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Wird im Nieskyer Waggonbau bald wieder gestreikt?

Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Unternehmen stocken. Die Stimmung im Betrieb ist schlecht. Das hat mehrere Gründe.

Von Frank-Uwe Michel
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Mitte Juli war es noch ein Warnstreik. Sollte sich zeitnah keine Einigung zwischen Gewerkschaft und Geschäftsleitung ergeben, sind Streiks im Waggonbau Niesky nicht ausgeschlossen.
Mitte Juli war es noch ein Warnstreik. Sollte sich zeitnah keine Einigung zwischen Gewerkschaft und Geschäftsleitung ergeben, sind Streiks im Waggonbau Niesky nicht ausgeschlossen. © André Schulze

Rund zwei Monate, nachdem Matus Babik die Geschäfte von seinem Vorgänger Martin Weisenpacher - der im Oktober 2020 zugleich sein Nachfolger war - übernommen hat, sind die Tarifverhandlungen zwischen dem Nieskyer Waggonbau und der IG Metall massiv ins Stocken geraten. Das bestätigte jetzt die zuständige Gewerkschaftssekretärin Eileen Müller auf SZ-Anfrage.

Noch Ende August - nur wenige Tage nach dem Wechsel auf dem Chefsessel - hatte sich Müller mit Babik getroffen und dabei den Standpunkt von Belegschaft und Gewerkschaft klargemacht. Immerhin waren 180 der rund 360 Mitarbeiter schon Mitte Juli in einen Warnstreik getreten und hatten ihre Forderungen deutlich artikuliert. Dabei ging es unter anderem um eine sechsprozentige Lohnsteigerung, aber auch um ein in die Zukunft weisendes Unternehmenskonzept, das den Waggonbauern die nötige Sicherheit bietet.

Beide Seiten liegen weit auseinander

Inzwischen hat Eileen Müllers Optimismus erste Risse bekommen. "Positiv im Vergleich zu seinem Vorgänger ist, dass uns Herr Babik zumindest ein Angebot auf den Tisch gelegt hat, über das wir reden können. Negativ ist, dass wir uns in grundsätzlichen Dingen wie der Ausrichtung des Unternehmens und dem Umgang mit der Belegschaft im Kreis drehen.“ Mehr ins Detail gehen will die Verhandlungsführerin der Gewerkschaft aus Rücksicht auf die noch laufenden Tarifgespräche nicht. Im Moment gebe es jedenfalls keinen Fortschritt. Und ob ein Abschluss - wie angestrebt - bis zum Jahresende gelinge, sei davon abhängig, "ob es seitens der Geschäftsführung ein Interesse an einer Einigung gibt."

Fest steht, dass beide Seiten offenbar nicht nur beim Geld weit auseinander liegen. Denn vonseiten der slowakischen Eigentümer fehle die Wertschätzung für die hier geleistete Arbeit, so Eileen Müller. Schon unter Martin Weisenpacher hatte Tatravagonka moniert, dass die Produktivität in Niesky nur bei 60 Prozent liege, was viel zu niedrig sei und nicht noch höher honoriert werden könne. Die Hoffnung, dass nach dem Führungswechsel ein Einlenken möglich wird, ist nach Ansicht der Gewerkschaftssekretärin inzwischen in weite Ferne gerückt.

Nacharbeit ist eines der größten Probleme

Im Gegenteil: "Die Eigentümer aus Poprad haben den Druck auf das hiesige Management offenbar noch einmal erhöht. Der Betrieb soll endlich schwarze Zahlen schreiben und nicht länger ein Zuschussgeschäft bleiben", sieht Müller den Grund für die bislang unversöhnliche Haltung der Geschäftsleitung. Beim Blick auf die Situation in dem Nieskyer Werk ist ihr dies jedoch völlig unverständlich: "Die Auftragsbücher sind voll. Aber es gelingt nicht, alles ordnungsgemäß abzuarbeiten." Grund hierfür sei aber nicht die - per se - angeblich schlechte Produktivität. "Die kommt nur deshalb zustande, weil Zubehörteile aus anderen Tatravagonka-Werken nicht die erforderliche Qualität besitzen und deshalb hier permanent nachgearbeitet werden müssen." Das sei auch ursächlich für Warte- und Leerlaufzeiten in der Produktion.

Die Lage sei bedenklich, so Eileen Müller. Die unsichere Zukunft habe mehrere, dringend im Produktionsprozess benötigte Fachkräfte dazu bewogen, sich anderswo einen neuen Job zu suchen. "Die Leute resignieren, wenn die Standortleitung auf stur stellt." Deshalb habe die Gewerkschaft auch Schwierigkeiten mit dem Unternehmenskonzept: "Der Wille, den Standort erfolgreich zu machen, ist nicht erkennbar. Es kann eben nicht sein, dass Niesky nur dazu da ist, Aufträge abzugreifen. Diese Philosophie geht - wie man sieht - nicht auf. Wir als IG Metall erwarten mehr Mut von der Betriebsleitung, sich für eine klare Perspektive der Beschäftigten auszusprechen."

Gewerkschaft stimmt sich mit Kollegen ab

Sollten sich beide Seiten in den nächsten Gesprächsrunden nicht annähern können, sind Streiks im Waggonbau Niesky nicht ausgeschlossen. Wann sich Betriebsleitung und Gewerkschaft wieder zusammensetzen, steht derzeit allerdings nicht fest. In den nächsten Tagen will sich Eileen Müller mit den Kollegen vor Ort beraten, um das weitere Vorgehen abzustimmen.