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Horkaerin kämpft gegen die Corona-Depression

Ärzte und Krankenschwestern sehen besonders viel Leid. Das hinterlässt Spuren. Die 25-Jährige hat das selbst durchgemacht - und bietet jetzt Hilfe an.

Julia Hein berät Beschäftigte aus Gesundheitsberufen, die für sich in der aktuell schwierigen Corona-Situation keinen Ausweg mehr finden.
Julia Hein berät Beschäftigte aus Gesundheitsberufen, die für sich in der aktuell schwierigen Corona-Situation keinen Ausweg mehr finden. © André Schulze

Die Corona-Zeit ist neben den Infizierten vor allem für die Betreuer in Kliniken, Seniorenheimen, Behinderteneinrichtungen und Hospizen schwer zu verkraften. Seit über einem Jahr ist der Tod nicht mehr nur ständiger Begleiter. Immer öfter behält er sogar die Oberhand. Für das medizinische Personal eine echte Herausforderung, die vor allem psychisch schwer zu verkraften ist. Eine Hotline bietet hier gezielt Hilfe an.

Als das Coronavirus im vergangenen Jahr durch die Seniorenheime fegte und eine Spur von Trauer und Verzweiflung hinterließ, war Julia Hein selbst "unten durch". Die 25-jährige Horkaerin hatte sich von ihrer Arbeitsstelle, dem Nieskyer Hospiz, freiwillig in den benachbarten "Abendfrieden" schicken lassen, als das Personal dort reihenweise ausgefallen war und das Heim unter Quarantäne stand. "Ich hatte mich eigentlich als psychisch stabil eingeschätzt, aber die Situation dort hat mir ziemlich zugesetzt", erinnert sie sich. Ständig Vollschutz. Permanent Angst, sich selbst anzustecken. Sich da untereinander aufzubauen, war schwierig. "Jeder Kollege hat selbst seine Probleme. Man spricht zwar mit dem anderen. Aber wirklich entlastend ist das nicht."

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Kleiner Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen

Seit Anfang 2021 sitzt Julia Hein deshalb für den Verein Psychosoziale Unterstützung (PSU) akut e.V. am Telefon, fängt Kollegen aus dem Gesundheitswesen mit einfühlenden Worten und Beratung auf. Hierbei greift sie auch auf ihre eigenen Erfahrungen zurück. Denn neben ihrem Job im Hospiz ist die gelernte Altenpflegerin auch Mitglied in einem Einsatznachsorgeteam der Feuerwehr, hat sich dafür extra ausbilden lassen.

Vor allem seit März hat sie an der PSU-Helpline ordentlich zu tun. "Die Leute sind einfach fertig. Schon ein kleiner Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen. Für viele ist die Dauerbelastung nicht mehr zu ertragen." Am anderen Ende der Leitung sind alle Berufsgruppen des medizinischen Personals. "Zum Beispiel der Notfallsanitäter, der am Tag fünf Corona-Fälle in die Klinik gefahren hat und am Abend erfährt, dass der erste davon schon verstorben ist. Oder die Frau, die für ihren Partner anruft, weil die Psychologen-Landschaft in Deutschland zu große Lücken hat." Es ist eine besondere Form von Perspektivlosigkeit, die ihr am Hörer entgegenschlägt. Wie ein Marathon, der kein Ende nimmt. "Ich fühle mich wie jemand, der am Rand steht und ein Glas Wasser reicht."

Doch dieses Glas Wasser ist eminent wichtig. Das Zuhören, das Verständnis, der Zuspruch und das Gefühl, in der Katastrophe nicht allein zu sein. "Die meisten Anrufer kotzen sich zu Beginn regelrecht aus. Sie wollen ihre Geschichte los werden. Anfangs war das beherrschende Thema die mangelnde Schutzausrüstung. Oder es ging darum, sich mit 30 oder 40 Jahren das Virus einzufangen, dann die Kinder oder Eltern anzustecken. Nach einem Jahr Pandemie sind die Menschen einfach seelisch und körperlich ausgebrannt, haben ihre Belastungsgrenze erreicht", erzählt Julia Hein.

Nach oft zehnminütigem Monolog übernimmt die Horkaerin allmählich den offensiveren Part. Jetzt kommt ihr das Erlernte von der Einsatznachsorge zugute. "Stabilisieren, Sicherheit geben, dem Hilfesuchenden seine Reaktion erklären und dann Perspektiven aufzeigen. Damit hole ich die Anrufer aus ihrem Redeschwall heraus und gebe ihnen wieder Halt. Ein Stückchen wenigstens."

Beim Telefonat mit ganzem Herzen dabei

Die 25-Jährige ist als einzige in Sachsen eine von bundesweit rund 40 ehrenamtlichen Beratern der PSU-Helpline. Sie haben im Laufe des vergangenen Jahres etwa 2.000 Personen aus dem Gesundheitswesen mentale Unterstützung gegeben. Das waren nicht nur Ärzte und Krankenschwestern. Auch Mitarbeiter von Gesundheitsämtern, der Rettungsdienste, von Feuerwehr und Jugendämtern. Sogar Reinigungskräfte, die in Gesundheitseinrichtungen tätig sind. All jene also, die mit dem Leid der Corona-Pandemie in Berührung kommen.

Gegründet wurde der Verein PSU akut e.V. 2013 in Bayern als Folge immer wiederkehrender Belastungssituationen im Gesundheitswesen. Das Coronavirus und seine Folgen waren im März 2020 Auslöser dafür, die in ganz Deutschland agierende Helpline ins Leben zu rufen. Geschäftsführer Andreas Igl verweist darauf, dass es für besonders schwere Fälle weiterführende Beratungen gibt. "Wir haben in unserer Struktur auch psychosoziale Fachkräfte und Therapeuten. Außerdem kooperieren wir mit verschiedenen Fachverbänden."

Julia Hein ist froh, wenn sie ihren Berufskollegen helfen kann. Mit in ihr persönliches Leben nimmt sie die Probleme aber nicht. "Während des Telefonats bin ich mit ganzem Herzen dabei, danach kann ich mir aber eine Distanz dazu schaffen." Und sie hofft, dass das auch den Betroffenen am anderen Ende der Leitung gelingt.

Die Helpline für Beschäftigte in Gesundheitsberufen ist zu erreichen unter 0800 0911912. Die Beratung ist absolut anonym.

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