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Corona: Jeder Baumarkt öffnet anders

Der Riesaer Toom hat offen, sagt am Dienstag ein Gerücht. Offenbar durchschaut kaum noch jemand die Vorschriften.

Torsten Melzer, Inhaber des Toom-Baumarktes in Meißen, darf das Gartencenter wieder öffnen. In den Baumarkt dürfen nur Gewerbetreibende.
Torsten Melzer, Inhaber des Toom-Baumarktes in Meißen, darf das Gartencenter wieder öffnen. In den Baumarkt dürfen nur Gewerbetreibende. © Claudia Hübschmann

Riesa/Meißen. Frühlingszeit, Baumarktzeit. Diese Grundregel wird durch die Corona-Vorschriften auf die Probe gestellt. Noch vergangene Woche durften Baumärkte in Sachsen öffnen. Zumindest die Gartenabteilungen. Dann war damit Schluss: Denn Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) hatte am Dienstag vor einer Woche verlauten lassen, dass Baumärkte „komplett zu“ bleiben sollten - mit Verweis auf das Bundesinfektionsschutz-Gesetz.

Eine Woche später sieht schon wieder alles ganz anders aus. Am Dienstagvormittag kursiert in Riesa eine private Facebook-Mitteilung. Toom habe offen, heißt es dort - was für viele hochgereckte Daumen als Reaktion sorgt. Ein Riesaer macht sich gleich auf den Weg. Und stößt tatsächlich auf einen regulär geöffneten Markt, bei dem Paletten mit Gartenprodukten vor dem Eingang warten. Aber auch die Regale mit Werkzeug, Holzleisten oder Farbeimern stehen jedem Besucher offen.Wie das? Von der für Toom zuständigen Pressestelle der Rewe-Group heißt es, „Gartenmärkte“ dürften gemäß Infektionsschutzgesetz öffnen. „Unsere Gartencenter zählen ebenfalls hierzu.“ Man halte sich „selbstverständlich“ jederzeit an die geltenden Verordnungen der jeweiligen Landkreise oder Kommunen und stehe in regelmäßigem Austausch mit den Behörden.

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Kunden sind verunsichert

Ganz normal geöffnet hat der Toom-Baumarkt in Meißen, sagt Geschäftsführer Torsten Melzer, der den Markt seit März 2003 im Firmenverbund mit Toom führt. „Normal“ heißt für ihn in diesen Zeiten, dass bei einer Inzidenz von über 150 Produkte online über eine Website oder App bestellt und die Ware dann vor Ort abgeholt werden kann. „Eine Ausnahme gilt für Gewerbetreibende. Sie können jederzeit im Baumarkt einkaufen. Es gilt Maskenpflicht, ein negativer Coronatest ist aber nicht nötig“, so Torsten Melzer. Fällt die Inzidenz unter 150, können auch private Kunden in den Markt. Aber nur mit Maske und einem tagesaktuellen negativen Corona-Test.

Anders ist es im Gartencenter. Das ist uneingeschränkt für alle Kunden geöffnet. Auch dann gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln, jedoch ist kein Coronatest nötig. Bereits am Montag hatte die Gartenabteilung geöffnet. „Das war ja strittig und nicht nachvollziehbar, dass Sachsen auch die Öffnung der Gartenabteilungen verbot, normale Gärtnereien aber öffnen durften. Das ist alles nicht mehr nachvollziehbar. Wer so etwas entscheidet, hat jeden Bezug zur Realität verloren und sollte vielleicht mal mit den Menschen an der Basis reden“, so der Geschäftsführer. Zum Glück sei Köppings Sozialministerium nach heftigen Protesten zurückgerudert.

Der Baumarkt ist und bleibt abgesperrt für Privatkunden. „Wir können das ohne großen Aufwand machen, denn die Gartenabteilung wurde erst ein Jahr nach der Eröffnung angebaut, hat einen separaten Eingang“, so Torsten Melzer. Am Montag sei der Kundenandrang groß gewesen, am Dienstag ließ er sichtlich nach. „Die Kunden sind total verunsichert, wissen nicht, was gerade gilt. Dabei sollte doch alles einfacher werden. Gerade der Einkauf im Gartencenter ist auch sehr witterungsabhängig“, so der Geschäftsführer. Er hofft nun, dass die Inzidenz im Landkreis bald soweit sinkt, dass er seinen Baumarkt wieder für Private öffnen kann. „Ansonsten fahren die Kunden in Landkreise, in denen geöffnet ist. Dort wird es dann richtig voll“, fürchtet er. Die gleichen Regeln wie beim Toom gelten auch für den Obi-Markt in Meißen und Landmaxx in Lommatzsch.

Kein Baumarkt, sondern Großmarkt

Bei der Konkurrenz zieht man aus denselben Regeln offenkundig andere Schlüsse. Beim Baustoff- und Werkzeugspezialisten Handelshof, gleich auf der anderen Straßenseite von Toom im Riesapark, gilt schon seit dem ersten Lockdown 2020 die Regel: „Verkauf nur an Handwerker“. Daran hat sich auch am Dienstagvormittag nichts geändert, so das Verkaufspersonal.

Zwei Kilometer weiter, beim Stabilo-Baumarkt am Neubauernweg, bleiben die elektronischen Schiebetüren gleich ganz zu: Ein Aushang weist darauf hin, dass nur das Abholen vorbestellter Waren möglich ist - nach Terminvereinbarung.

Regulär geöffnet für alle Kunden hat am Dienstag dagegen der Baustoff-Fachhändler Paulich in Glaubitz. Dort gibt es Dübel und Schaufeln genauso wie Betonsteine oder Rindenmulch. „Wir sind kein Baumarkt, sondern ein Großmarkt“, heißt es zur Erklärung. Und außerdem führe man Heizöl im Sortiment und habe Post-Dienstleistungen - alles Gründe, um auch unter Corona-Regeln geöffnet zu haben.

Politik hat großes Chaos ausgelöst

„Hier hat die Politik noch einmal, bevor sich die Lage hoffentlich entspannt, ein großes Chaos ausgelöst“, sagt Jörn Brüningholt, Sprecher vom Branchenverband Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) in Köln. Nach Wochen der Verwirrung durch regionalspezifische Öffnungsbestimmungen habe die Bundesregierung versucht, die Bestimmungen durch eine Schärfung des Infektionsschutzgesetzes zu vereinheitlichen und so verständlich zu machen.

Man müsse allerdings feststellen, „dass dieses Unterfangen nicht nur gescheitert ist, sondern im Gegenteil noch mehr Verwirrung ausgelöst hat“, so BHB-Chef Peter Wüst. Das abgeänderte Infektionsschutzgesetz lasse sehr große Interpretationsspielräume zu, die nicht nur von den einzelnen Bundesländern, sondern auch bis in die Ebene lokaler Ordnungsämter stark unterschiedlich ausgelegt würden. Die Bürger würden sich deshalb eigene Wege suchen - und etwa in angrenzenden Landkreisen in die Märkte strömen. Dabei würden sie genau den Einkaufstourismus schaffen, den die Politik verhindern will.

„Wir fordern die Politik dringend auf, bundesweit die unsinnigen Schließungsmaßnahmen zu beenden und einen geregelten, abgesicherten Zugang zu Bau- und Gartenfachmärkten zu ermöglichen“, so Wüst.

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