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Wird der Martinshof vom Busnetz abgehängt?

Die Haltestelle vor dem MVZ fehlt im neuen Fahrplan des Kreises. Für Kranke und Senioren könnte die Fahrt zum Arzt nach Rothenburg damit schwieriger werden.

Von Frank-Uwe Michel
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Das könnte bald ein Bild der Vergangenheit in Rothenburg sein. Die Bushaltestelle am Martinshof und MVZ soll ab Januar 2022 nicht mehr angefahren werden.
Das könnte bald ein Bild der Vergangenheit in Rothenburg sein. Die Bushaltestelle am Martinshof und MVZ soll ab Januar 2022 nicht mehr angefahren werden. © André Schulze

Nicht nur der Schulbusverkehr ist eine Klippe, die der Landkreis umschiffen muss, ehe der runderneuerte Busfahrplan Anfang Januar nächsten Jahres in Betrieb gehen kann. Auch an anderer Stelle zeigen sich Ungereimtheiten. Jüngstes Beispiel ist die Haltestelle am Rothenburger Martinshof, die künftig nicht mehr bedient werden soll. In der Stadt macht sich Unmut darüber breit, war sie doch besonders für Patienten des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) wichtig, die zur An- und Abfahrt den öffentlichen Busverkehr nutzten. Doch wie ist die Situation aktuell? Die SZ hat nachgefragt.

Stadträte: Haltestelle sollte erhalten bleiben

Eine einheitliche Meinung hat sich der Rothenburger Stadtrat darüber zwar noch nicht gebildet. Eine Tendenz gibt es aber schon. CDU-Fraktionschef Steffen Schlafke beobachtet die Lage mit "kritischem Auge". Auch wenn er sich noch nicht detailliert mit dem Thema beschäftigt hat, will er sich angesichts der Bedeutung der Haltestelle für den Patienten- und Seniorenverkehr "vehement gegen eine Abbestellung sträuben." Ähnlich formuliert es Philipp Eichler, der mit CDU-Mandat im nächsten Jahr bei der Bürgermeisterwahl antreten will und die Zukunft der Stadt deshalb besonders im Blick hat. "Diese Haltestelle muss zwingend weiter angefahren werden. Sie wegzulassen, wäre ein grober Fehler." Siegfried Schulze, der für die Partei Die Linke im Stadtrat sitzt, hält ebenfalls nichts von der Rotstiftpolitik des Kreises. Der Halt am MVZ werde vor allem von denen frequentiert, "die zum Arzt müssen oder Freunde und Angehörige im Martinshof besuchen."

Diakonie: Halt am Martinshof wird nicht mehr gebraucht

Diakonie-Sprecherin Doreen Lorenz blickt noch einmal auf die Anfänge der Haltestelle zurück. "Sie wurde initiiert, als das Medizinische Versorgungszentrum in dem neuen Gebäude seine Arbeit aufgenommen hat." Seit 2008 hätten den Punkt verschiedene Buslinien bedient. Um dies auch finanziell zu untersetzen, schlossen der Landkreis Görlitz und die Diakonie eine Vereinbarung ab. Die regelte die Beteiligung an den Kosten. Demnach zahlte St. Martin in den vergangenen Jahren zwischen 4.500 und 6.000 Euro.

Laut Lorenz hat sich die Annahme der Haltestelle durch die Bevölkerung "leider nicht so entwickelt, wie wir das ursprünglich angenommen haben. Von unserem Klientel wird sie kaum bis gar nicht genutzt." Viele Fahrten - zum Beispiel in der Tagespflege - würden von Fahrdiensten übernommen. Die Beschäftigten der Werkstätten für Menschen mit Behinderung nutzten zwar den ÖPNV, kämen morgens aber mit einer Buslinie, die den Halt am Martinshof nicht anfahre. "Sie laufen vom Markt aus auf die Mühlgasse." Laut Google Maps beträgt die Entfernung rund 450 Meter. "Das ist für sie so in Ordnung", meint die Sprecherin.

Das Fahrgastaufkommen an der Haltestelle am Martinshof hält sich stark in Grenzen. Davon konnte sich der SZ-Reporter selbst überzeugen.
Das Fahrgastaufkommen an der Haltestelle am Martinshof hält sich stark in Grenzen. Davon konnte sich der SZ-Reporter selbst überzeugen. © André Schulze

Und auch die Menschen aus dem ambulant betreuten Wohnen - also das Klientel, das den Bus selbstständig nutzt - sind nicht auf die Haltestelle am Martinshof angewiesen. "Sie leben am Markt und steigen natürlich dort in den Bus ein." Die Diakonie habe sich deshalb im August dazu entschlossen, die umstrittene Haltestelle zu kündigen. Gespräche zu deren Beibehaltung habe es bisher nicht gegeben, so Lorenz.

MVZ: Finanzielle Beteiligung ist nicht möglich

Lange Zeit hat das Medizinische Versorgungszentrum auf seiner Internetseite mit der guten Erreichbarkeit durch den Bus geworben. Aktuell gibt es keinen Hinweis mehr darauf. Vor allem Patienten aus Görlitz und Weißwasser nutzten die Verbindung, um zu ihrem Arzt zu kommen. "Das war über die Jahre gesehen vielleicht nicht die Masse", erklärt MVZ-Geschäftsführerin Anke Drese. "Aber der Weg von der nächstmöglichen Haltestelle am Markt bis zu uns ist schon eine Hürde für ältere und kranke Menschen." Das geplante Aus für den Halt tue ihr deshalb ausgesprochen leid. "Ich wäre dafür, dass die Busse auch weiter hier halten."

Allerdings haben sich die Vorzeichen im Laufe der Zeit geändert. Musste das MVZ in den Anfangsjahren noch um Patienten werben, können sich die hier angestellten Ärzte inzwischen kaum noch vor Anfragen retten. Wie die Diakonie finanziell an dem Angebot beteiligen, will und kann sich das MVZ nicht. Auch wenn das Versorgungszentrum eine 100-prozentige Tochter von St. Martin ist, "sind wir doch eine kleine Gesellschaft. 6.000 Euro im Jahr sind für uns zu viel", betont Anke Drese.

Landkreis: Weiteres Vorgehen ist noch unklar

Der Landkreis gibt zu dem Problem noch keine Stellungnahme ab. Eine entsprechende SZ-Anfrage bleibt unbeantwortet. Sprecherin Julia Bjar teilt nur soviel mit: Die Verwaltung werde sich Ende der Woche zum weiteren Vorgehen äußern.

Zukunft: Haltestelle am Martinshof läuft wohl aus

Die Vorzeichen stehen schlecht für die Zukunft der Haltestelle. Zu wenig Auslastung, keine finanzielle Unterstützung durch Diakonie oder MVZ. Lediglich der Wille von Stadträten, das Angebot aufrechtzuerhalten. Das dürfte nicht reichen, damit ab Januar 2022 Busse weiterhin in die Mühlgasse fahren und dort auch halten.