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Wie Leihgänger Tierheimen in der Corona-Zeit helfen

Claudia Preuß möchte einen Hund haben. Doch beruflich geht's nicht. So holt sie sich für Stunden Tiere aus dem Horkaer Heim. Das fühlt sich derzeit fast wie ein Zoo an.

Claudia Preuß geht mit Mischling Charly aus dem Tierheim Horka spazieren.
Das ist vor allem wichtig in der kontaktarmen Coronazeit.
Claudia Preuß geht mit Mischling Charly aus dem Tierheim Horka spazieren. Das ist vor allem wichtig in der kontaktarmen Coronazeit. © André Schulze

Claudia Preuß lässt sich von Corona nicht die Tierliebe verderben. Jeden Sonnabend nimmt sich die 24-Jährige rund vier Stunden Zeit, um ein paar der Vierbeiner im Tierheim Horka etwas Gesellschaft und menschliche Zuneigung zu geben. Sie ist eine von rund zehn Leihgängern, die regelmäßig in ihrer Freizeit Hunde für Stunden aus dem Tierheim nehmen, beispielsweise zum Gassigehen.

"Im Dezember 2018 haben mein Freund und ich eine Katze übernommen", erzählt die junge Frau. Sie habe sich schon immer im Tierschutz engagieren wollen, aus zeitlichen und beruflichen Gründen habe das aber erst im Herbst 2019 geklappt. Seitdem werden zuerst die Katzen im St. Horkano zwei Stunden lang beschmust. Danach holt sich Claudia Preuß für weitere zwei Stunden einen Hund zum Gassigehen. In jüngster Zeit sind es entweder Charly, ein kleiner sportlicher Typ, oder Motte, die aus einem rumänischen Tierheim stammt und das Ganze eher schüchtern über sich ergehen lässt.

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Obwohl Claudia Preuß so tierlieb ist, ist es unmöglich, einen von beiden für immer nach Hause zu holen. "Ich hätte gern einen Hund. Aber wir haben so lange und unregelmäßige Arbeitszeiten. Da können wir momentan keine artgerechte Haltung garantieren." So bleibt sie eine Leihgängerin.

Hunde und Katzen freuen sich über Beschäftigung

Mit Beginn der zweiten Coronawelle im Herbst hat Claudia Preuß ein paar Wochen Gassi-Pause eingelegt. Erst im Januar ging es wieder los. "Wir alle wollten so wenig Kontakte wie möglich verursachen, auch wenn die Übergabe der Hunde mit Mund-Nasen-Schutz erfolgt und mit den Katzen ausschließlich mit Maske gekuschelt wird, wenn die Mitarbeiter hier gleichzeitig ihrer Arbeit nachgehen." Ihr verändertes Aussehen habe die Vierbeiner nicht irritiert. "Die freuen sich einfach, wenn sich jemand mit ihnen beschäftigt."

Von einer in der Coronazeit höheren Vermittlungsquote kann im Tierheim St. Horkano indes keine Rede sein. Kurzarbeiter oder Leute aus dem Homeoffice mit dem Drang, sich die Zeit zu Hause mit einem tierischen Gefährten zu vertreiben, spielten in der Horkaer Einrichtung bisher kaum eine Rolle. "Bei uns klingelt natürlich immer das Telefon. Dass aber mehr Hunde und Katzen ein neues Zuhause gefunden hätten - so ist es nicht", sagt Aimeé Zille. Außerdem gebe es bei jeder Vermittlung ein Vorgespräch. "Da würden wir schon herausfinden, wenn nicht ehrliche Tierliebe dahintersteckt."

Die Horkaer Tierheim-Betreiber haben sogar einen gegenteiligen Trend ausgemacht. "Wir haben in diesem Jahr bis jetzt weniger Tiere abgegeben und vermuten, dass das auch 2022 so sein wird." Als Grund nennt Aimeé Zille den boomenden Welpenschmuggel und die Offerten der oft skrupellosen Verkäufer auf einschlägigen Plattformen im Internet.

Tierheim Horka kommt sich wie ein Tierpark vor

Statt eine Vermittlungshochburg ist das St. Horkano mit seinen derzeit rund 40 Hunden und 80 bis 100 Katzen in der Coronakrise eher zum Mekka schaulustiger Besucher geworden. "Wir kommen uns manchmal wie ein Tierpark vor", erzählt Zille. Weil die Zoos in den vergangenen Monaten geschlossen waren, seien die Leute zum Tierheim gepilgert und am Zaun entlangspaziert. "Sie haben sich die Kaninchen angeschaut oder die Waschbären gefüttert. Der Andrang, vor allem an den Wochenenden, war noch nie so groß."

Auch wenn sie Charly regelmäßig unter ihre Fittiche nimmt - ihn dauerhaft mit nach Hause nehmen, schafft Claudia Preuß berufsbedingt nicht.
Auch wenn sie Charly regelmäßig unter ihre Fittiche nimmt - ihn dauerhaft mit nach Hause nehmen, schafft Claudia Preuß berufsbedingt nicht. © André Schulze

Das Hauptproblem in Horka sind allerdings die weggebrochenen Einnahmen aus der Tierpension. Statt der sonst in Ferienzeiten oft üblichen jeweils 15 Hunde und Katzen sind rund um Pfingsten gerade mal vier Plätze belegt. "Sommer, Herbst, Silvester im vergangenen Jahr - da ist keiner verreist. Deshalb hat auch keiner sein Haustier bei uns unterbringen wollen", macht Aimeé Zille deutlich. Mehrere tausend Euro Verluste seien so aufgelaufen. Bei jeweils zwei Festangestellten, Azubis und Mitarbeiterinnen im Freiwilligen Ökologischen Jahr kommen einige Fixkosten zusammen. Zudem bezahlt das Tierheim durchschnittlich 3.000 Euro für Behandlungen beim Tierarzt im Quartal.

Situation der Interessenten wird hinterfragt

Hilfreich ist da die hohe Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Vor allem Futter wird herangeschafft. Aber auch finanzielle Unterstützung hat es schon gegeben. Wie im Görlitzer Tierheim Krambambuli. Dort allerdings ist die Gesamtsituation eine etwas andere. Gassigehen ist momentan generell nicht möglich. Vermittelt werden die circa 50 Hunde und 90 Katzen nur nach Termin. "Das hat den Vorteil, dass die Interessenten ganz gezielt zu uns kommen. Wir hinterfragen dann auch, wie es um die persönliche Situation bestellt ist", erklärt Monika Urban. "Wenn sich herausstellt, dass jemand nur kurzfristig seine Langeweile überbrücken will, dann sagen wir Halt", so die Schatzmeisterin des Tierschutzvereins Görlitz und Umgebung.

Anders als in Horka gibt es in der Neißestadt in der Coronazeit eine erhöhte Nachfrage nach kleinen Hunden. Aber auch Katzen würden gut vermittelt, so Monika Urban. Die Befürchtung ihrer Horkaer Kollegen, dass es zum Jahresende hin einen Schwung an Rückgabetieren geben werde, teilt sie nicht. Aimeé Zille meint dagegen: "Wir sehen die Gefahr vor allem bei Junghunden, die nicht gelernt haben, allein zu bleiben, wenn ihre Frauchen und Herrchen wieder arbeiten müssen."

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