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Wieso Meißen schrumpft und wie es sich verhindern lässt

Berechnungen zeigen, dass Meißen im Jahr 2035 nur noch 26.710 Einwohner zählen könnte. Wie sich das demografische Dilemma abfedern lässt.

Von Marvin Graewert
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Wie sieht Meißen in 13 Jahren aus? Vor allem der Anteil der 30- bis 40-Jährigen könnte deutlich wegbrechen.
Wie sieht Meißen in 13 Jahren aus? Vor allem der Anteil der 30- bis 40-Jährigen könnte deutlich wegbrechen. © Claudia Hübschmann

In den vergangen 15 Jahren waren Meißens Bevölkerungszahlen stabil. Zuletzt gab es sogar einen leichten Zuwachs. Im Herbst 2021 lebten 28.759 Einwohner in Meißen. Allerdings verstecken stabile Zuzüge, dass in den vergangen fünf Jahren auf jedes neugeborene Kind mehr als zwei Todesfälle kamen und es zu über 7.000 Wegzügen in dieser Zeit kam. Eine Trendwende steht bevor.

Für die kommenden 13 Jahre prognostiziert das Statistische Landesamt für Meißen einen deutlichen Rückgang der Einwohnerzahlen. Selbst im optimistischen Szenario wird davon ausgegangen, dass die Porzellanstadt im Jahr 2035 nur noch 27.550 Einwohner zählt. In einer weiteren Variante kommt die Kamenzer Behörde sogar auf lediglich 26.710 Einwohner.

In beiden Prognosen wird vor allem der Anteil an 30- bis 40-Jährigen (um 27 bzw. 32 Prozent) wegbrechen und mehr Frauen als Männer abwandern. Uwe Köhler sitzt für die Großfraktion im Stadtentwicklungsausschuss und sieht darin die wichtigste Stellschraube: "Solange uns in Größenordnungen junge Menschen verloren gehen, indem sie für Ausbildung, Studium und Beruf in die umliegenden Großstädte ziehen, bluten wir aus." Andere sächsische Kommunen könnte es noch härter treffen. Im gesamten Freistaat liegt der durchschnittliche Bevölkerungsrückgang bei 3,2 bzw. 6,5 Prozent.

In Stein gemeißelt ist das nicht. Auf einzelne Städte heruntergebrochen, bleiben Bevölkerungsvorausberechnungen unsicher: Geburten, Sterbefälle und Abwanderungen schwanken stark: "Bei den Schulen haben wir uns auch alle vertan", erinnert sich Heiko Schulze, der für die Bürger für Meißen/SPD im Stadtentwicklungsausschuss sitzt. "Erst wurden die Schulen zugemacht und abgerissen, bis auf einmal die Schülerzahlen in die Höhe schossen."

Um den prognostizierten Bevölkerungsrückgang auszugleichen, setzen alle Fraktionen auf einen attraktiven Wohnungsmarkt – mit unterschiedlichen Schwerpunkten. "Die höchste Priorität hat die Sanierung der Altstadt und des Wohneigentums", sagt Roman Lassotta, ebenfalls für die Großfraktion im Stadtentwicklungsausschuss. Vorausgesetzt, dabei gehe der Charme der Stadt nicht verloren. "Das ist unser höchstes Gut. Wir haben eine attraktive, wunderschöne Altstadt." Trotz dieses großen Anreizes für potenzielle Zuzügler würden viele bei der Wohnungssuche nicht fündig, da sich die Anforderungen an Wohnungen und Häuser verändert hätten. "Vor allem zentrales Wohnen mit kurzen Wegen sowie Wohneigentum ist gerade besonders gefragt.“

Mit der Altstadt trumpfen

Die große Streitfrage ist nur, wo dieser neue Wohnraum entstehen soll. Holger Schmidt, Stadtrat der Großfraktion würde am liebsten auf neue Eigenheimstandorte setzen, damit bauwilligen Familien nicht nach Weinböhla, Niederau, Coswig, selbst Nossen abwandern. "Diese Gemeinden haben es verstanden, in der Vergangenheit bedarfsgerechte Flächen zur Verfügung zu stellen", so Schmidt, der bemängelt, dass in Meißen in der Vergangenheit nicht ausreichend gehandelt wurde.

Heiko Schulze möchte stattdessen mit attraktiven Wohnungen in der Innenstadt trumpfen: "Wir vergleichen uns ständig mit Weinböhla oder Coswig, die mehr bauen können." Weinböhla sei eben die Gartenstadt und Meißen nicht. "Dafür sind wir die Altstadt im Elbtal." Ein Vorbild für weitere Sanierungsprojekte könne die Görnische Gasse sein. Denn wenn die Stadt tatsächlich schrumpft, braucht es dann wirklich weitere Wohnflächen auf Feldern und Wiesen? Dafür gebe es in den Wohngebieten noch genügend Lücken – vom Fellbacher Bogen bis zum Ziegeleigelände. "Wenn das alles voll ist und trotzdem noch großer Bedarf ist, können wir noch mal reden. Aber den sehen wir bislang nicht."

Ein weiterer Ansatzpunkt sei, der Jugend weniger Gründe zu bieten, die Stadt zu verlassen. Dafür müssten die Angebote für zwölf bis 18-Jährige stärker ausgebaut werden, sagt Lassotta. Anhaltspunkte würden sich aus der Jugendstudie ergeben, die bei Meißner Jugendlichen zwischen 14 bis 27 Jahren nachgefragt hat. "Eine weitere Idee wäre die Eröffnung eines Universitätscampus", schlägt Uwe Köhler vor. "Bereits heute unterrichtet die TU Dresden alle forstwirtschaftlichen Studiengänge am Standort Tharandt, etwa 15 Kilometer vom Hauptcampus der TU Dresden entfernt. Mit unserer Geschichte als Porzellanstadt könnte ich mir einen Prozess- und Verfahrenstechnikorientierten Unistandort gut vorstellen."

Ingolf Brumm von der Linksfraktion sieht die größte Baustelle ganz woanders: "Wenn wir wirklich die Stadt entwickeln und auf Zuzug setzen wollen, dann müssen wir Allererstes das Verkehrsproblem lösen und den Verkehr aus der Stadt heraus bringen." Auch Lassotta drängt auf ein intelligentes Verkehrskonzept, damit die Feuerwehr-Kreuzung zu Stoßzeiten nicht mehr überlastet ist. Ein schlichtes Durchfahrtsverbot sei allerdings nicht so einfach umzusetzen und schon allein durch Gesetze unterbunden. Zudem müsse eine Ausgleichsmöglichkeit geschaffen werden. "Wenn wir den Plossen zu machen, haben wir immer noch den Tunnel und damit bleibt der Verkehr an der Feuerwehr-Kreuzung."