigen Bettenhaus zwischen Baude und Turm wurden früher im Sommer Tische und Stühle aufgestellt, man konnte unter den großen, alten Bäumen lauschig im Freien sitzen.

Barbara Engemann denkt gern an diese Zeit zurück. "Ich hatte eine wunderbare Kindheit." Der einzige Nachteil: Es gab keine Nachbarskinder, mit denen man spielen konnte. Und der Schulweg bis in die Walddorfer Schule war natürlich deutlich weiter und steiler, als der von anderen Kindern. "Mein Bruder und ich haben es aber in zehn Minuten geschafft. Wir sind oft auf den letzten Drücker losgesaust."

Auch daran, wie Heimatmaler Max Langer eine Deckenmalerei in der Gaststube anbrachte, kann sich Frau Engemann noch gut erinnern. Oft stand sie als kleines Mädchen neben seiner Leiter und schaute ihm dabei zu. "Dann stieg er von der Leiter runter, stellte sich neben mich, schaute nach oben und sagte: 'Max, das haste gudd gemacht, das haste gudd gemacht'", erinnert sich die Rentnerin. Was aus der denkmalgeschützten Malerei wird, ist genauso offen, wie die Zukunft der Baude selbst.

Das hängt laut Aussage der Stadt Löbau auch daran, dass die Gegebenheiten an der Baude nicht den heutigen Anforderungen entsprechen. So liegt beispielsweise kein Löschwasser an. Und auch die Abwasseranlage müsste erneuert werden. Eine Bau- oder gar Betriebsgenehmigung würde es in diesem Zustand nicht geben, hieß es dazu von der Stadt auf Nachfrage der SZ. Es müsste also erst einmal einiges investiert werden, bevor überhaupt ein Nutzungskonzept angegangen werden kann.

"Wer soll das alles wieder aufbauen?"

Wie damals üblich, halfen Barbara Engemann und ihr Bruder den Eltern seinerzeit in der Baudenwirtschaft. Als die Kinder aus dem Haus waren und in die Lehre gingen, mussten die Eltern deshalb die Baude auch aufgeben, erzählt Frau Engemann. "Das war eine Zeit, da wollte niemand in der Gastronomie arbeiten. Und ohne unsere Unterstützung schafften sie es nicht mehr." Das war Ende der 1960er Jahre.

Seitdem ist Barbara Engemann trotzdem oft an der Baude gewesen, die mal ihr Zuhause war. In letzter Zeit fällt ihr das immer schwerer. Sie würde sich wünschen, dass hier wieder Leben einzieht, jemand die Baude auf Vordermann bringt. Aber das wird schwierig, vermutet sie. "In unserer Gegend fehlt das Geld, die Region wird vergessen."

Die Rentnerin hat wenig Hoffnung, dass angesichts des schlechten Zustands der Baude noch etwas daraus wird. Man hätte viel früher schon in den Erhalt der Bausubstanz investieren müssen, schätzt Frau Engemann ein. "Wer soll denn das alles wieder aufbauen?"

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