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Radeburger Zille-Karikaturenpreis geht an den Rhein

Mit acht Monaten Verspätung konnte der diesjährige Gewinner Frank Kunert jetzt den Preis entgegennehmen. Gleichzeitig wurde seine Personalausstellung eröffnet.

Frank Kunert mit dem Preis, der Urkunde und seiner Siegerarbeit „Hoch hinaus“ nach der Verleihung des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises 2021 im Hof des Radeburger Heimatmuseums.
Frank Kunert mit dem Preis, der Urkunde und seiner Siegerarbeit „Hoch hinaus“ nach der Verleihung des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises 2021 im Hof des Radeburger Heimatmuseums. © SZ/Sven Görner

Radeburg. Der Zeitpunkt der Preisverleihung war nicht weniger ungewöhnlich als der Ort, an dem diese am Freitagabend stattfand. Drei Monate vor Weihnachten wurde der gebürtige Rheinländer Frank Kunert als dritter Heinrich-Zille-Karikaturenpreisträger im Hof des Heimatmuseums geehrt.

Normalerweise findet die Würdigung Anfang Januar anlässlich des Geburtstages von Radeburgs bekanntestem Sohn und Namensgeber des Preises statt. Würdiger Ort war dafür bisher der Ratssaal der Zille-Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums. Doch die Corona-Pandemie brachte in diesem Jahr nicht nur den Zeitplan der Preisvergabe und der mit diesem verbundenen zwei Karikaturen-Ausstellungen durcheinander, sie ist auch verantwortlich für den ungewöhnlichen Ort der Ehrung.

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Gut zwei Dutzend Gäste waren am Freitagabend dennoch der Einladung von Bürgermeisterin Michaela Ritter (parteilos) und der Galerie Komische Meister Dresden gefolgt. Die Stadt hatte den Preis 2018 zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit der Galerie ausgelobt. Bei spätherbstlichen kühlen Temperaturen von 15 Grad lauschten die Besucher den launigen Ausführungen von Galerist Peter Ufer, der der Frage nachging, was komische Kunst ist. Sein Galerie-Kompagnon Mario Süßenguth hielt die Laudatio auf den Preisträger.

Täuschend echte Modelle

Frank Kunert, Jahrgang 1963, arbeitet nicht wie die meisten seiner Karikaturisten- und Cartoon-Kollegen mit Stift und Farbe. Er baut seine satirischen Welten als verblüffend echt wirkende Miniatur-Modelle. An diesen arbeitet er mitunter wochenlang. Kauft dafür im Baumarkt und im Künstlerbedarf ein und manchmal auch im Lebensmittelladen. Denn Salz gibt den besten Schnee für seinen manchmal frostigen Kosmos, so Mario Süßenguth. Denn, so fährt der Laudator fort, Frank Kunert will genau arbeiten, damit sein wunderbarer Schwindel möglichst nicht auffliegt.

„Die Autobahn muss nach Autobahn aussehen, die Kirche, die plötzlich zum Parkhaus voller Autos wird, muss nach einer echten Kirche aussehen, die urige holzvertäfelte Kneipe mit dem Stammtisch, an dem jeder, seine eigene kleine abgetrennte Zelle hat, - das muss den Betrachter so täuschen, damit er es glaubt, damit er staunt und lacht und darüber nachdenkt, wie weit es die Menschen treiben mit ihrer oft selbstverordneten Einsamkeit.“

Stimmt auch das letzte Detail, fotografiert Frank Kunert seine selbst geschaffenen Universen aufwendig und meisterlich im Studio. Auch dabei überlässt der gelernte Fotograf nichts dem Zufall - weder Lichteinfall, noch Winkel oder Abstand.

Kunerts Werke der Komischen Kunst - deren Witz und die Wahrheit oft schmerzlich komisch, makaber, abgrundtief sind - haben auch international Erfolg und waren in New York und Frankreich ausgestellt. Mehrere Bücher zeigen die grotesken und skurrilen Szenen aus der Werkstatt des Künstlers.

"Hoch hinaus" - die Siegerarbeit des diesjährigen Preisträgers.
"Hoch hinaus" - die Siegerarbeit des diesjährigen Preisträgers. © Frank Kunert

Die Mutter des in Frankfurt/Main geborenen Künstlers stammt aus Dresden, der Vater aus Leipzig, deshalb fühle er sich Sachsen seit jeher verbunden, so der ausgebildete Fotograf, der inzwischen nahe Koblenz lebt, in Boppard am Rhein. „Ich freue mich sehr“, sagte er am Freitagabend bei der Übergabe des mit 1.000 Euro dotierten Preises, dessen Sponsor in diesem Jahr das Unternehmen Antea Bestattungen ist.

Knapp 80 Künstlerinnen und Künstler hatten sich an dem zum dritten Mal deutschlandweit ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt. Dieser stand unter dem Motto „Schluss mit lustig!“ und beschäftigt sich mit dem Thema „Tod und Humor“. Eine Jury hat den Preisträger Ende vergangenen Jahres aus über 400 eingereichten Werken ermittelt. Auf Kunerts Siegerbild „Hoch hinaus“ ist ein Treppenlift in einer alten Villa zu sehen, dessen Schiene durchs geöffnete Fenster bis in den Himmel führt.

Die Arbeiten des Preisträgers sind deutlich rarer als die vieler seiner zeichnenden Kollegen. Gerade einmal sechs bis acht entstehen pro Jahr, wie Frank Kunert sagt. Kein Wunder bei dem Aufwand für ihre Inszenierung. Und so hat der Künstler in der Vergangenheit auch in verschiedenen Jobs gearbeitet - ob nun in der Altenpflege oder als Nachtwächter.

Neuer Wettbewerb soll bald starten

Normalerweise wird bei der Preisverleihung im Heimatmuseum eine Ausstellung mit eingereichten Wettbewerbsbeiträgen gezeigt. In der zweiten Jahreshälfte steht dann eine Personalausstellung des Preisträgers auf dem Programm. Diese findet nun fast planmäßig statt. Die Schau zum Zille-Preis 2021 soll dagegen mit einem Jahr Verspätung Anfang 2022 nachgeholt werden.

Vorbereitet wird derzeit die Ausschreibung für den Karikaturenpreis 2022. Dessen Gewinner soll die Jury voraussichtlich im Februar/März ermitteln. Es wird also noch eine Weile dauern, bis der normale Preisverleihungs- und Ausstellungsrhythmus wiedergefunden ist.

Während Frank Kunert als Preisträger am Freitag keine Überraschung mehr war, hielt der Abend dennoch eine bereit. Denn der mit der Sanierung des Museums und des benachbarten jetzigen Archivgebäudes ebenfalls neu gestaltete Hof, entpuppte sich als ein Ort, an dem künftig auch andere Veranstaltungen denkbar sind. Das sollte bei etwas angenehmeren Temperaturen durchaus mal ausprobiert werden.

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Die Personalausstellung „Witz und Wirklichkeit - die Welt des Frank Kunert“ ist im Radeburger Heimatmuseum Dienstag von 10 bis 12 und 13 bis 18 Uhr sowie Donnerstag von 10 bis 12 und 13 bis 16 Uhr zu sehen. Geöffnet ist auch jeden 1. und 3. Samstag im Monat von 14 bis 16 Uhr.

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