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Der Mann aus dem Nichts

Linken-Bundestagsbewerber Markus Pohle war vor seiner Kandidatur im Kreis vollkommen unbekannt. Doch er hat ihn schätzen gelernt.

Vorwärts und nie vergessen: die Solidarität! Markus Pohle ist zwar erst Jahrgang 1991, aber trotzdem ein Linkspartei-Kandidat für den Kreis Meißen mit festen Prinzipien.
Vorwärts und nie vergessen: die Solidarität! Markus Pohle ist zwar erst Jahrgang 1991, aber trotzdem ein Linkspartei-Kandidat für den Kreis Meißen mit festen Prinzipien. © Norbert Millauer

Meißen. Plötzlich steht er da. Kurzfristig fand sich ein Gesprächstermin mit dem Linkspartei-Bewerber für den Meißner Bundestagssitz Markus Pohle im Eiscafé San Marco am Großenhainer Marktplatz. Ein Zweiertisch an der Hauswand im Schatten ist reserviert. Der Reporter schaut gerade die E-Mails auf dem Smartphone durch. Dann spricht ihn der Linken-Politiker auch schon an. Man trinkt kleine Radeberger in Vorfreude auf das am Abend im Kulturschloss anstehende Podium. Pohle dreht sich eine Zigarette.

Es ist das zweite persönliche Treffen. Am 7. September hatte der junge Mann, Jahrgang 1991, bereits einen ersten größeren Auftritt im Meißner Burgkeller beim Kandidatenforum der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Moderation durch die SZ. Der gebürtige Chemnitzer überzeugte durch Redegewandtheit, harte Fakten und gute Argumente. Doch wo kommt er eigentlich her? Wie hat er sich dieses Auftreten erworben? Und was führt ihn in den Landkreis Meißen?

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Die Geschichte der Linken-Bewerber zu Bundestagswahlen im heutigen Wahlkreis Meißen ist, vorsichtig gesagt, gemischt. 2009 trat der langjährige Pressesprecher der Linken-Bundestagsfraktion Hendrik Thalheim an, um CDU-Spitzenmann Thomas de Maizière sein Mandat streitig zu machen. Der Sozialist versprach einen Graswurzel-Wahlkampf, welcher letztlich jedoch ein paar Zentimeter oberhalb der Rasenkante endete. Thalheim bekleckerte sich nicht mit Ruhm.

2013 folgte der heutige Senator für Stadtentwicklung und Wohnen des Landes Berlin Sebastian Scheel, der damals im sächsischen Landtag saß. Trotzdem ging es im Ergebnis für die Linke im Vergleich zu 2009 nochmal 3,6 Prozentpunkte nach unten. Auch Tilo Hellmann, der aktuell die Meißner Stadtratsfraktion der Linkspartei führt, konnte diesen Trend 2017 nicht aufhalten. Er landete mit 14,5 Prozent der Direktstimmen nochmals über drei Prozentpunkte unter dem Ergebnis von Scheel.

2015 war ein entscheidendes Jahr

Pohle hat sich schon am Gymnasium in Chemnitz als Sprecher zeitig gesellschaftlich engagiert, sagt er selbst. Andere auch. Der neurechte Herausgeber der Jugendzeitschrift Blaue Narzisse, Felix Menzel, gehörte zu seinem schulischen Umfeld. Was für ein Zufall: Menzel soll mittlerweile in Meißen sesshaft geworden sein. Anfangs habe es ihn nicht in die Politik gezogen, sagt Pohle. Die Stagnation sei einfach zu offensichtlich gewesen. Keine Aussicht auf Bewegung habe bestanden. Es herrschte die große Langeweile. Spätestens 2015 änderte alles.

Wer auf die private Facebookseite des Linken-Bewerbers schaut, dem wird schnell klar, dass hier jemand mit internationaler Erfahrung schreibt. In der Hauptstadt Indiens, Neu-Delhi, hat er zeitweise studiert. Fotos und Videobeiträge vom Subkontinent und aus aller Welt sind auf seinem Facebook Account prominent. Pohle liefert dazu oft zuspitzende Kommentare. Der junge Mann mit kurzrasiertem Kopf, der intellektuellen Goldrandbrille, dem schwarzen Oberteil und den modischen, schwarzen Hochwasserhosen blickt stets nachdenklich, leidend oder kritisch in die Kamera. Der Gesichtsausdruck als Teil einer Weltanschauung.

Markus Pohle (29) aus Leipzig hat mehrere Jahre an der Uni Leipzig Geschichte sowie Europastudien studiert und danach als Koch gearbeitet. Aus dieser Erfahrung heraus soll es im Wahlkampf um das Direktmandat für den Bundestag im Wahlkreis Meißen vor allem
Markus Pohle (29) aus Leipzig hat mehrere Jahre an der Uni Leipzig Geschichte sowie Europastudien studiert und danach als Koch gearbeitet. Aus dieser Erfahrung heraus soll es im Wahlkampf um das Direktmandat für den Bundestag im Wahlkreis Meißen vor allem © Linkspartei Kreisverband Meißen

Dass wieder "faschistische Parolen" gebrüllt worden seien, im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise habe ihn bei der Rückkehr nach Deutschland bewegt, so der Linken-Kandidat. Gleichzeitig kam Dynamik in die Parteienlandschaft der Bundesrepublik. Das habe ihn dazu gebracht, sich politisch aus dem Fenster zu lehnen, sagt er. Doch warum gerade bei der Linken? Welche Anziehungskraft übt die überalterte, auf den Osten konzentrierte Partei auf einen jungen Mann mit Idealen aus?

Vielleicht lässt sich das teilweise mit einem Strang aus Pohles Biografie erklären. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater arbeitet in einem Kraftwerk, das bald abgeschaltet werden soll. Da stimmen die kommunistischen Klischees von der proletarischen Herkunft.

Pohle kehrt das korrekte Klassenbewusstsein auch gern heraus. In den vergangenen Wochen hat er den Mitarbeitern der Teigwaren Riesa und des Rewe-Zentrallagers in Starbach bei Nossen den Rücken gestärkt. "Alte Verbindungen aufleben lassen", sagt der Jung-Sozialist. Es gehe nicht an, dass dreißig Jahre nach dem Zusammenfinden von DDR und BRD immer noch Einkommensunterschiede existieren. Womöglich dauere dies ein weiteres Jahrzehnt an. Vierzig Jahre Ungleichheit: Genauso lange oder kurz hat auch der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden existiert.

"Ich genieße den Wahlkampf"

Zurück zum Thema: Wie kommt der Mann aus dem Nichts nach Meißen? Persönliche Verbindungen seien dies gewesen. Er genieße den Wahlkampf im Kreis. In Radebeul, Riesa und Meißen gebe es drei sehr aktive Gruppen der Linksjugend. "Wenn die 70-jährige Genossin und der siebzehnjährige Nachwuchs mit rosa gefärbtem Haarschopf im Hof des Hauses für Vieles in Meißen diskutieren, dann ist mir das viel wert", sagt Pohle.

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Wenn er so ins Reden kommt, ist er kaum zu bremsen. Der Mann aus dem Nichts scheint angekommen zu sein, zumindest für den Wahlkampf im Kreis Meißen.

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