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Die neuen Weltempfänger

Der Kunstverein Meißen hat ein weltbekanntes Kunstwerk neu interpretiert. Einen Aspekt haben alle Künstler besonders hervorgehoben.

Das geöffnete Nähkästchen wirkt erst auf den zweiten Blick makaber.
Das geöffnete Nähkästchen wirkt erst auf den zweiten Blick makaber. © Claudia Hübschmann

Meißen. Die Beton-Radios sollten gar nicht in Meißen sein. Doch die angesetzte Kunstausstellung aus Leipzig samt Symposium wurde zu kurzfristig abgesagt. Statt mit einem Lückenfüller ist die Kunstsammlung Dresden mit einem außergewöhnlichen Kunst-Projekt in die Bresche gesprungen. Als wären die aus Beton gegossenen "Weltempfänger" der weltbekannten Isa Genzken nicht schon einen Besuch wert, hat sich die Kunstsammlung Dresden ein neues Ausstellungskonzept einfallen lassen: Fünf sächsische Künstler sollten zu Genzkens Werk ein eigenes entwickeln. Mehr als fünf Wochen Zeit blieb dafür nicht. 

Da Radios heute kaum noch eine Rolle spielen, haben die Künstler nach modernen Interpretationsmöglichkeiten gesucht. Der Künstler Silvio Zesch hat sich die Frage gestellt, welches Gerät heute den Weltempfänger ersetzen könnte und sich für Amazons Sprachassistenten entschieden. Herausgekommen ist ein Beton-Bohrkern in ähnlichem Stil, darüber ein Linoleum-Siebdruck-Bild einer aktuellen Alexa-Werbung: "So wirkt die Werbung allerdings wie aus den 70-ern", beschreibt Kuratorin Maren Marzilger. Damit würde sich der Kreis wieder schließen, denn dadurch, dass Zesch sein Werk auch in Beton gegossen hat, gibt er dem Sprachassistenten genauso ein Verfallsdatum: Auch wenn Alexa deutlich mehr kann.

Stars im Strampler aus Meißen
Stars im Strampler aus Meißen

Hier werden Fotos von Neugeborenen aus der Region gezeigt oder die im Landkreis Meißen Verwandtschaft haben. Vielleicht ist auch Ihr Bild bald dabei?

"Das Senden und gleichzeitige Empfangen ist ein Element, dass sich durch die ganze Ausstellung zieht", sagt Wiebke Herrmann, die ein Selbstporträt zur Ausstellung beigesteuert hat. In grüner Militäruniform und strengem Blick sitzt die Künstlerin vor einer Holzwand. Nur etwas stimmt nicht. An die Ohren hat sie sich skurrile, überdimensionale Hörschalen gemalt. "Ich habe zuerst in alle möglichen Richtungen gedacht, aber dann habe ich mich wieder an dieses Bild erinnert", erzählt Herrmann vom Entstehungsprozess. 

Es habe ein bisschen gedauert, bis sie herausgefunden hat, für was diese Ohrmuscheln gut sind und schließlich herausgefunden, dass die Konstruktion dazu diente, um feindliche Fahrzeuge früher hören zu können, eine Technik, die bereits im Zweiten Weltkrieg durch den Radar ersetzt wurde. "Ich habe statt dem Soldaten mich selbst gemalt, weil wir als Künstler unsere Umwelt auch sehr genau aufnehmen, aber stark gefiltert wieder rausgeben."

Die Ausstellung soll Impulse bieten, um über den eigenen Medienkonsum ins Gespräch zu kommen: Einen guten Anstoß bietet das abgefahrene Werk von André Tempel, der mit einer Installation aus Gummistiefeln, Schläuchen und Gymnastikbällen einen ironischen Kommentar zum heutigen "Prosument" abgibt. Schließlich sind wir nicht mehr nur Konsumenten wie zu Zeiten des Weltempfängers, sondern können mit ein paar Klicks selbst zum Produzenten werden.

Bis zum 10. Oktober ist die Ausstellung 'Ortsgespräche mit Weltempfänger' im Kunstverein Meißen zu sehen.  

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