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Schweinepest: Werden jetzt Wälder und Felder gesperrt?

Durch Wanderer und die Ernte nimmt die Übertragungsgefahr des Virus weiter zu, auch durch Überläufer aus Polen. Dort ist die Lage völlig außer Kontrolle.

Wildschweine können sich im Landkreis Görlitz immer weniger sicher sein. Neben verstärktem Abschuss wird jetzt wegen der Afrikanischen Schweinepest auch mit Sauenfallen um eine Reduzierung der Bestände gekämpft.
Wildschweine können sich im Landkreis Görlitz immer weniger sicher sein. Neben verstärktem Abschuss wird jetzt wegen der Afrikanischen Schweinepest auch mit Sauenfallen um eine Reduzierung der Bestände gekämpft. ©  Archiv/dpa

Im "Schatten" des Coronavirus spielt die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest im Landkreis Görlitz eine vermeintlich untergeordnete Rolle. Dass die Bekämpfung der Tierseuche aber eminent wichtig ist, macht die jüngste Entwicklung deutlich. Denn obwohl der Abschuss der Schwarzkittel forciert wurde, viele Kilometer feste und Elektrozäune die Ausbreitung verhindern sollen und nach einem ausgeklügelten Gefahrenmanagement gearbeitet wird, nimmt die Bedrohung der Hausschweinbestände durch das Virus weiter zu. Und das hat Gründe.

198 infizierte Tiere wurden seit dem 30. Oktober vergangenen Jahres in Sachsen festgestellt. Seit dem in der Nähe von Skerbersdorf durch Monitoring entdeckten Präzedenzfall stemmt sich der Freistaat mit vielfältigen Mitteln gegen die Ausbreitung der aus Polen herübergeschwappten Seuche. Und weil sämtliche Fälle im Landkreis Görlitz festgestellt wurden, ist die Anspannung hier besonders groß. Zumal die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen: Waren es im vierten Quartal 2020 noch 17 infizierte Schweine, wurde im ersten Quartal 2021 das Virus schon bei 69 Tieren nachgewiesen. Im zweiten Quartal 2021 waren es sogar 112. Landrat Bernd Lange formuliert die erforderliche Strategie deshalb in drastischen Worten: "Schießen, schießen, schießen! Wir bekommen die Sache sonst nicht in den Griff."

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Der Elektrozaun an der Neiße bringt nur bedingt Schutz. Bei Kahle Meile zwischen Rothenburg und Zentendorf hat eine Rotte Wildschweine die Barriere bereits mehrfach durchbrochen.
Der Elektrozaun an der Neiße bringt nur bedingt Schutz. Bei Kahle Meile zwischen Rothenburg und Zentendorf hat eine Rotte Wildschweine die Barriere bereits mehrfach durchbrochen. © André Schulze

Nach Angaben des stellvertretenden Amtstierarztes Dr. Udo Mann sind etwa die Hälfte der im Landkreis aktiven 1.000 Jäger in die Abschussmaßnahmen der Wildschweine involviert. Aber auch das Amt selbst arbeitet offenbar an der Belastungsgrenze. Vor allem was die Entnahme der von den Jägern erlegten Tiere im fast 1.000 Quadratkilometer großen gefährdeten Gebiet zwischen Görlitz und Weißwasser betrifft. Auf SZ-Anfrage teilt er mit: "Der Aufwand ist nicht unerheblich, sodass der Landkreis für diese Aufgabe zunehmend geschulte Verwaltungshelfer heranzieht." Dies seien entweder Mitarbeiter von Kommunen und Feuerwehren oder Beschäftigte aus anderen Landkreisverwaltungen.

Noch allerdings geht die Bergung der toten Tiere offenbar zügig vonstatten. Man reagiere "möglichst tagaktuell", so Dr. Mann. Lediglich bei späten oder Meldungen am Wochenende könne die Entnahme durch die vom Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt (Lüva) entsandten Teams einen Tag länger dauern. Der stellvertretende Amtstierarzt wehrt sich jedoch gegen Vorwürfe aus der Jägerschaft, die Lüva-Mitarbeiter würden gemeldete Schwarzkittel erst nach ein oder zwei Wochen aus der Restriktionszone holen. "Derartige Äußerungen sind eine Unterstellung und diskreditieren die Bemühungen aller Beteiligten." Je eher die Bergung erfolge, desto geringer sei das Risiko, dass das Virus durch Aasfresser verschleppt wird, begründet er die Eile.

Waldsperrung würde Borkenkäferlage fördern

Die Gefahr kommt aber noch aus einer anderen Richtung. Denn an Pflanzen und Bäumen hält sich der Krankheitserreger bis zu sechs Wochen, haben sich mit ASP infizierte Wildschweine daran gerieben oder sind durch's Feld gestreift. Als erstes wird schon bald das Wintergetreide von den Halmen geholt - und mit ihm möglicherweise das Virus. "Die Gefahr besteht natürlich, dass die Schweinepest dadurch in die Ställe gelangt. Wir werden die Landwirte bei der Ernte deshalb intensiv begleiten", so Dr. Mann. Auflagen gebe es aber vorerst nicht.

Auch die Wälder im Kreis sollen weiter für jedermann begehbar bleiben, obwohl Wanderer und Pilzsammler das ASP-Virus unter Umständen mitschleppen könnten. "Wir haben in Sachsen eines der liberalsten Waldgesetze in Deutschland", so der Lüva-Experte. Betretungsverbote seien Sache der Landesdirektion, "aktuell aber nicht angedacht". Dr. Mann bringt dabei die Verhältnismäßigkeit ins Spiel: "Würde man Arbeiten im Forst oder auf den Feldern verbieten, könnten wir zwar das Virus besser bekämpfen, würden aber dem Borkenkäfer in die Karten spielen." Zudem würde ein solcher Schritt Regressforderungen der Land- und Forstwirtschaftsbetriebe nach sich ziehen.

Im Raum Zittau soll zusätzlicher fester Zaun installiert werden. Hier wie überall im Landkreis gibt es jedoch ein Problem: Das Material wird in Größenordnungen geklaut. Dagegen soll künstliche DNA eingesetzt werden, um die Diebstähle zu erschweren..
Im Raum Zittau soll zusätzlicher fester Zaun installiert werden. Hier wie überall im Landkreis gibt es jedoch ein Problem: Das Material wird in Größenordnungen geklaut. Dagegen soll künstliche DNA eingesetzt werden, um die Diebstähle zu erschweren.. © André Schulze

So kämpft der Landkreis hauptsächlich an zwei Fronten weiter gegen die Schweinepest. Statt der Flächenabsuche sollen künftig verstärkt Kadaversuchhunde zum Einsatz kommen. Ab diesem Monat lässt der Freistaat erstmals zusätzliche Stöber- und Fährtenhunde dafür ausbilden. Ergänzend dazu werden bereits rund 30 Sauenfallen eingesetzt. Die Schwierigkeit dabei: "Fünf, sechs gefangene Schweine auf einmal abzuschießen, ist nicht jedermanns Sache", so Dr. Mann.

Künstliche DNA soll gegen Zaun-Diestahl helfen

Darüber hinaus wird das Netz der Schutzzäune weiter komplettiert. Bis jetzt wurden 200 Kilometer fester Zaun im nördlichen Kreis und insgesamt rund 90 Kilometer Elektrozaun in neißenahen Gebieten installiert. In den nächsten Wochen soll auch im Raum Zittau mit festem Zaun weiter aufgerüstet werden. Landrat Bernd Lange kündigt außerdem den Einsatz von künstlicher DNA an, um den immer stärker um sich greifenden Diebstahl der Zaunelemente zu bekämpfen.

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Lange hofft, mit allen genannten Maßnahmen Zeit zu gewinnen, um dem aus Polen kommenden Verbreitungsdruck des Virus standzuhalten. Dort, hat er den Eindruck, haben die Behörden den Kampf im Wildtierbereich inzwischen aufgegeben. Rothenburger Jäger hätten tote Schweine auf der anderen Neißeseite gesichtet. "Leider bleiben sie liegen. Bei unseren Nachbarn passiert einfach nichts." Inzwischen seien in Polen schon Hausschweinbestände von der Krankheit betroffen.

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