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Bei Christi Geburt kommt's auf Teamwork an

Für das Pfarrerehepaar Rehm verläuft Weihnachten nicht nur wegen Corona anders. Denn die Weihnachtsbotschaft kommt nicht mehr nur von der Kanzel.

Von Anja Beutler
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Pfarrer Stephan Rehm hat zum Heiligabend zwar nicht so viele Termine wie sonst - aber im Vorfeld mehr zu tun.
Pfarrer Stephan Rehm hat zum Heiligabend zwar nicht so viele Termine wie sonst - aber im Vorfeld mehr zu tun. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Stephan Rehm freut sich sehr auf Weihnachten in diesem Jahr. Fest und überzeugt sagt der Pfarrer aus Eibau das. Und ist es nicht auch eine Selbstverständlichkeit? Für einen Pfarrer wie ihn? Ja und - irgendwie auch - nein. Denn die Weihnachtszeit ist eine Hochzeit des Glaubens und damit auch besonders arbeitsreich. Hinzu kommt in diesem Jahr, dass so viel Selbstverständliches wegen Corona eben nicht selbstverständlich ist - und manches aus anderen Gründen neu. Denn erstmals greift eine neue Struktur im Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Löbau-Zittau. Sie ist dem Schwund an Gemeindegliedern geschuldet - und dem daraus resultierenden Schwund an Pfarrstellen und auch Pfarrern.

Von 26 Stellen sind derzeit sieben unbesetzt - also vakant - bestätigte Superintendentin Antje Pech kürzlich auf Nachfrage. Eine dieser freien Stellen liegt in Rehms Gebiet, im Kirchspiel Oberes Spreetal: In Neugersdorf hat Pfarrerin Brigitte Lammert nach 19 Jahren erst dieser Tage ihren Abschied genommen. Stephan Rehm, der einst in Neugersdorf Vikar war, übernimmt die Vertretung. Aber im Grunde nicht er allein, sondern ein Team.

Und wer kümmert sich um Weihnachten?

Mit der neuen Struktur geht es nämlich genau um das - um mehr um Teamarbeit, um Arbeitsaufteilung. "Wir haben unsere Aufgaben neu verteilt - auch danach ausgerichtet, was für Stärken jeder mitbringt", erklärt Pfarrer Rehm. Er beispielsweise hat alles, was mit Öffentlichkeit zu tun hat, auf dem Tisch - vom Bestücken der Netzwerke im Internet bis zur Pressemeldung. Seine Frau Maximiliane Rehm - ebenfalls Pfarrerin - kümmert sich seit der Rückkehr aus ihrer Elternzeit in diesem Jahr vorrangig um Beerdigungen.

Und wer kümmert sich um Weihnachten? Auch das ist mehr denn je Teamwork: "Wir haben vor ein paar Tagen in der Friedersdorfer Kirche einen Gottesdienst aufgenommen, den wir am 24. Dezember ins Internet stellen", schildert Stephan Rehm. In Friedersdorf, wo an den letzten Adventssonntagen kein Gottesdienst stattgefunden hat, habe man die Kirche für die Aufnahmen daher bereits früher weihnachtlich schmücken können. Mit "wir" meint er insgesamt fünf Pfarrer - neben Ehepaar Rehm sind das Friederike und Benjamin Hecker und Constance Simonovská. Hinzu kommen für die Musik die beiden Kantoren samt Musikern sowie das Technikteam, das schon in der Adventszeit mit der Liveübertragung der Gottesdienste im Internet begonnen hat. Jeder, der wegen der 3-G-Regel oder aus anderen Gründen nicht an einem der live angebotenen Gottesdienste am Heiligen Abend teilnehmen kann oder will, kann so dennoch dabei sein.

Neue Wege öffnen neue Türen für die Kirche

Stephan Rehm findet die neuen Möglichkeiten gut. Sie seien durchaus eine Herausforderung, aber sie öffneten auch ganz neue Türen. Nicht nur, weil jetzt in der Pandemie Alternativen gefragt sind. Der 40-Jährige sieht die Chance, Menschen ansprechen zu können, die sich vielleicht nicht gleich in die Kirche trauen, auf ihrer Suche gern erst ein wenig Abstand halten. Flexibler zu werden, Neues auszuprobieren - das könne sehr bereichernd sein und auf gewisse Weise entlasten.

"Natürlich haben wir da das Problem mit der Manpower", sagt er mit Blick auf die tradierte Erwartung, dass wenigstens zu Weihnachten in jeder Kirche ein Pfarrer auf der Kanzel steht. Vier Gottesdienste hätte das Pfarrerehepaar Rehm ohne Corona vermutlich auf der Terminliste am 24. gehabt. Viel Zeit für Familie mit ihren beiden großen Söhnen - 13 und 16 Jahre alt - und ihrer dreijährigen Tochter hätte sich da kaum geboten. Rehms kennen das: Außer einer gemeinsamen Mahlzeit - Graupensuppe und Fischsalat - hat die Familie am Heiligabend normalerweise wenig gemeinsame Zeit. Ein bisschen anders wird das diesmal schon: "Meine Frau wird am Heiligabend in diesem Jahr den Gottesdienst in Eibau halten", sagt Stephan Rehm.

Er hingegen werde sich um die flexiblen Kurzandachten kümmern, die für das Angebot der "offenen Kirche" in Walddorf und Neugersdorf benötigt werden und die Kirchvorstände oder bekannte Gesichter aus der Gemeinde mehrfach in den geschmückten Kirchen verlesen. "Das muss nicht ein Pfarrer machen, aber ein bekanntes Gesicht aus dem Ort und der Gemeinde", erklärt Rehm die Erfahrungen mit dieser Form aus dem vergangenen Jahr. Die Menschen kommen gern vorbei, um sich "das Weihnachtsgefühl" abzuholen. Er werde am Heiligabend ebenfalls mit vor Ort sein, um die Ehrenamtlichen zu unterstützen, erklärt er.

Weihnachten auf viele Weise feiern

"Man kann Weihnachten auf multiple Weise feiern", bilanziert Rehm. Natürlich schätzt auch er die persönlichen Begegnungen sehr und möchte sie nicht missen. Aber in der Zukunft für Kirche und Pfarrer werden neue Formen der Begegnung wichtiger werden. Die Lasten auf breitere Schultern zu verteilen, ist da ein Segen. "Der Berg an Dingen, die zu erledigen sind vor dem Fest, ist in diesem Jahr wirklich höher als sonst - auch wenn am Ende nicht für jeden mehrere Gottesdienste stehen", skizziert er. Verwunderlich ist das nicht, denn das neue System erfordert einfach eine stärkere Planung und Absprachen untereinander im Voraus.

Wann aber stellt sich bei ihm das Weihnachtsgefühl ein - wenn er selbst am Heiligabend nicht predigt oder im Gottesdienst ist? Stephan Rehm überlegt kurz: "Ich finde es immer besonders schön, wenn man merkt, dass man etwas geschafft hat, weil alle mitgetan haben." Wenn sich diese Zufriedenheit gerade bei dem Fest einstelle, wo es um den Kern des Glaubens geht, dann erfülle ihn das "mit Freude und einem tiefen Ergriffensein".